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Woom-Gründer Ihlenfeld und Bezdeka: „Wir haben das Kinderrad neu gedacht“

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Die Woom-Gründer Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka

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Die Woom-Gründer Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka über Österreich als Start-up-Standort, Krisenzeiten als Chance und warum Kinder kompromisslose Produkttester sind.

Die Woom-Gründer Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka über Österreich als Start-up-Standort, Krisenzeiten als Chance und warum Kinder kompromisslose Produkttester sind.

Die Gründung von woom fiel in eine Phase, in der die österreichische Startup-Szene noch wenig international sichtbar war. Wie schwierig war es damals, Kapital, Know-how und Reichweite aufzubauen?

Marcus: Es war am Anfang sehr schwierig, da wir woom bewusst ohne externe Investoren bootstrappen wollten, diese kamen dann erst im Jahr 2019 mit an Bord. Die Finanzierung erfolgte in der frühen Phase über unser gesamtes Netzwerk, teils auch durch kleine Privatkredite von Unterstützer:innen. Es war in der damals noch wenig international sichtbaren österreichischen Startup-Szene eine Herausforderung, Kapital, Know-how und Reichweite aufzubauen.

Ein globaler Player wie woom ist in Wien ansässig: Zufall oder System? Österreich wird oft als solider, aber nicht besonders dynamischer Startup-Standort beschrieben. Teilen Sie diese Einschätzung oder wird unser Land unterschätzt?

Marcus: Ehrlich gesagt war das eher Zufall als Planung. Christian und ich haben uns in Wien kennengelernt. Christian und ich – damals Marketingchef von Opel Österreich – haben im Rahmen eines Projekts bei Opel zusammengearbeitet. Schnell haben wir unsere gemeinsame Leidenschaft fürs Radfahren entdeckt.

Wir beide waren zu diesem Zeitpunkt gerade Jungväter und auf der Suche nach dem perfekten Kinderrad, das es damals am Markt nicht gab. Christian brachte als Industriedesigner die Produktidee und das Design ein, ich mein Marketing- und Sales-Know-how und genau diese Kombination war von Anfang an entscheidend, weil das eine ohne das andere nicht funktioniert.

Wien ist Ihr Unternehmensstandort. Welche Standortvorteile nutzen Sie konkret und wo stößt Österreich im internationalen Wettbewerb an Grenzen?

Christian: Wien bzw. Österreich ist unser Heimmarkt und der Ort, an dem vor 13 Jahren die woom Erfolgsgeschichte begonnen hat. Wir sehen hier gute Standortvorteile wie ein starkes Innovationsumfeld und die geopolitisch günstige Lage. Grenzen im internationalen Wettbewerb nehmen wir nur bedingt wahr, entscheidend ist für uns vor allem die globale Ausrichtung unseres Geschäfts.

Können Sie kurz erklären, wie Sie auf die Idee gekommen sind: woom zu gründen? Was war ausschlaggebend für die Gründung, woher kommen Sie beide und woher kennen Sie sich?

Christian: Mein Sohn Luka hat mich auf die Idee gebracht. Als begeisterter Radfahrer war mir wichtig, dass er auf einem wirklich guten Fahrrad unterwegs ist – aber genau das habe ich am Markt damals nicht gefunden. Damals waren Kinderräder im Grunde nur verkleinerte Erwachsenenräder. Also habe ich kurzerhand selbst ein Kinderrad entworfen. Wir haben das Kinderrad neu gedacht, konsequent aus der Perspektive von Kindern, ergonomisch angepasst und superleicht.

Mit Marcus habe ich meinen kongenialen Partner gefunden: Er bringt die Business-, Marketing- und Sales-Expertise ein, ich stehe für Design und Innovation. Diese Kombination hat uns von Anfang an stark gemacht – wie Yin und Yang ergänzen wir uns perfekt. Gerade in schwierigen Phasen ist es ein großer Vorteil, gemeinsam zu gründen, weil man sich gegenseitig tragen und motivieren kann. Entscheidend ist am Ende wirklich, den richtigen Partner mit an Bord zu haben.

Für viele Eltern ist ein woom bike eher eine Investition als ein reiner Konsumartikel.

Marcus Ihlenfeld

Sie haben auch andere unternehmerische Projekte umgesetzt, etwa im Möbelbereich mit höhenverstellbaren Tischen. Was unterscheidet erfolgreiche von weniger erfolgreichen Gründungen aus Ihrer Erfahrung?

Christian: Aus meiner Erfahrung sind drei Dinge entscheidend für erfolgreiche Gründungen – ganz unabhängig von Branche oder Idee. An erster Stelle steht ein exzellentes Produkt, das echten Kundennutzen stiftet, gefolgt von einem konsequenten Fokus auf die Kundinnen und Kunden. Ebenso wichtig ist ein starkes Team-Setup. Gerade die Kombination aus komplementären Gründerpersönlichkeiten, die sich gegenseitig ergänzen und stärken, kann dabei der entscheidende Erfolgsfaktor sein.

Während der Pandemie erlebten wir einen Fahrradboom: Wie sieht es jetzt aus? Ist der Boom vorbei oder geht es erst richtig los? Wie sehen Sie die Entwicklung des Fahrradmarktes aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht: Werden wir in den nächsten Jahren (durch steigende Spritkosten etc.) nochmal mehr auf Räder umsteigen? Was prognostizieren Sie und wie wird das Ihr Kerngeschäft beeinflussen?

Marcus: Der Fahrradboom der Pandemie hat sich inzwischen wieder auf ein Niveau vor der Pandemie eingependelt, insgesamt sehen wir immer noch einen herausforderndes Marktumfeld für die Branche. woom wächst dabei deutlich entgegen dem Markt und hat im Geschäftsjahr 2025 das erfolgreichste Jahr seiner Unternehmensgeschichte erzielt: knapp 150 Millionen Euro Umsatz, rund 400.000 verkaufte Fahrräder und rund 140.000 Helme.

Damit gewinnen wir kontinuierlich Marktanteile und zeigen die Stärke unserer Marke sowie unseres Fokus auf Innovation und Impact. Radfahren bleibt ein klarer Megatrend, getragen von Themen wie Gesundheit, nachhaltiger Mobilität und steigenden Mobilitätskosten.

Wie sieht es bei Ihren aktuellen Kennzahlen aus: Umsatzentwicklung, die wichtigsten Absatzmärkte und die Größenordnung der jährlich verkauften Räder? Wo entsteht das Design, wo wird produziert?

Marcus: 2025 war das erfolgreichste Jahr der Unternehmensgeschichte mit knapp 150 Millionen Euro Umsatz. Über 2 Millionen Kinder sind bereits in mehr als 40 Ländern auf woom bikes unterwegs. woom bikes werden in Österreich entwickelt und designed und von Produktionspartner weltweit produziert.

Wir verfolgen eine diversifizierte Produktionsstrategie mit Partnerfabriken in Asien und Europa, unter anderem in Bangladesch, Kambodscha, Vietnam sowie an europäischen Standorten. Wir bauen unser Produktions- und Lieferantennetzwerk kontinuierlich weiter aus – zuletzt auch durch einen neuen Produktionspartner in Europa – mit dem klaren Ziel einer verlässlichen und nachhaltigen Lieferkette.

woom positioniert sich eher im Premiumsegment. Wie sensibel ist Ihre Zielgruppe gegenüber Preissteigerungen, gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten?

Marcus: Für viele Eltern ist ein woom bike eher eine Investition als ein reiner Konsumartikel. Unsere Fahrräder sind wertbeständig und erzielen nach zwei bis drei Jahren sehr gute Wiederverkaufswerte, was die Gesamtkosten über die Nutzungsdauer relativiert. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten spielt dieser langfristige Wert eine wichtige Rolle in der Kaufentscheidung.

Wie gehen Sie mit steigenden Kosten entlang der Lieferkette um: Geben Sie diese weiter oder kompensieren Sie sie intern?

Marcus: Wir versuchen die Prozesse entlang der Lieferkette so lange wie möglich effizienter zu gestalten, doch manchmal ist eine Preisanpassung unumgänglich.

Ihre Zielgruppe sind letztlich Eltern als Käufer, aber Kinder als Nutzer. Wie etablieren Sie diese doppelte Perspektive in Marketing und Produktentwicklung?

Christian: Bei woom denken wir konsequent in einer Doppelperspektive: Kinder sind die Nutzer:innen, Eltern die Käufer:innen. In der Produktentwicklung steht immer das Kind im Mittelpunkt, mit vollem Fokus auf Leichtigkeit, Sicherheit und Fahrspaß, während wir gleichzeitig höchste Ansprüche an Qualität und Langlebigkeit für Eltern erfüllen.

Marcus: Im Marketing verbinden wir diese beiden Welten, indem wir emotionale Kindheitserlebnisse mit den rationalen Entscheidungsfaktoren der Eltern zusammenbringen. So entsteht Vertrauen und die gemeinsame Freude an Bewegung und Selbstständigkeit.

Der Wiederverkauf auf Plattformen wie willhaben bestätigt die Langlebigkeit und den hohen Werterhalt unserer Räder

Christian Bezdeka

Wie sehen Sie den Zweitmarkt – also den Wiederverkauf Ihrer Räder auf willhaben.at und Co: Ist das ein Problem für Sie, eine indirekte Konkurrenz? Wie gehen Sie damit um?

Christian: Die lange Nutzungsdauer eines woom bikes ist ein zentraler USP unserer Produkte und ein wichtiger Teil unseres Qualitätsversprechens. Der Wiederverkauf auf Plattformen wie willhaben bestätigt genau diese Langlebigkeit und den hohen Werterhalt unserer Räder. Wir sehen diesen Zweitmarkt daher nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung zum Erstmarkt. Entsprechend arbeiten wir auch mit Partnern wie refurbed zusammen, die refurbished woom Bikes weiter in den Kreislauf bringen.

Welche Kanäle funktionieren für Sie am besten und warum?

Marcus: Für woom ist es kein „entweder oder“, sondern ein klares „sowohl als auch“. Wir verfolgen eine Multichannel-Vertriebsstrategie mit eigenem Online-Shop sowie ausgewählten Fachhändlern. Damit geben wir Kundinnen und Kunden die Freiheit zu entscheiden, ob sie ihr woom-Bike direkt online kaufen oder die persönliche Beratung und Erfahrung im Fachhandel nutzen möchten. Beide Kanäle ergänzen sich und sind für uns gleichermaßen wichtig.

Mit dem woom lab betreiben Sie eine eigene Entwicklungsplattform. Welche konkreten Innovationen sind daraus zuletzt hervorgegangen?

Christian: Das woom Design Lab ist unser rund 20-köpfiges Innovationsteam bestehend aus Produktdesigner:innen und Ingenieur:innen, das kontinuierlich an neuen Produkten arbeitet und bestehende weiterentwickelt. Innovation ist tief in der woom DNA verankert, wir haben seit Beginn neue Maßstäbe in der Branche gesetzt und wollen das auch weiterhin tun.

Zu den jüngsten Entwicklungen zählt unter anderem das woom Wow, das weltweit einzige selbstbalancierende Laufrad für Kinder ab 9 Monaten, das die Allerkleinsten spielerisch in Bewegung bringt. Ein weiteres Beispiel ist das woom Explore e, unser Allround-E-Bike für Kids ab 8 Jahren.

Ein spannender Ansatz ist Ihr Kids Advisory Board: Wie genau ist dieses aufgebaut, wie wählen Sie die Kinder aus und wie fließen deren Rückmeldungen tatsächlich in die Produktentwicklung ein? Was lernen Sie von den Kids?

Christian: Das neu gegründete Kids Advisory Board von woom bringt Kinder unterschiedlicher Altersgruppen und Lebenswelten zusammen und gibt ihnen eine echte, gewichtige Stimme. In Workshops und kreativen Sessions beraten die Kids uns zu Storytelling, Kampagnenideen und Markenbotschaften und zeigen uns ungefiltert, wie sich Freiheit anfühlt, wie Abenteuer beginnen und wie das Aufwachsen auf zwei Rädern aus ihrer Perspektive aussieht. Die Rückmeldungen fließen direkt in unsere Arbeit ein und sorgen immer wieder für wichtige Aha-Momente – von Produkt- bis Kommunikationsentscheidungen.

Verdrängt das Kids Advisory Board die klassische Marktforschung?

Marcus: Nein, wir betreiben weiterhin auch klassische Marktforschung. Das Kids Advisory Board ergänzt diesen Ansatz jedoch sinnvoll, indem wir direktes Feedback von den kleinen Nutzerinnen und Nutzern unserer Produkte ohne Umwege einholen können. So beziehen wir Kinder sehr früh in den Entwicklungsprozess ein und gewinnen wertvolle Perspektiven aus ihrer Lebenswelt. Dadurch können wir noch gezielter Produkte gestalten, die wirklich für Kinder gemacht sind.

Lassen sich aus diesem Kids Advisory Board messbare Effekte ableiten – etwa in Form von besseren Produkten, geringeren Retouren oder höherer Kundenzufriedenheit?

Christian: Wir haben das Kids Advisory Board Anfang des Jahres ins Leben gerufen. Dass wir Kinder ins Zentrum unserer Produktentwicklung stellen, ist für uns jedoch nichts Neues – das haben wir schon immer so gemacht und werden wir auch in Zukunft so weiterführen. Wir hören genau zu und entwickeln die besten Kinderfahrräder, abgestimmt auf ihre Bedürfnisse und ihre Ergonomie.

Was waren die riskantesten Entscheidungen Ihrer Unternehmensgeschichte: Was würden Sie definitiv wieder machen – und was nie wieder?

Christian: Die Gründung von woom war sicher die riskanteste Entscheidung unseres Lebens, aber auch eine, die wir jederzeit wieder treffen würden. Gerade am Anfang sind wir viele leere Kilometer gegangen und haben auch Fehler gemacht. Es waren aber gerade die Rückschläge, die uns extrem geprägt haben.

Mit unserem neuen Startup poptop für flexible Kindermöbel merken wir, wie wertvoll diese Erfahrungen sind. Wir treffen heute viele Entscheidungen schneller und bewusster, weil wir viele Fehler gar nicht mehr machen und soviele Learnings aus den woom Gründungsjahren haben. Was wir definitiv nicht mehr machen würden: unseren Fokus verlieren, das ist vielleicht die wichtigste Lektion aus unserer Gründer-Reise.

Wenn Sie heute noch einmal gründen würden: Würden Sie wieder in Österreich starten? Oder wäre ein anderer Markt strategisch sinnvoller?

Christian: Österreich bzw. Wien war der Ort, wo sich die Wege von Marcus und mir gekreuzt haben. Die Geschichte von woom ist dadurch eng mit Wien verbunden, es ist die Stadt wo alles begonnen hat, wo aus einer Idee, eine Love Brand entstanden ist, die heute in über 40 Ländern präsent ist.  Aus meiner Sicht ist es weniger entscheidend, wo man gründet, sondern mit wem: dass der Partner passt und man sich gut ergänzt.

Sie haben sich Anfang 2022 aus der operativen Geschäftsführung zurückgezogen. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um sich aus seinem Start Up zurückzuziehen?

Marcus: Wir haben uns Anfang 2022 aus der operativen Geschäftsführung von woom zurückgezogen. Für uns ist es wichtig, beizeiten loszulassen und Verantwortung weiterzugeben. Hätten wir nicht immer Menschen an Bord geholt, die bestimmte Dinge besser können als wir, würden wir heute vermutlich noch in der Garage an Rädern schrauben.

Christian: Heute konzentriere ich mich wieder auf das, was uns am meisten Spaß macht: Fahrräder und Produkte zu entwerfen, die Kinder auch morgen noch begeistern. Und ich habe noch viele Ideen, die ich noch gerne umsetzen möchte.

Marcus: Und wir haben mit der soundslikeaplan academy begonnen, unser Wissen weiterzugeben. Gerade durch unser neues Projekt poptop haben wir noch einmal sehr deutlich gesehen, wie viel schneller Dinge vorankommen, wenn man auf neun von zehn Fragen bereits eine Antwort hat und genau dieses Erfahrungswissen möchten wir mit jungen Gründerinnen und Gründern teilen.

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