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Wolfgang Anzengruber: „Wenn wir warten, bis Frieden ist, sind wir sicher zu spät“

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Wolfgang Anzengruber

©Matt Observe

Der Ukraine-Koordinator der Bundesregierung spricht im Interview über Milliardenprojekte, geopolitische Rivalitäten, die Chancen heimischer Unternehmen und die heikle Frage, wie viel Geschäft während eines Kriegs legitim ist.

Sie sagen: „Wenn Frieden ist, ist es zu spät, um anzufangen.“ Oder: „Uns geht es ums Business in der Ukraine.“ Könnten das Kritiker als zynisch empfinden?

Man muss hier unterscheiden: Das eine ist die humanitäre Hilfe. Die ist wichtig und notwendig. Ein zweiter Teil ist der sogenannte Emergency-Bereich, wo es darum geht, das, was gestern zerstört wurde, möglichst schnell wieder zu reparieren. In diesen Bereichen ist Österreich aktiv und unterstützt. Der dritte Bereich ist der mittel- bis langfristige Wiederaufbau. Uns geht es jetzt im Wesentlichen um den dritten Bereich, nämlich um den Ausbau der wirtschaftlichen Partnerschaften mit der Ukraine.

Es gibt einen riesigen Bedarf – um Schäden zu reparieren, die durch den Krieg entstanden sind und damit auch Chancen, in die Zukunft der Ukraine zu investieren. Österreich war schon vor dem Krieg der sechstgrößte Investor in der Ukraine. Noch immer haben Tausende Unternehmen Geschäftsbeziehungen mit der Ukraine. Rund 200 haben fixe Niederlassungen beziehungsweise Gesellschaften in der Ukraine. Wir sind dort präsent.

Wo verläuft die Grenze zwischen notwendiger Vorbereitung auf den Wiederaufbau und einem wirtschaftlichen Wettlauf mitten im Krieg?

Wenn wir warten, bis Frieden oder Waffenstillstand ist, dann sind wir sicher zu spät. Denn die ganze Welt ist bereits aktiv. Der Slogan der Ukraine heißt: „Build Back Better“. Das heißt: Es geht nicht nur darum, Schäden zu beheben, sondern man will sich auch in die Zukunft entwickeln. Darum geht es auch bei ­unseren Investitionen.

Dieses Land ist im Krieg. Aber wirtschaftlich läuft das Land – und auch die Entwicklung der österreichischen Handelsbeziehungen mit der Ukraine war in letzter Zeit recht positiv. Wir hatten gerade im letzten Jahr etwa 16 Prozent Steigerung der Exporte in die Ukraine. Unsere Expertise ist durchaus gefragt.

Aber wir müssen ein paar Phasen unterscheiden. Die erste Phase ist das sogenannte Produktgeschäft: Produkte, die notwendig sind und die österreichische Unternehmen anbieten können, werden in die Ukraine verkauft. Jetzt beginnt das System- oder Projektgeschäft. Da geht es um Infrastruktur, Energiesysteme oder das Gesundheitswesen. Hier werden Partnerschaften diskutiert und Prioritäten festgelegt.

Österreich ist in einigen Bereichen stark, in denen es auch großen Bedarf gibt: Energie, Transformation und Infrastruktur

Wolfgang Anzengruber

Auf welche Schwerpunkte setzen Sie?

Österreich ist in einigen Bereichen stark, in denen es auch großen Bedarf gibt. Das ist auf der einen Seite der Energiebereich: Die Ukraine hat insbesondere das Ziel, die großen zentralen Energieerzeugungseinheiten zu transformieren – hin zu vielen kleineren, dezentralen Einheiten.

Das Zweite ist die Transformation: Weg von fossilen und nuklearen Schwergewichten hin zu erneuerbaren Energien. In diesen Bereichen hat Österreich große Expertise.

Ein weiteres Thema ist die Infrastruktur – insbesondere die Bahninfrastruktur. In der Ukraine geht es auch darum, das Bahnsystem sukzessive auf die europäische Spurweite umzustellen. Da können wir viel beitragen. Dazu kommen Maschinenbau, Holzindustrie, Gesundheit und Wohnbau – etwa bei Fertigteilhäusern.

Das heißt, bei Holz würden sich österreichische Unternehmen der Rohstoffe vor Ort bedienen?

Die Ukraine hat festgelegt, dass keine Exporte von Holz als Rohstoff mehr erlaubt werden. Sie wollen, dass im eigenen Land produziert wird und nicht nur Rohstoffe exportiert werden, um später fertige Güter zurückzukaufen. Die Ukraine will selbst Wertschöpfung schaffen.

Von welchem Investitionsvolumen ist die Rede?

Die Weltbank hat zuletzt einen Bedarf von 588 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau der Ukraine in den nächsten zehn Jahren festgestellt. Rund 30 Prozent entfallen auf die Beseitigung von Schäden. Zwei Drittel sind Zukunftsinvestitionen.

Sie haben sicher schon mal eine Rechnung angestellt, wie viele Milliarden auf Österreich entfallen könnten?

Es gibt kein offizielles Ziel. Wenn es uns gelingt, von diesen 588 Milliarden US-Dollar einen mittleren einstelligen Prozentsatz zu erreichen, dann reden wir von einigen Milliarden Euro für die österreichische Wirtschaft.

Ist aus Ihrer Sicht dieser Wiederaufbau inzwischen auch ein geopolitischer Machtkampf? Also, wer positioniert sich wo und wie?

Ich finde, das spielt schon eine Rolle. Es gibt seitens der Ukraine große Bestrebungen, näher an die Europäische Union heranzukommen. Aber das ist keine Einbahnstraße. Wir können auch einiges von der Ukraine lernen – gerade im Energie- oder im IT-Bereich.

Wer hat heute die besseren Startpositionen als Österreich?

Im nicht-militärischen Bereich sind wir derzeit in einer guten Position. Es gibt heute in zahlreichen Ländern Koordinierungsstellen – in fast allen EU-Ländern, aber auch in den USA oder China. Aber ich glaube, dass wir unter diesen Staaten sicher zu den vorderen Ländern zählen.

Sie sagen: „Wir wollen verhindern, dass wir finanzieren und andere liefern.“ Was heißt das übersetzt?

Die Europäische Union hat sehr viele Fonds aufgestellt. Es stehen Mittel und Garantien zur Verfügung. Es geht jetzt nicht darum, Geschenke zu verteilen. Es geht um wirtschaftlichen Nutzen. Wenn Europa finanziert, dann soll auch die europäische Wirtschaft davon profitieren können. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig in diesen Strukturen des Wiederaufbaus mitzuarbeiten.

Was meinen Sie, wenn Sie von einem „Europa-Protektionismus“ sprechen?

Genau das. Es geht uns darum, dass die Spezifikationen auf europäischen Normen basieren. Das heißt: Es geht nicht nur um den Preis, sondern auch um Nachhaltigkeit, Qualität und europäische Standards. Vor allem soll das zum Ausdruck bringen, dass die europäische Wirtschaft ein großes Interesse daran hat, die Ukraine künftig als Teil des europäischen Wirtschaftssystems zu sehen.

Wenn China schneller und billiger baut: Warum sollte sich die Ukraine für österreichische Anbieter entscheiden?

Es gibt einen Wettbewerb. Wenn jemand ausschließlich über den Preis kommt, wird es schwierig.

Das Land befindet sich im Krieg. Deshalb haben Garantieinstrumente eine enorme Bedeutung. Das Kriegsrisiko können Unternehmen nicht selbst tragen

Wolfgang Anzengruber

Ihre Aufgabe ist es, Hürden für Unternehmen zu reduzieren. Welche Hürden meinen Sie konkret – Bürokratie, Finanzierung oder geopolitische Nachteile Österreichs?

Es geht ja nicht nur darum, dass wir in Österreich gute Ideen haben, sondern wir brauchen Partner. Das heißt: Wir müssen Partnerschaften mit ukrainischen Kommunen oder Industrieunternehmen aufbauen. Diese müssen mit österreichischen Firmen zusammengebracht werden.

Wichtig ist auch die Abstimmung der Prioritäten mit der Ukraine. Es hat keinen Sinn, wenn wir Prioritäten setzen, die dort nicht gewünscht sind. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Finanzierung. Wenn die Finanzierung nicht funktioniert, wird auch kein Projekt umgesetzt. Das Land befindet sich im Krieg. Deshalb haben Garantieinstrumente eine enorme Bedeutung. Das Kriegsrisiko können Unternehmen nicht selbst tragen. Sonst kalkulieren sie sich aus dem Wettbewerb hinaus.

Deutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter argumentieren, dass jene Staaten bevorzugt werden sollen, die die Ukraine auch militärisch unterstützt haben. Hat Österreich als neutraler Staat hier einen Nachteil?

Ich kann nicht ausschließen, dass manche Zugänge auch über Waffenlieferungen geschaffen werden. Bisher ist uns das allerdings nicht als großes Hindernis aufgefallen. Die Ukraine unterscheidet sehr klar zwischen militärischen und zivilen Aspekten.

In Hintergrundgesprächen hört man allerdings durchaus schärfere Töne nach dem Motto: Österreich soll sich eher hinten anstellen …

Der Bedarf ist riesengroß. In jenen Schwerpunktbereichen, in denen Österreich Expertise mitbringt und langfristige Partnerschaften aufgebaut hat, können wir profitieren. Ein mittlerer einstelliger Marktanteil scheint realistisch.

Wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken: Woran würden Sie messen, ob Österreichs Engagement in der Ukraine erfolgreich war?

Ich messe es auf der einen Seite an den Volumina – also am Handels- und Geschäftsaustausch. Ich sehe es aber auch als Thema, bei dem wir viel Innovation einbringen können. Wien kann künftig auch eine Drehscheibe für die Ukraine in die Welt hinaus sein – etwa im Infrastruktur-, Güter- oder Flugverkehr. Die Osterweiterung war für Österreich ein riesiger Gewinn. Wenn es gelingt, eine ähnliche Erfolgsgeschichte auch mit der Ukraine zu schreiben, dann wäre auch das ein großer Gewinn.

Steckbrief

Wolfgang Anzengruber

Der 1956 in der Steiermark geborene Ingenieur führte die Verbund AG über vier Jahre. Auch nach seinem Abschied aus dem operativen Management blieb er eine öffentliche Stimme zu Energie- und Zukunftsfragen. 2025 übernahm Anzengruber die Funktion des Regierungskoordinators für den Ukraine-Wiederaufbau.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.

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