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Ukraine: Die riskante Friedenswette österreichischer Investoren

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Wolfgang Kulterer: Der frühere Hypo-Manager beschäftigt sich seit dem Ende seiner Banktätigkeit mit industrieller Landwirtschaft.

©APA-Images / APA / HERBERT NEUBAUER

Während sich die Frontlinie zwischen Russland und der Ukraine in den vergangenen Monaten kaum mehr signifikant verschoben hat, bringen sich bereits österreichische Investoren in Stellung und warten auf das Ende des Kriegs. Unter ihnen ein Ex-Banker mit bewegter Vergangenheit, der als Kopf hinter einem millionenschweren Agrarprojekt steht.

Entlang der ungarisch-rumänischen Grenze, unweit der rumänischen Stadt Arad, liegt eine Gegend, die auf den ersten Blick wenig Besonderes verspricht. Eine Region, die einst zur Habsburger-Monarchie gehörte und bis heute von der Landwirtschaft lebt. Industrielle Agrarflächen bis zum Horizont, links und rechts einer staubigen Sandpiste.

Und mittendrin, mitten im Nirgendwo, eine hochtechnisierte Siloanlage. Die Maschinen wirken neu, das Gelände gepflegt. Man ahnt es sofort. Hier steckt viel Geld drin. Vermutlich etliche Millionen Euro.

Kärntner in Rumänien

Kurz darauf tritt ein Mitarbeiter aus einem der Gebäude, offenbar der Geschäftsführer der Anlage. Im breiten Kärntner Dialekt fragt er, was man hier wolle. Privatgrund, sagt er knapp. Nur wessen Grund und Boden das eigentlich ist und wer hier das Sagen hat, das wollte er damals nicht näher erläutern.

Es ist das Jahr 2016. In Wien läuft der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Hypo Alpe Adria, jener Kärntner Bank, die verstaatlicht werden musste und die österreichischen Steuerzahler letztlich Milliarden kostete. Eine zentrale Frage stellte sich für den U-Ausschuss: Wohin floss das Geld, und war davon noch etwas wiederzuholen? Eine Spur führte bis nach Rumänien, zu industriell betriebener Landwirtschaft und einem Unternehmen namens Terracult.

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Als treibende Kraft hinter dem Projekt galt der ehemalige Hypo-Chef und Kärntner Landwirt Wolfgang Kulterer. Schon der Firmenname wirkte wie eine Anspielung auf seinen Nachnamen. Wohl ein Zufall.

Öffentlich wollte Kulterer sich damals allerdings nicht unbedingt mit dem Unternehmen in Verbindung bringen lassen. Zu tief steckte er in Verfahren, Prozessen und der politischen Aufarbeitung der Hypo-Affäre.

Fernab der Hypo

Und doch plante Kulterer beharrlich, rund 500 Kilometer von Wien entfernt, gemeinsam mit Investoren eine Art Neuanfang. Fernab der Heimat, fernab der negativen Schlagzeilen. Landwirtschaft galt als seine Leidenschaft. Kulterer stammt von einem Bauernhof oberhalb der Kärntner Bezirkshauptstadt Sankt Veit an der Glan, bis heute ein Lebensmittelpunkt für ihn. Gleichzeitig blieb er Finanzmanager: Selbst während der jahrelangen Ermittlungen gegen ehemalige Hypo-Manager gelang es ihm offenbar regelmäßig, weitere Investoren und finanzielle Zusagen für das Projekt zu gewinnen.

Mit an Bord waren damals unter anderen die millionenschwere Erbin Ingrid Flick sowie die Gründer von Kika/ Leiner, die Familie Koch. Einige von ihnen verbanden langjährige persönliche Beziehungen zu Kulterer und teilweise auch zur Kärntner Hypo unter seiner Führung.

Das rumänische Agrar-Business verfolgte jedenfalls einen klaren Plan: wachsen. Eine News exklusiv vorliegende vertrauliche Investorenpräsentation gibt Einblick in Struktur und Größenordnung des Projekts. Über die in Österreich ansässige Muttergesellschaft AgroEast GmbH wurden die rumänischen Tochterunternehmen Terracult und Donauland gesteuert. Laut den Unterlagen lag die operative Führung bereits 2015 bei Wolfgang Kulterer. Ende 2015 sollen über diese Struktur bereits deutlich mehr als 5.000 Hektar Land bewirtschaftet worden sein – etwa mit dem Anbau von Raps, Soja, Mais, Kichererbsen und Sonnenblumen.

Mediales Dauerfeuer und rumänischer Tiefnebel

Ob und in welchem Ausmaß Kulterer selbst finanziell beteiligt war, blieb damals im rumänischen Tiefnebel. Recherchen führten unter anderem in die Schweiz. Mehrere Verdachtsmeldungen ausländischer Finanzbehörden dürften von österreichischen Ermittlern jedenfalls nicht weiterverfolgt worden sein.

Kulterer konnte sich so offenbar nicht nur seiner Leidenschaft widmen, sondern auch Abstand zum medialen Dauer­feuer gewinnen. Selbst eine eigene „CSI-Hypo“ wurde eingerichtet. Weit weg von Kärnten, rund acht Autostunden entfernt, arbeitete er in den folgenden Jahren am Aufbau weiterer großflächiger Agrarkulturen in Rumänien.

Und das durchaus mit Erfolg, wie aktuelle Zahlen der AgroEast aus dem Jahr 2025 nahelegen: Bei einer Bilanzsumme von knapp 17 Millionen Euro, einer Eigenkapitalquote von 86 Prozent und einem ausgewiesenen Jahresgewinn von 1,4 Millionen Euro präsentiert sich der Agrarbetrieb solide aufgestellt und für die verbliebenen Investoren wie der Familie Koch lukrativ. Womöglich auch deshalb hielt der Kärntner Ex-Bankvorstand Ausschau nach neuen Möglichkeiten, das Agrargeschäft weiter auszubauen.

Krieg bis in den Westen

Rund 400 Kilometer nördlich der rumänischen Latifundien liegt die ukrainische Region Transkarpatien, an der Grenze zu Ungarn, der Slowakei und Rumänien. Genau hier soll die Expansion weitergehen. Doch diese 400 Kilometer wirken wie eine Ewigkeit, denn sie trennen Krieg von Frieden, Sicherheit von absolutem Risiko. Es fühlt sich an wie eine andere Welt. Im tiefen Westen der

Ukraine ist die Frontlinie zwar weit weg, und doch ist der Krieg auch hier mittlerweile spürbar. Täglich wagen in dieser unwegsamen Gegend ukrainische Männer die riskante Flucht vor ihrer Einberufung. In einen Krieg, der noch kein Ende kennt. Mitte Mai 2026 erreichten erstmals seit Kriegsbeginn russische Drohnen die dortige Provinzhauptstadt Uschhorod.

Und doch erkennen andere hier eine enorme Chance. „Großes Investitionspotenzial für Investitionen nach Kriegs­ende“, heißt es in einer News vorliegenden vertraulichen Präsentation unter der Überschrift „Warum Ukraine?“. Erstellt von einer Firma mit dem klingenden Namen AgroVita Management GmbH und Firmensitz in Kärnten. Deren größter Miteigentümer und Geschäftsführer: wieder Wolfgang Kulterer. Mit diesem Prospekt ging der 72-Jährige in den letzten Monaten intensiv auf Investorensuche. In Deutschland wie in Österreich.

Fragliche Bodenreform

Die Argumente, die er dabei ins Treffen führt, klingen vielversprechend. Zumindest auf dem Papier. Der Wiederaufbau habe bereits begonnen, internationale Finanzinstitutionen wie die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung oder die Weltbank stellten enorme Mittel bereit.

Exportgeschäfte in die Ukraine könnten über das Finanzministerium und die OeKB abgesichert werden, Investitionsgarantien seien im Gespräch. Und langfristig, so die Präsentation, sei ein EU-Beitritt der ­Ukraine in den nächsten Jahren absehbar.

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Landarbeit neben Panzerabwehr in der Region Saporischschja nahe der Front. Trotz des Krieges ist die Ukraine ein wichtiges Agrarland. Ihre Exporte decken rund 92 Prozent des EU-Bedarfs an Sonnenblumenöl.

Das erste konkrete Ziel der Agrar-Investoren: die mehrheitliche Übernahme eines rund 4.000 Hektar großen Pachtbetriebs nahe der ungarischen und slowakischen Grenze – der TOV AgroStar. Die Pachtverträge sollen ein Vorkaufsrecht beinhalten; laut Präsentation ein „wertvolles Asset“ mit Blick auf eine erwartete Bodenreform.

Denn in der Ukraine ist der Kauf landwirtschaftlicher Flächen durch Ausländer schon lange stark eingeschränkt. Wer sich jetzt die Option sichert, könnte bei einer Liberalisierung des Bodenmarkts zu den Ersten gehören, die zuschlagen, so zumindest die Prognosen der AgroVita.

Illustre Investoren

Und soweit der Plan. Teile davon wurden bereits in die Wege geleitet. Mit dem Wiener Unternehmer Stephan Zöchling konnte ein gewichtiger Investor für das Ukraine-Projekt gewonnen werden.

Der CEO des steirischen Sportauspuffherstellers Remus gilt als umtriebiger Unternehmer und meldet sich seit Monaten zunehmend auch im politischen Diskurs zu Wort, etwa mit Kritik an der Wirtschaftskammer und ihren Strukturen. Der 54-Jährige, der den NEOS über Jahre nahestand, betreibt mittlerweile auch einen eigenen Podcast als Sprachrohr seiner von ihm 2026 gegründeten Initiative „zusammenstaerker“.

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Stephan Zöchling: Der umtriebige Unternehmer und Investor ist seit über 20 Jahren mit Kulterer bekannt.

 © APA-Images / KURIER / Juerg Christandl

Mit Wolfgang Kulterer verbindet ihn eine lange Geschichte. Bereits in jungen Jahren lernte Zöchling den damaligen Kärntner Hypo-Chef kennen, zunächst als Investmentbanker, später auch geschäftlich. Die Verbindung dürfte auch die turbulenten Jahre rund um die Hypo-­Affäre überstanden haben. Sichtbar wird das nun durch das finanzielle Commitment einer Zöchling-Stiftung in die eigens gegründete Projektgesellschaft Ceres Carpathia GmbH.

Die andere Seite der Front ist für Zöchling kein unbekanntes Terrain. Über Jahre lebte und arbeitete er in Moskau im wirtschaftlichen Umfeld des russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Kontakte aus dieser Zeit dürften ihm später auch bei der Übernahme von Teilen der russischen Sberbank-Tochter in Wien geholfen haben. Im Hintergrund mit dabei: Siegfried Wolf.

Bemerkenswert am Rande: Auch mit Hans Peter Haselsteiner, der Siegfried Wolf gegenüber einem Weggefährten einmal mit den Worten „Ich halte ihn für einen ‚Huber‘! Mindestens!“ schriftlich charakterisierte, ist Zöchling wirtschaftlich eng verbunden. Haselsteiner ist Co-Investor bei Remus. Ein bemerkenswerter Spagat zwischen zwei mächtigen Männern.

Risikokapital

Zurück in die Karpaten. Die dort aktive Ceres Carpathia und deren Management-Gesellschaft AgroVita konnten auch andere Investoren gewinnen, wie den Drohnen-Unternehmer Hans Schiebel, der mit weiteren 20 Prozent beteiligt ist.

Auch die bereits in Rumänien investierte Gründerfamilie von Kika-Leiner ist in der Ukraine mit von der Partie. Das Beteiligungsangebot an die Investoren ist simpel strukturiert. Ein Prozent der österreichischen Holding kostet 100.000 Euro, die Mindestbeteiligung liegt bei fünf Prozent, also 500.000 Euro.

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Anleger-Präsentation: Ausländische Investoren scheinen bei den Einheimischen nicht unbedingt beliebt zu sein. Wichtiges Detail dabei: Die Frage, ob Ausländer in der Zukunft in der Ukraine Land kaufen dürfen, soll nach dem Krieg eine Volksabstimmung klären. (Faksimile)

 © NEWS

Laut den vertraulichen Unterlagen wird der operative „Break-even“ für das Jahr 2028 angepeilt, bei einer Renditeerwartung von „acht Prozent“ pro Jahr. Erwirtschaftet werden soll das aus dem operativen Ergebnis und der Wertsteigerung jener Flächen, die bis dahin in Eigenbesitz übergegangen sind.

Vorausgesetzt, die erwartete Bodenreform kommt und der Krieg findet ein Ende. Ziemlich viele Variablen, die sich schluss­endlich lohnen könnten. Für die risiko­affinen Investoren und für Wolfgang Kulterer.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.

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