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Chicago School of Economics: Die Denkschule der Weltwirtschaft

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Nobelpreisträger Milton Friedman

©Imago / Newscom / SCMP

Die Professor:innen der University of Chicago erhielten 30 Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften – mehr als jede andere Universität der Welt.

Etwa 20 Minuten südlich des Zentrums, nach einer Fahrt durch Armutsviertel mit halbzerstörten Häusern, Fenster mit Holzbrettern vernagelt und verschmutzten Parkanlagen, erreicht der ratternde L-Train den Stadtteil Hyde Park. Eingekreist von alleeartigen Straßen und großzügigen Villenvierteln liegt mitten im „Wilden Westen“ von Chicago mit einer der höchsten Mordraten die University of Chicago, mit mehr Nobelpreisträgern als Harvard, MIT und Princeton.

Universitäten bilden meist Fachleute aus, wie Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Architekten. Doch es gibt Universitäten, die Regierungen, Zentralbanken und die Entwicklung ganzer Kontinente prägen. Kaum ein anderes Institut hat die Weltwirtschaft so nachhaltig beeinflusst wie die legendäre „Chicago School of Economics“ der University of Chicago.

Markt vor Staat

Ihre Professoren erhielten 30 Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften, mehr als jede andere Universität der Welt. Die Theorien wurden von Regierungen, Notenbanken und Vorstandsetagen direkt aus den Hörsälen übernommen und umgesetzt.

Die grundlegende These der Chicago School war ebenso einfach wie provokant – eine freie Gesellschaft mit freien Märkten trifft langfristig bessere wirtschaftliche Entscheidungen als Regierungen und Bürokratien:

  • Menschen definieren den Markt durch ihre Entscheidungen – was sie kaufen, verkaufen und produzieren – effizienter als jede zentrale Planung.

  • Wettbewerb zwingt zu Innovation, hoher Qualität, niedrigeren Preisen und schafft Wohlstand.

  • Der Staat sollte sich darauf beschränken, Eigentumsrechte, Rechtssicherheit und eine stabile Währung zu sichern und zu schützen.

  • Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft verursachen größere Schäden als die Missstände, die sie beabsichtigen zu beseitigen.

Die Theorien waren revolutionär. Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten Ökonomen, der Staat müsse die Wirtschaft steuern. In den Siebzigerjahren geriet dieses Modell ins Wanken. Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen, und es drohte eine Wirtschaftskrise.

Milton Friedman und George Stigler meldeten sich zu Wort, die beiden berühmtesten Vertreter der Chicago School. Stigler als Sohn deutsch-österreichischer Einwanderer sprach übrigens zu Hause noch Deutsch. Ihre Botschaft an Regierungen: „Je freier Menschen und Märkte handeln können, desto größer sind Wohlstand, Innovation und individuelle Freiheit, und desto stabiler die Demokratien.“

Global und radikal

Ihre Analysen und Hypothesen schockten Regierungen und fanden weltweit Gehör. Privatisierung, Deregulierung, niedrigere Steuern und Freihandel wurden zu Leitbegriffen einer neuen Wirtschaftspolitik. Nicht nur der entwickelte Westen, sondern auch Schwellen- und Entwicklungsländer übernahmen Elemente dieser Theorie, so wie Osteuropa auf dem Weg zur Marktwirtschaft.

Die Radikalität provozierte die entsprechende Kritik: Die Chicago School verbreite unbegrenzten Marktoptimismus und Vertrauen in die Finanzmärkte, unterschätze soziale Ungleichheit, überschätze rationales Handeln und verurteile staatliche Regulierung systematisch als ineffizient.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 30+31/2026 erschienen.

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