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Gemüse-Krise: Ardo-Schließung, Ernteausfälle und blockierte Investitionen

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Ardo schließt 2027 Tiefkühlgemüse-Werk in Groß-Enzersdorf
©ARDO AUSTRIA FROST, FABIAN VOLF, APA

Die geplante Schließung des Ardo-Tiefkühlgemüsewerks in Groß-Enzersdorf gefährdet Arbeitsplätze und Absatzmöglichkeiten für heimische Bauern. Eine Petition fordert eine österreichische Lösung, während Trockenheit die Ernten belastet und ein 92-Millionen-Euro-Projekt von Frutura in der Steiermark auf Eis liegt.

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70.000 Unterschriften für heimisches Tiefkühlgemüse

Die geplante Schließung des Tiefkühlgemüsewerks von Ardo in Groß-Enzersdorf beschäftigt Politik, Landwirtschaft und Lebensmittelhandel. Eine Online-Petition für den Erhalt der heimischen Marchfelder Tiefkühlgemüseproduktion hatte am Freitag bereits mehr als 70.000 Unterstützer. Gefordert werden Anreize für eine Weiterführung des Betriebs oder eine alternative Verarbeitungslösung in Österreich.

Das Werk des belgischen Konzerns soll Ende August 2027 geschlossen werden. Betroffen sind 190 Beschäftigte sowie 50 Leiharbeitskräfte. Zugleich steht die Zukunft zahlreicher landwirtschaftlicher Betriebe auf dem Spiel: Ardo verarbeitete 2025 nach eigenen Angaben die Erzeugnisse von rund 270 Bauern in Niederösterreich. Die Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG), die für Ardo produziert, zählt 500 Mitgliedsbetriebe.

Laut Schätzungen entfallen rund 80 Prozent der österreichischen Tiefkühlgemüseproduktion auf das Werk in Groß-Enzersdorf. Es beliefert unter anderem Iglo sowie die Tiefkühl-Eigenmarken von Billa, Hofer und Spar.

Genossenschaft und neuer Standort als mögliche Lösung

Niederösterreichs Grüne haben ein Modell vorgeschlagen, bei dem sich die betroffenen Gemüsebetriebe zu einer Genossenschaft zusammenschließen. Gemeinsam mit der Raiffeisenlandesbank Wien-Niederösterreich und Agrana könnte eine Trägergesellschaft entstehen. Die Wirtschaftsagentur ecoplus des Landes soll nach Vorstellung der Grünen-Landessprecherin Helga Krismer ein geeignetes Grundstück bereitstellen, auf dem innerhalb eines guten Jahres ein modernes, energieeffizientes Werk errichtet werden könnte.

Auch Agrana-Chef Stephan Büttner brachte einen möglichen Standort ins Spiel. Das Unternehmen besitzt weiterhin 30 Hektar auf dem Areal der ehemaligen Zuckerfabrik in Leopoldsdorf im Marchfeld. Der Standort wird derzeit als Zucker-Logistikhub genutzt. Weitere 50 Hektar wurden an die Schweizer PCS-Holding verkauft.

Agrana könnte im Rahmen einer Gesamtlösung Infrastruktur wie Stromversorgung und Kläranlage sowie verfügbare Flächen bereitstellen. Büttner kann sich ebenfalls ein Genossenschaftsmodell vorstellen, bei dem die Bauern selbst die Verarbeitung übernehmen. Dadurch könnten die Investitionskosten für einen neuen Betreiber sinken. Ein Einstieg Agranas in die Tiefkühlgemüseproduktion ist allerdings nicht geplant. „Das ist nicht unser Geschäft. Ganz klar nicht“, sagte Büttner der „Kronen Zeitung“.

Auch der Handel soll nach Vorstellung der Grünen Verantwortung übernehmen. Wenn Spar und Rewe verstärkt auf heimische Produktion setzen, könnten damit die Absatzmöglichkeiten für österreichische Betriebe gesichert werden.

Gewerkschaft fordert Unterstützung des Wirtschaftsministers

Die Produktionsgewerkschaft PRO-GE fordert Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) auf, alle Möglichkeiten zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Lebensmittelproduktion in Österreich zu prüfen. Bundesvorsitzender Reinhold Binder verwies dabei auf die Bedeutung regionaler Produktionskapazitäten für die Versorgungssicherheit.

Der FPÖ-Agrarsprecher Peter Schmiedlechner sprach sich ebenfalls für eine österreichische Lösung aus. Bund und Land sollten eine Weiterführung des Werks oder eine alternative regionale Verarbeitung gemeinsam mit Bauern, heimischen Verarbeitern und Investoren prüfen.

Ardo hatte ein Hilfs- und Subventionspaket von Bund und Land abgelehnt und zuletzt den Schwerpunkt auf die Ausarbeitung eines Sozialplans gelegt. Die Gewerkschaft PRO-GE bezeichnete ein bisheriges Angebot als „völlig unzureichend“. Die nächste Verhandlungsrunde zwischen Unternehmen und Betriebsrat ist für den 23. Oktober angesetzt.

Ardo erklärte, dass die operativen Verluste des österreichischen Geschäfts seit mehreren Jahren von der Unternehmensgruppe getragen würden. Staatliche Unterstützungen könnten die strukturellen Probleme des Werks nicht lösen. Die Schließung beruhe auf einer eingehenden Bewertung des lokalen und internationalen Marktumfelds; das Werk sei strukturell unrentabel geworden.

Laut Unternehmen werden die meisten Beschäftigten noch sechs bis neun Monate für Ardo tätig sein können, einige bis zu einem Jahr. Der Niederösterreichische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbund (NÖAAB) hat zusätzlich die Prüfung einer Arbeitsstiftung gefordert.

Förderungen der Erzeugerorganisation werden geprüft

Auch mögliche Rückforderungen von EU-Fördermitteln sind Thema. Ardo Austria Frost betonte, selbst keine öffentlichen Mittel erhalten zu haben, die einer Rückzahlung unterliegen könnten. Die Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG), an der Ardo eine Minderheitsbeteiligung hält, habe hingegen Förderungen aus EU-Fonds erhalten, die teilweise Gegenstand möglicher Rückforderungsansprüche sein könnten.

„Das Risiko und die mögliche Höhe einer etwaigen Rückzahlung werden derzeit mit Unterstützung externer Experten geprüft“, teilte das Unternehmen mit. Die in Medien genannten möglichen Beträge seien „deutlich überhöht“.

Trockenheit belastet Obst- und Gemüseernte

Die Schwierigkeiten der heimischen Gemüseproduktion beschränken sich nicht auf die Verarbeitungskapazitäten. Hitze und Trockenheit haben die Landwirtschaft 2026 erheblich belastet. Laut Landwirtschaftskammer Österreich und dem Branchenverband für Obst und Gemüse (ÖBOG) wird im Obstbau mit rund 30 Prozent weniger Ernte gerechnet, im Gemüsebau liegt das erwartete Minus durchschnittlich bei 40 Prozent.

Bei einzelnen Kulturen wie Chinakohl und Kraut betrugen die Verluste in manchen Regionen bis zu 50 Prozent. Bei Zwiebeln und Karotten lagen die Ertragseinbußen nach Angaben der Bauernvertreter bei rund 25 Prozent. In der Steiermark wird eine Apfelernte von etwa 90.000 Tonnen erwartet, österreichweit sind es laut aktueller Prognose rund 130.000 Tonnen. Damit liegt die Apfelernte rund 35 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Auch der geschützte Gemüseanbau unter Glas und Folie blieb von den hohen Temperaturen nicht verschont. Bei mehr als 30 Grad stellen Pflanzen ihr Wachstum ein. Besonders der Tomatenanbau sei dadurch im Juli und August stark beeinträchtigt worden, erklärte ÖBOG-Obmann Manfred Kohlfürst. Bei Gurken, Paprika und Melanzani hätten sich die hitzebedingten Ausfälle im Herbst teilweise ausgleichen lassen.

Die geplante Ardo-Schließung wirkt sich bereits auf die Anbauplanung aus. Der Herbstanbau von Tiefkühlspinat für die Ernte im kommenden Frühjahr wurde nicht durchgeführt. Saatgut sei bereits bestellt worden und liege nun bei den Bauern beziehungsweise der ETG, berichtete Karl Auer, Obmann des Niederösterreichischen Gemüsebauverbandes. Bei Spinat, Grünerbsen, Edamame und Gewürzkräutern für die Tiefkühlproduktion sei der Ertrag aufgrund der Sommerhitze mindestens um 30 Prozent niedriger.

Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Moosbrugger und Kohlfürst fordern daher Investitionen in Bewässerung, Wasserspeicher, Hagelschutz, widerstandsfähige Sorten und leistbare Versicherungslösungen. Für die gestiegenen Bewässerungskosten brauche es rasche und unbürokratische Unterstützung.

Frutura-Projekt mit 92 Millionen Euro liegt auf Eis

Neben den Problemen in Niederösterreich zeigt auch ein steirisches Projekt, vor welchen Herausforderungen die heimische Gemüseproduktion steht. Der Obst- und Gemüseproduzent Frutura plant in Neudau an der Grenze zum Burgenland eine Erweiterung seiner Gewächshausproduktion mit Geothermie. Das Investitionsvolumen beträgt 92 Millionen Euro. Wegen eines Einspruchs gegen den wasserrechtlichen Bescheid liegt das Vorhaben jedoch seit rund einem Jahr auf Eis.

Geschäftsführer Manfred Hohensinner zufolge wurden bereits rund sieben Millionen Euro in das Projekt investiert. Die erste Bauphase mit etwa zehn Hektar Fläche sollte 2027 abgeschlossen sein, eine zweite Ausbaustufe mit weiteren acht Hektar war für 2028 vorgesehen. Nach Angaben des Unternehmens könnten dadurch 250 bis 300 Arbeitsplätze entstehen.

Der Einspruch stammt von Robert Rogner, dem Gründer der Therme Bad Blumau. Er befürchtet, dass die geplanten Thermalbohrungen in rund 1.700 Metern Entfernung den Wasserdruck und die Versorgung seiner Thermalquelle beeinträchtigen könnten. Der wasserrechtliche Bescheid wurde vorerst erfolgreich angefochten.

Hohensinner kritisierte die aus seiner Sicht fehlenden Entscheidungen der zuständigen Stellen. Eine Verlagerung des Projekts nach Kroatien sei mittlerweile eine mögliche Alternative. Dort gebe es ebenfalls heißes Wasser im Untergrund und vergleichbare geologische Bedingungen.

Frutura hat seinen Standort nahe Bad Blumau seit der Eröffnung 2016 kontinuierlich ausgebaut. Auf rund 26 Hektar, davon 23 Hektar Gewächshäuser und drei Hektar Folientunnel, werden ganzjährig unter anderem Tomaten, Paprika, Gurken, Melanzani und Bio-Champignons produziert. Die benötigte Energie stammt aus heißem Wasser aus rund 3.000 Metern Tiefe.

Die Frutura Obst & Gemüse Kompetenzzentrum GmbH erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2024/2025 mehr als 675 Millionen Euro Umsatz. Die gesamte DOL Group kam auf knapp 705 Millionen Euro Umsatz und beschäftigte 2025 rund 950 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Versorgungssicherheit und regionale Wertschöpfung

Die Fälle Ardo und Frutura verdeutlichen unterschiedliche Herausforderungen für die österreichische Gemüseproduktion: Während in Niederösterreich eine bestehende Verarbeitungskapazität wegzufallen droht, ist in der Steiermark eine geplante Erweiterung trotz bereits getätigter Investitionen blockiert. Gleichzeitig beeinträchtigen Hitze und Trockenheit die Erträge.

Ob für das Ardo-Werk eine österreichische Nachfolgelösung gefunden wird, ist offen. Die Vorschläge reichen von einer Genossenschaft der Gemüsebauern über die Beteiligung von Raiffeisen und Agrana bis zu einem Neubau auf einem geeigneten Grundstück. Klar ist, dass die Entscheidung nicht nur die Beschäftigten in Groß-Enzersdorf betrifft, sondern auch die künftigen Absatzmöglichkeiten für heimische Gemüsebetriebe.

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