von
"Naturwälder sind über lange Zeit unberührt gebliebene Altwälder", erklärte Dominik Linhard von Global 2000. "Sie sind ein langfristiger Kohlenstoff- und Wasserspeicher, sorgen für regionale Kühlung, sind eine Schatzkammer der Artenvielfalt und prägen das Landschaftsbild, unter anderem für den Tourismus." Außerdem sind Naturwälder widerstandsfähiger als Forste - planmäßig angelegte und bewirtschaftete Wälder -, so der niederösterreichische Waldexperte Matthias Schickhofer. Sie werden dadurch von der Klimakrise weniger stark geschädigt.
Schickhofer hat im Auftrag der Umweltschutzorganisation eine Karte der "Naturwald-Verdachtsflächen" erstellt. Dafür analysierte er "Orthofotos", das sind maßstabsgetreue, verzerrungsfreie Luft- und Satellitenbilder. Wenn die Bäume in einem Waldstück nicht in Reih und Glied wuchsen sowie Zeichen intensiver Nutzung wie Kahlhiebe und Forststraßen fehlten, kam es in die engere Auswahl. Sahen seine Kronenstruktur, Baumdichte sowie Baumartenzusammensetzung zudem aus wie bei einem bestätigten Ur- und Naturwald in einem Nationalpark oder Naturwaldreservat, wurde es schließlich auf der Karte eingezeichnet.
Die Kartographin Anna Iglseder (Department für Geodäsie und Geoinformation der Technischen Universität Wien) überprüfte die Verdachtsflächen-Kartierung anschließend statistisch. Der "Naturnähe-Score" der ausgewiesenen Flächen habe dabei deutlich höhere Werte erzielt als die übrigen Waldbereiche, berichtete sie. Die Statistik belegt demnach, dass die Verdachtsflächen nicht einfach nur aus der Luft gegriffen sind.
"Die naturnahen Wälder finden sich meist auf Steilhängen, im Gebirge, in unbewirtschafteten Schutzwäldern und auf felsigem Terrain", so Schickhofer: "Im Flach- und Hügelland sind sie hingegen sehr selten." Am meisten Naturwald-Verdachtsflächen gibt es in Tirol, der Steiermark, Salzburg und Kärnten, aber auch in sämtlichen anderen Bundesländern wären welche zu finden.
Die genauen Zahlen lauten: Österreich hat vermutlich 2.706,7 Quadratkilometer Naturwald-Verdachtsflächen, das sind knapp sieben Prozent der gesamten Waldfläche. In Tirol sind es 734,3 Quadratkilometer (14,2 Prozent der dortigen Waldfläche), in der Steiermark 562,5 (5,6 Prozent), in Salzburg 420,8 (12,2 Prozent) und in Kärnten 340,7 (6,1 Prozent). In Oberösterreich gibt es mutmaßlich 302,7 Quadratkilometer (6,1 Prozent) Naturwälder, in Niederösterreich 203,0 (2,6 Prozent), in Vorarlberg 129,4 (13,3 Prozent), in Wien 9,1 (10,9 Prozent) und im Burgenland 4,2 (0,3 Prozent).
Österreich wäre laut EU-Recht strikt verpflichtet, solche Naturwälder effektiv zu schützen, so Linhard. Und zwar gemäß der EU-Wiederherstellungsverordnung, Fauna-Flora-Habitat- und Vogelschutzrichtlinie sowie "EU-Waldstrategie für 2030", wie ein von Global 2000 im April vorgelegtes Rechtsgutachten der Juristin Cornelia Ziehm zeige.






