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Für ihre sogenannte Meta-Studie nutzten der Postdoc-Forscher Aljoscha Dreisörner und Kollegen Daten aus 228 unabhängigen Stichproben und 148 Studien mit insgesamt 138.446 Personen (davon rund 60 Prozent Frauen) aus den verschiedensten wissenschaftlichen Fachrichtungen, wobei der Anteil von Doktoranden mit 134.600 Personen klar überwog. Der Altersdurchschnitt lag bei 30,5 Jahren. Die Daten stammen aus den Jahren 2018 bis 2024, wobei sehr viele im Jahr 2024, also im Nachgang zur Corona-Pandemie, veröffentlicht wurden. Die Studienautoren fassten für ihre Schätzung die Daten aus den verschiedenen Studien und unter Nutzung verschiedener methodischer Instrumente statistisch zusammen, um Vergleichbarkeit zu erzielen.
"Es gibt zu diesem Thema bisher nur zwei weitere Metaanalysen, nämlich aus den Jahren 2021 und 2023, die sich aber nur die Angst- oder depressive Symptomatik angeschaut haben. Das Besondere an unserer Metastudie ist, dass wir über diese Symptomatik hinausgegangen sind und uns quasi alles angeschaut haben, also beispielsweise auch Schlafprobleme, Stress, Essstörungen oder Alkoholmissbrauch", sagte Dreisörner zur APA.
Knapp 30 Prozent der Nachwuchsforschenden berichteten demnach von - im Schnitt leichtgradig ausgeprägten - depressiven Symptomen und genauso viele von Angstsymptomen. Depressive Symptome kamen bei Nachwuchsforschenden etwa zwei- bis dreimal so häufig vor wie bei Personen ähnlichen Alters in der Allgemeinbevölkerung. Angstsymptome waren etwa drei- bis fünfmal so häufig, hieß es.
28 Prozent der Nachwuchsforschenden sprachen von Essstörungssymptomen, 23 Prozent von Alkoholmissbrauch und fast ein Fünftel von Suizidgedanken. Die psychische Belastung sei während der Covid-19-Pandemie angestiegen und danach auch nicht wieder merklich abgeklungen - ein durchaus auch in anderen Kontexten bereits nachgewiesenes Phänomen. Die Ergebnisse fielen zudem über Geschlechter, Fachrichtungen und Karrierestufen hinweg weitgehend ähnlich aus. "Das hat uns überrascht", so der Forscher von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien: "und deutet wirklich stark darauf hin, dass psychische Belastung systemische Gründe hat."
"Psychische Belastung im wissenschaftlichen Nachwuchs ist also kein Randphänomen einzelner Gruppen, sondern bei vielen in einer leichten Ausprägung vorhanden", so Dreisörner. Nachdem die Forschungssysteme in den Ländern bisweilen sehr unterschiedlich aufgebaut sind, haben die Wissenschafter die Länder, aus denen Daten vorlagen, in Cluster ähnlicher Systeme eingeteilt. Daten aus Österreich flossen in die Analyse nicht ein, aber das Land könne dem Cluster mit relativ strukturierten Merkmalen wie etwa hoher Unterstützung durch den Bund zugeordnet werden, dem die Daten aus z.B. Frankreich, Deutschland und den Niederlanden zugeordnet wurden.
Auch wenn die Meta-Analyse selbst keine kausalen Zusammenhänge offenlegt, vermuten die Autoren als Ursache für die Belastung etwa befristete Verträge, unsichere Karrierewege und einen starken Publikationsdruck (als "Publish or Perish"-Mentalität bekannt) sowie einen Wettbewerb um Fördermittel, Publikationen und unbefristete Stellen. Stabilere Karrierewege, mehr Planbarkeit im akademischen Mittelbau und ein regelmäßiges Monitoring psychischer Gesundheit an Universitäten könnten hier helfen.
Dreisörner verweist dabei auch auf eine Studie aus Schweden aus dem Vorjahr, in der versucht wurde, den direkten Zusammenhang zwischen dem Promotionsstudium und der Inanspruchnahme psychischer Gesundheitsleistungen zu belegen. Dabei wurden die Beobachtungen bei den Doktoranden mit einer Vergleichsgruppe hochgebildeter Personen herangezogen, die den Doktoranden in wichtigen Merkmalen wie Bildung, Geschlecht und Alter ähnlich waren. Man stellte fest, dass die angehenden Doktoranden vor Beginn ihres Promotionsstudiums in ähnlichem Umfang Psychopharmaka einnahmen wie eine vergleichbare Stichprobe von Personen mit Master-Abschluss. Nach Beginn des Promotionsstudiums stieg die Einnahme "erheblich" an - mit einem Aufwärtstrend bis zum Ende des Promotionsstudiums, wie es in der Studie heißt. "Nach dem fünften Jahr, wenn die meisten Studierenden in unserer Stichprobe ihren Abschluss machen, geht der Konsum psychiatrischer Medikamente deutlich zurück", so der Befund. "Hier kommt man schon etwas an die Kausalität heran", so Dreisörner.
Für die Autoren der aktuellen Studie stellt sich nun vor allem die Frage, was man tun kann, um die hohe psychische Belastung bei Nachwuchsforschenden zu reduzieren. Sie sprechen sich dafür aus, gezielte Reformen, bessere Unterstützungsangebote und verbesserte Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft anzustreben und umzusetzen.
(S E R V I C E - Aktuelle Studie in "Nature Human Behaviour": https://doi.org/10.1038/s41562-026-02505-5 ; Schwedische Studie aus 2025: https://doi.org/10.1016/j.jhealeco.2025.103070 )
Eine Frau untersucht Pflanzenproben unter einem Mikroskop; aufgenommen am Freitag, 20. Mai 2022, im Rahmen der Langen Nacht der Forschung in Wien.






