ABO

Paradeiser, Rauchfangkehrer und Jänner sterben nicht aus

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min
Austriazismen wie "Paradeiser" verschwinden in Printmedien nicht
©APA, dpa-Zentralbild, Jens Kalaene
Das Verschwinden des österreichischen Deutschs wird häufig beklagt. Nun zeigt eine Studie, dass zumindest in den heimischen Printmedien Austriazismen wie "Paradeiser", "Sackerl" oder "Jänner" nicht aussterben. Über 23 Jahre hinweg ist demnach in heimischen Presseartikeln die Verwendung typisch österreichischer Wörter erstaunlich stabil geblieben, berichtet ein Forschungsteam der ÖAW und der Uni Wien im Fachjournal "Languages".

von

Das Team um die Sprachwissenschafterin Alexandra N. Lenz von der Universität Wien und dem Austrian Center for Digital Humanities der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat für die Studie das "Austrian Media Corpus" herangezogen. In mehr als 50 Millionen Presseartikeln aus den Jahren 2001 bis 2023 untersuchten sie die Häufigkeit von Austriazismen und ihren Konkurrenzvarianten, also etwa von "Paradeiser" bzw. "Tomate".

Die Sprachwissenschaft geht davon aus, dass es je nach Definition etwa 7.000 bis 8.000 lexikalische Austriazismen gibt, "und trotzdem wird meist über ein bestimmtes Set von etwa 20 Wörtern wie 'Paradeiser' oder 'Erdapfel' gesprochen", betonte Lenz im Gespräch mit der APA. In vielen Studien zu dem Thema seien auch nur kleinere Wortlisten verwendet worden. In der aktuellen Arbeit - laut Lenz "die bisher größte ihrer Art" - wurden dagegen nicht nur einzelne typisch österreichische Wörter erfasst, sondern auch jene Varianten, die dasselbe oder Ähnliches ausdrücken. Also beispielsweise "Jänner" und "Januar" oder "Rauchfangkehrer/in", "Schornsteinfeger/in", "Kaminkehrer/in" oder "Kaminfeger/in".

Insgesamt wurden in der Studie 76 solcher Wortgruppen - die Linguisten sagen dazu "Variablen" - mit mehr als 200 Varianten erfasst. Darin enthalten waren sowohl Wörter, die in ganz Österreich als typisch gelten, als auch solche, die oft nur in bestimmten Regionen des Landes verwendet werden. "Häufig werden ja Austriazismen entsprechenden bundesdeutschen Begriffen gegenübergestellt, aber die Sache ist komplexer", erklärte Lenz anhand der Wortgruppe "Rauchfang, Schornstein, Kamin, Schlot und Esse". Von diesen fünf Varianten stoße man auf mindestens drei häufiger in österreichischen Printmedien, sie seien aber nicht über das ganze Land verteilt.

Jedenfalls zeigt die Analyse, dass sich das Verhältnis zwischen den Varianten über den Untersuchungszeitraum von 23 Jahren kaum verändert hat. Entgegen den Erwartungen des Forschungsteams würden Austriazismen, die schon 2001 eher selten verwendet wurden, auch mehr als zwei Jahrzehnte später eine vergleichbar niedrige Frequenz haben. "Aber sie sind erstaunlicherweise nicht verloren gegangen", so die Sprachwissenschafterin. Umgekehrt erreichten Austriazismen, die auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hohe Gebrauchsfrequenzen aufwiesen, in der Regel diese auch 2023 noch.

Als Beispiel nennt sie "Rauchfangkehrer/in" - eine Variante, die in den österreichischen Printmedien dominant ist. In den untersuchten Zeitungstexten aus ganz Österreich wurde dieser Begriff über den gesamten Untersuchungszeitraum in rund 95 Prozent der Fälle verwendet. Schaut man sich die Häufigkeit nur in westösterreichischen Medien an, blieb die dort häufiger vorkommende Variante "Kaminkehrer/in" über die 23 Jahre mit etwa 30 Prozent konstant.

Auch die Häufigkeit von "Fleischhauer/in" (zwischen rund 50 bis 60 Prozent in den Jahren 2001 bis 2023), "Fleischer/in" (rund 40 bis 50 Prozent), "Metzger/in" (rund 20 bis 40 Prozent) und "Schlachter/in" (rund 6 bis 10 Prozent) zeigt gesamtösterreichisch betrachtet über die Zeit kaum Veränderung. Ebenso stabil sind die regionalen Muster, etwa mit der häufigeren Verwendung von "Metzger/in" oder "Schlachter/in" in Westösterreich.

Nach wie vor präsent ist auch der "Paradeiser". Insgesamt ist in den heimischen Printmedien zwar die "Tomate" mit um die 60 Prozent dominant, doch der "Paradeiser" hält sich über die Jahre hinweg stabil, vor allem im Osten Österreichs. Ähnlich hochfrequent und stabil wie der "Rauchfangkehrer" erwiesen sich auch Austriazismen wie "Jänner", "Trafik", "Maturant_in" oder "Sackerl".

Ob es sich bei einem Wort um einen Austriazismus handelt, ergibt sich aus mehreren Kriterien, erklärte Lenz: Entscheidend sei, ob ein Begriff in Wörterbüchern als "österreichisch" gekennzeichnet ist bzw. überhaupt noch aufgenommen wird, ob er im Sprachgebrauch häufig vorkommt und ob das Wort als typisch österreichisch wahrgenommen wird. So sei etwa das Wort "Augendeckel" als Synonym für "Lid" in früheren Auflagen von Wörterbüchern noch als Austriazismus gekennzeichnet gewesen, mittlerweile finde man es kaum noch. Auch der "Feber" werde kaum noch im Sprachgebrauch verwendet und über kurz oder lang wohl aus den Wörterbüchern verschwinden.

Die Sorge um das Verschwinden von Austriazismen kommt für die Sprachwissenschafterin daher, weil Sprache und Identität eng verknüpft seien: Sprache werde immer auch zur Positionierung verwendet, "zur Aushandlung der eigenen Identität, des Verhältnisses zum Gegenüber und der eigenen Position in der Gesellschaft". Entscheidend seien die Menschen, die sprechen bzw. schreiben: "Wenn bestimmte Wörter eine soziale Bedeutung haben, mit Identität verknüpft sind, und sie den Menschen wichtig sind, dann ist es wichtig, diese Wörter auch zu gebrauchen", sagte Lenz. Österreichisches Deutsch sei aber viel mehr als nur Wörter, es gehe genauso um Grammatik und die Lautebene - auch hier fänden sich Austriazismen. Als Beispiel für ein in Österreich häufiges grammatikalisches Phänomen nennt sie die Bildung des Perfekt mit "sein" anstelle von "haben" bei Verben wie "sitzen", "stehen", "liegen" ("er ist gestanden").

In einem nächsten Schritt will sich das Forschungsteam anschauen, wie sich Künstliche Intelligenz (KI) und große Sprachmodelle künftig auf das österreichische Deutsch und Sprachvariation im Deutschen auswirken.

Service: Link zur Studie: https://doi.org/10.3390/languages11050102

Illustration - Die Wörter "Paradeiser", österreichisch für Tomate, und "Tomate" liegen aus einzelnen Buchstaben eines Familienspiels zusammengesetzt auf dem Gemüse, fotografiert am Freitag (10.08.2012) in Berlin. "Paradeiser" ist der österreichische Begriff für "Tomate" im Hochdeutschen. Foto: Jens Kalaene dpa (zu dpa-Korr-bericht: "Hochdeutsche Invasion - Österreich bangt um «Stiege» und «Marille»" vom 10.08.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER