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Paul Kammerer und die manipulierte Kröte

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Eine männliche Geburtshelferkröte

©Imagebroker, Imago

Wie der Wiener Biologe die Vererbungslehre revolutionieren wollte und sich am Ende selbst das Leben nahm.

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Vor 100 Jahren, am 22. September 1926, einem sonnigen Herbsttag, nahm der 46-jährige Biologe Paul Kammerer den Zug von Wien nach Puchberg am Schneeberg. Er übernachtete im Hotel Rode, dem heutigen Schneeberghof. Am nächsten Morgen nahm er nach dem Frühstück die beiden Hunde des Hotels an die Leine und ging den steilen Weg hinauf zum Himberg, stieg auf den Theresienfelsen mit seiner wunderbaren Aussicht auf das Schneebergmassiv und erschoss sich.

Wenige Wochen zuvor war Kammerer einer der bekanntesten Biologen Europas. Seine Vorträge füllten die Säle der Universitäten, seine Experimente wurden weltweit diskutiert, und aus Moskau erhielt er den Ruf, ein neues biologisches Institut aufzubauen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief und einen wissenschaftlichen Skandal, der bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.

Zoologie

Kammerer wurde 1880 in Wien geboren, studierte an der Universität Wien Zoologie und arbeitete in der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater, dem berühmten „Vivarium“. Ein Thema faszinierte ihn – könnten Eigenschaften, die ein Lebewesen während des Lebens erwirbt, an die Nachkommen weitergegeben werden.

Der Franzose Jean-Baptiste Lamarck hatte diese Theorie vertreten und sie am Beispiel der Giraffe erklärt. Über Generationen strecken die Tiere ihre Hälse nach Blättern hoher Bäume, der Hals wird länger – und diese Veränderung wird vererbt. Charles Darwins Theorie ging im Gegensatz dazu davon aus, dass nicht die Anstrengung einzelner Tiere eine Art verändert, sondern zufällige erbliche Unterschiede und natürliche Selektion.

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Paul Kammerer

 © gemeinfrei

Kammerers Versuchstier war eine kleine, unscheinbare Kröte, die „Geburtshelferkröte“. Sie sollte ihn weltberühmt machen. Normalerweise paart sich diese Kröte an Land. Kammerer zwang die Tiere, sich im Wasser fortzupflanzen. Nach mehreren Generationen, behauptete er, hätten die Männchen dunkle, raue Stellen an den Vorderbeinen entwickelt, wie sie bei Kröten vorkommen, die sich im Wasser paaren. Kammerers Theorie schien bewiesen.

Epigenetik

Der britische Genetiker William Bateson bezweifelte die Ergebnisse und verlangte eine unabhängige Bestätigung. Kammerers Versuchsmaterial war jedoch während des Kriegs verloren gegangen. Es existierte nur noch ein konserviertes Exemplar der berühmten Geburtshelferkröte. Dieses Tier wurde Kammerer zum Verhängnis.

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Das letzte Exemplar der fünften Generation der von Kammerer „wassergezüchteten“ Geburtshelferkröte mit den Brunftschwielen.

1926 untersuchte der Zoologe Gladwyn Noble das Präparat und entdeckte in der Haut der Vorderbeine künstliches schwarzes Material – die angekündigte biologische Revolution schien als Betrug entlarvt. Kammerer bestritt entschieden jede Manipulation und verteidigte in seinem Abschiedsbrief seine wissenschaftliche Ehre.

Heute untersucht die Epigenetik, wie Umweltbedingungen die Aktivität von Genen verändern und solche Veränderungen möglicherweise über Generationen weitergegeben werden. Zurück bleibt die Frage, ob Kammerer ein Betrüger, das Opfer einer Manipulation oder seiner Zeit voraus war – und eine kleine Kröte mit verdächtig veränderten Vorderbeinen.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2025 erschienen.

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