ABO

KI lässt Geschichtsforschung aus dem Vollen schöpfen

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
8 min
Mittelalterhistoriker Helmut Reimitz kehrte aus den USA nach Wien zurück
©Klaus Pichler, APA
Manche sprechen von einer Revolution, die Künstliche Intelligenz (KI) der Geschichtsforschung beschert. Bei diesem Urteil zeigt sich der Mittelalterforscher Helmut Reimitz noch zurückhaltend. Aber "wir können Fragen, die uns schon lange beschäftigt haben, in einem vor zehn Jahren noch undenkbaren Maßstab verfolgen", sagte der designierte Direktor des ÖAW-Institutes für Mittelalterforschung und Uni-Wien-Professor zur APA. Das werde verändern, welche Fragen Historiker stellen.

von

News auf Google bevorzugen

Die Disziplin habe sich natürlich immer weiterentwickelt: "Bis 1960 haben sich Historiker kaum um die Geschichte der Frauen, Geschlechterverhältnisse, die sozialen Unterschichten oder verschiedene Randgruppen der Gesellschaft gekümmert", so der Forscher. Doch das Fach habe sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einer "legitimatorischen Disziplin zu einer kritischen" entwickelt. Wie sich nun die Kommunikation mit den Maschinen auf die wissenschaftliche Methodik und Fragestellung auswirke, bleibe aber letztlich noch abzuwarten.

Der Impakt sei jedenfalls gegeben: Bisher analysierten Historikerinnen und Historiker von ihnen ausgewählte einzelne Papyri oder bestimmte handschriftliche Überlieferungen aus früheren Zeiten. "Man konnte ja nicht 300.000 Handschriften durchlesen", so Reimitz, der mit internationalen Kollegen des Netzwerkes "SCOOP - Source Codes of the Past" Anfang der Woche in Wien neue Methoden zur automatischen Texterkennung sowie Strategien im Umgang mit KI diskutiert.

KI ermögliche immer mehr, Archive in ihrer Gesamtheit zu erschließen - "ohne die individuelle Selektion, die immer eine ideologische, politische oder strategische ist". Der Fokus auf ausgewählte Quellen habe Forschende bisher nur "exemplarisch" argumentieren lassen: "Mit dem Zugang zu mehr Material werden die Antworten auch komplexer."

Das kommt Reimitz gelegen. Ihn interessiert die Diversität in früheren Gesellschaften. Der Forscher, der sich mit Handschriftenkulturen beschäftigt und in seiner Forschung der Entstehung Europas - in Abgrenzung zur byzantinischen und islamischen Welt zwischen dem 3. und 11. Jahrhundert - nachspürt, fragt sich etwa: Wer begriff sich bereits als Welt verschiedener Völker? Wie ging man mit Minderheiten um? Welche Bedeutung hatten verschiedene religiöse Konfessionen? Er setzte sich schon in den USA, in seiner Zeit an der Princeton University, dafür ein, die davon ausgehende Komplexität mit Hilfe von KI-Methoden erfassen zu können - und zugleich die Komplexität der handschriftlichen Überlieferung mit KI zu knacken.

Der 61-jährige gebürtige Wiener war rund 18 Jahre an der renommierten US-Hochschule tätig. Seine wissenschaftliche Karriere startete er in Wien: Die hiesige Geschichtsforschung genieße hohes Ansehen, "ohne diesen Hintergrund hätte ich wohl nicht den Job in Princeton bekommen". Mit der Emeritierung des renommierten Mittelalterforschers Walter Pohl ergab sich für Reimitz die Möglichkeit, als Professor für Geschichte des Frühen Mittelalters der Universität Wien und ÖAW-Historiker zurückzukehren. Mit Anfang 2027 wird er die Leitung des ÖAW-Institutes für Mittelalterforschung übernehmen. Im Vorjahr leitete er bereits das dortige Digital Lab.

"Diese Zeit des Übergangs hat uns mehr Möglichkeiten gegeben, die Brücke zwischen Princeton und Wien weiter auszubauen." So wird auch die Tagung von "SCOOP" gemeinsam von der ÖAW, der Uni Wien und Princeton organisiert. Das Netzwerk hat sich unter maßgeblicher Initiative von Reimitz gebildet und vereint Forschende im Bereich der "Digital Humanities". Ziel sei es, KI-Werkzeuge besser für die Arbeit "an der Vielfalt und Vielgestaltigkeit handschriftlicher Überlieferungen zu trainieren". Also fit zu machen im Umgang mit unterschiedlichen Orthografien, mehreren Sprachen, begleitenden Randnotizen oder auch Illustrationen: "Diese Handschriften sind sehr individuell. Eine Handschrift ist fast wie ein Kunstwerk gestaltet. Man muss Modelle trainieren, die in der Lage sind, diese Verschiedenheiten zu bewältigen und trotzdem den Text einigermaßen richtig zu lesen. Wenn das gelingt, sind wir sehr weit!"

Als große Herausforderung für sein Fach sieht Reimitz, die vom Tun der KI ausgehende "Black Box" zu überwinden und wissenschaftliche Ergebnisse trotz KI-Einsatz transparent, nachvollziehbar und überprüfbar präsentieren zu können - ein Grundsatz wissenschaftlichen Arbeitens.

Um die Möglichkeiten der KI ausspielen zu können, brauche es zudem digitalisierte Bestände: "Vor 20 Jahren sind Digitalisierungsprojekte sehr gut finanziert worden. Heute wird vor allem die Entwicklung von KI- oder Machine-Learning-Tools gefördert." Gleichzeitig stellen sich die Fragen, wie man mit der Anhäufung großer Datenmengen umgehen soll, die ökonomisch wie ökologisch auch Belastungen darstellen.

Auch das Werken der großen Large Language Models (LLMs) dürfe man nicht aus den Augen verlieren: "Unser Wissen wird ständig abgesaugt von den KI-Assistenten von Google und Co. Und ja, sie eröffnen wunderbare Ressourcen. Mit Gemini 3.5 erhält man eine eigentlich ganz gute Transkription einer historischen Handschrift, wenn sie nicht zu kompliziert ist", so Reimitz. Hier brauche es "gute Quellenkritik", "historische Kompetenz" sowie Strategien, über die Qualität des präsentierten Materials entscheiden zu können.

Die Etablierung der KI als Kommunikationspartner des Menschen sei unaufhaltsam. Reimitz sieht die eigene Zunft in der Pflicht, hier in die Kommunikation hineinzugehen. Er habe erst jüngst mit einem KI-Assistenten diskutiert: "Ich habe nach einem Paper eines Kollegen gesucht, und das ist mir dann dargestellt worden - mit einer Erklärung, warum es wichtig ist. Doch die angeführte Bedeutung der Erforschung von ethnischen Identitäten ist zufällig eines meiner Spezialgebiete. Und sie war vollkommen falsch. Da habe ich mich als Forscher zu erkennen gegeben und einen Vorschlag gemacht, wie die Erklärung besser wird ... Es war großartig!" Gleichzeitig trainiere man eben auch die KI.

Als künftiger ÖAW-Institutsdirektor will er an der Schnittstelle von KI und Mittelalterforschung neue Akzente setzen. Für seine Rückkehr habe auch gesprochen, dass es in der hiesigen Forschungskultur "mehr Offenheit für Investitionen in digitale Infrastruktur" gibt. Die Entscheidung für Wien fiel schon vor Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump und seiner stark kritisierten Forschungspolitik. Zurück ließ Reimitz "viele Freunde und gute Kollegen". Aber: "Ich habe nun lange den Ball über den Atlantik aus Princeton hin und her gespielt, warum kann ich das nicht auch aus Wien machen?"

(Das Gespräch führte Lena Yadlapalli/APA)

Service: Tagung "2nd International Exchange Meeting: SCOOP: Source Codes of the Past" am 7. und 8. September in Wien: https://go.apa.at/r16o9xqu

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Klaus Pichler

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER