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Krimis und mehr: Auf Samtpfoten erobern Katzen die Literatur

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Katzen sind beliebt - auch bei Autorinnen und Autoren
©APA, Roland Schlager, Themenbild
Katzen interessieren sich meistens für alles mehr als für ihre Besitzer. Umgekehrt werden sie vom Menschen als heiliges Tier verehrt und ganze Bücher mit ihnen gefüllt. Ein Kater zieht seine Stiefel an und macht seinen Herrn zum König. Jeder weiß, von wem die Rede ist. Die Feliden fanden Beachtung bei Literaten wie den Gebrüdern Grimm, E. T. A. Hoffmann oder Michael Köhlmeier. Aber auch derzeit boomen Bücher mit den fauchenden oder schnurrenden Vierbeinern.

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Die Titelfigur in Paulus Hochgatterers neuem Roman "Mio und die Unsterblichkeit" ist ein Kater. Im Oktober erscheinen gleich zwei Katzenkrimis von Rotraut Schöberl, nämlich die Anthologie "Die Katze lässt das Morden nicht" (Residenz Verlag) sowie der rund um den Meidlinger Markt spielende Krimi "Frau Cernys Instinkt für Verbrechen" (Haymon), bei dem sich eine frisch pensionierte Buchhändlerin und Katzenfreundin als Ermittlerin betätigt. Sieben Leben hin oder her - literarisch verewigt sind die Schnurrhaarträger bereits zur Genüge.

Rotraut Schöberl weiß um die spezielle kriminalliterarische Eignung der Stubentiger. "Es geht entweder ums Rächen oder ums Beschützen", fasst die Autorin und ehemalige "Leporello"-Buchhändlerin zusammen. Das Sphinxhafte, das Nichtdurchschaubare ermöglich den Übergang ins Düstere, in die Welt des Krimis, wo sie als "Rachekatzen" tätig werden. Als Symbol "wahnsinniger Unabhängigkeit" seien Katzen ein beliebtes Motiv in der Literatur. "Katzen und Bücher passen zusammen, weil Katzen einen lesen lassen", meint Schöberl - im Gegensatz zum Hund, der viel Aufmerksamkeit und Fürsorge verlange. Ihre Leserschaft beschreibt sie als katzenaffine Kurzgeschichtenlesende. Die Texte ihrer neuerscheinenden Katzenanthologie, die zweite bereits, wurden von gleich 23 Autorinnen und Autoren eigens für den Sammelband geschrieben und sind so individuell wie die Tiere selbst: "Keine Katze ist wie die andere. Wie beim Menschen", meint Schöberl.

Im Genre des Kriminalromans ist man "mit dem Sympathietragenden der Handlung, häufig dem Protagonisten, sozusagen mitgehangen, mitgefangen", erläutert Aage Hansen-Löve, ehemaliger Slawistik-Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das kann auch auf unmoralische Figuren zutreffen. Auf den Katzenkrimi seiner Frau Sabine Merten trifft Letzteres allerdings ganz und gar nicht zu. In ihrem Lernkrimi "Felisa et Roma obscura" schickt sie Lateinlernende gemeinsam mit der Straßenkatze Felisa auf Detektivarbeit durchs antike Rom.

Wenn die Rede von literarischen Katzen ist, dann sind häufig aber die männlichen Vertreter der Spezies gemeint. In den meisten Fällen handle es sich nämlich um schreibende und sprechende Kater, hebt Hansen-Löve hervor. Mit dem Begriff "Katze" sind also auch alle Kater mitgemeint. Der Philologe kann so einiges über die literarische Beziehung zwischen Mensch und Katze erzählen. Im kommenden Wintersemester macht er das am Komparatistik-Institut der Uni Wien, wo er ein Seminar zum Thema leiten wird: "Wenn Katzen sprechen/schreiben".

Sie sind symbolisch stark aufgeladen: Autonomie, Ästhetik, Erotik und Geheimnis finden sich in den Vierbeinern vereint. Katzen können in der Literatur sogar zur Erzählinstanz werden. Die Tierfabel zählt zu den ältesten narrativen Textformen. In ihr verschwimmt die Grenze zwischen Menschen und Tieren. Sprechende Tiere sind in der Fabel aber von einer Geschäftsbedingung abhängig: "Autoren und Lesende müssen eine stillschweigende Vereinbarung eingehen. Einen Vertrag", erläutert Hansen-Löve. Die Grenzüberschreitung zwischen Mensch und Tier soll nicht weiter hinterfragt, sondern automatisiert werden. Gesteigerte Wahrnehmung, gepaart mit einer belehrenden Moralisierung, ergibt dann die Geheimformel für eine Fabel. So kommt es wohl auch, dass der gestiefelte Kater der Gebrüder Grimm der Welt mit einem Mix aus ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und Spott begegnet.

Katzenromane zählen traditionell zur realistischen Literatur. Das Motiv sprechender Tiere reicht allerdings viel weiter zurück. Schon der römische Schriftsteller Apuleius (2.Jh.n.Chr.) ließ ein Tier in einem Roman sprechen - allerdings einen Esel. Das erzählerische Prinzip ist aber dasselbe und wird in der Verfremdungstheorie zusammengefasst. Es gibt einen Outsider, der die Insider beobachtet. Ohne dieses Insider-Wissen funktioniert es nicht. "Man kann sich nur mit dem identifizieren, das man kennt. Literarische Katzen können sich mit dem Menschen identifizieren, weil sie von Menschen geschrieben wurden", erklärt Hansen-Löve. Aus einer entfremdeten Position verliert die menschliche Routine ihre Automatik. Gleichzeitig wird die Wahrnehmung gesteigert. Daraus resultieren geschärfte Beobachtungsmöglichkeiten.

Literaturgeschichtlich kam zuerst die sprechende, dann die schreibende Katze. In "Lebensansichten des Katers Murr" (1821) leiht E. T. A. Hoffmann einem Vierbeiner seine Schreibfeder. Murr schreibt seine Lebensgeschichte auf die Rückseite der Memoiren des Kapellmeisters Kreisler. Dieser Kater ist kein Sympathieträger, sondern ein Spießbürger - ein neuzeitlicher Tierroman, der mit dem Element der Parodie arbeitet. "Tierromane eignen sich, um als guter Schriftsteller schlecht zu schreiben", schmunzelt der Wissenschafter. Der japanische Autor Natsume Sōseki beispielsweise leitet um 1905 mit seiner Version einer Katzen-Parodie "Ich, der Kater" die Moderne in Japan ein.

200 Jahre nach Murrs literarischem Durchbruch rechnet ein Kater mit der Menschheitsgeschichte ab. Mit "Matou" bringt Michael Köhlmeier 2021 einen fast tausendseitigen, "überreflektierten Katzenroman" auf den Markt. Der Kater reist in seinen sieben Katzenleben durch die Geschichte und findet sich einmal sogar in Kater Murrs Pfoten wieder. Der "Metakatzenroman" beinhaltet auch Reflexionen über die Skurrilität, als Katze mit Menschen sprechen und nach dem Alphabet schreiben zu können.

2025 fand dann "Frankie" seinen Weg in die Literatur. Jochen Gutschs und Maxim Leos Roman befindet sich an der Grenze zur Trivialliteratur. Die Omnipräsenz der Katzenthematik beeinflusst eben auch die Verlagslogiken. Frankie ist aber keine süße Schmusekatze, sondern ein verwilderter Kater. "Er schildert die Welt durch Unkenntnis, die eigentlich eine Überkenntnis ist", beschreibt Hansen-Löve den Erzähler. Denn die Autoren kennen sich ja schließlich in der Menschenwelt aus. "Frankie ist von ihnen erschaffen worden, kann aber weniger als sie." Er nimmt die Perspektive des künstlich-primitiven Erzählers ein.

Eine bedeutende Rolle spielt das Bewusstsein, dass die Perspektive der Katze künstlich kreiert wird. Die Augen des Betrachters sind zwar die einer Katze, die kommunikativen und kognitiven Mittel jedoch die eines Menschen. Dieser betrachtet sich also genau genommen durch sich selbst. Daraus resultiert eine gespaltene Perspektive. Und da liege der Betrug: "Katzen werden vom Menschen beraubt und gleichzeitig subventioniert", meint Hansen-Löve, "wir haben uns Katzen zum Besitz gemacht, sie abhängig gemacht." Im literarischen Sinne: Die Katze bekommt eine Stimme, aber keine eigene.

Es gibt also viele gute Gründe, zu einem Katzenroman zu greifen. Für manche sei es sogar die einzige sichere Möglichkeit, diesen Tieren nahe zu kommen, hebt Rotraut Schöberl hervor. Für Menschen mit Katzenhaarallergie nämlich.

(Von Caterina Schiliro/APA)

(S E R V I C E - Paulus Hochgatterer: "Mio und die Unsterblichkeit", Zsolnay Verlag, 144 Seiten, 23,70 Euro, ISBN: 978-3-552-07645-7; Rotraut Schöberl (Hg.), Hanna Zeckau (Illustrationen): "Die Katze lässt das Morden nicht. Kriminelle Geschichten auf Samtpfoten", Residenz Verlag, 304 Seiten, 26 Euro, ISBN: 978-3-7017-1830-6, erscheint am 5.10.; Rotraut Schöberl: "Frau Cernys Instinkt für Verbrechen", Haymon, 280 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-7099-8302-7, erscheint am 8.10.)

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