ABO

Chemienobelpreis - Maulide: "Eine der tiefsten Fragen der Menschheit"

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
4 min
Chemie-Nobelpreis wurde vergeben
©Afp, APA, SERGEI GAPON
Es sei "wirklich faszinierende Chemie", die nun mit dem Nobelpreis geehrt worden sei, sagte der organische Chemiker Nuno Maulide von der Universität Wien anlässlich der Auszeichnung von Henri B. Kagan und Kenso Soai gegenüber der APA. Mit dem Chemie-Nobelpreis 2001 habe man bereits eine auf dem Prinzip beruhende Anwendung zelebriert, "weil wir so glücklich darüber waren". Aber das Verständnis "von diesen komischen Phänomenen" kam eben erst später.

von

News auf Google bevorzugen

Die Grundlagenforschung in diesem Bereich sei natürlich immer für die Wirkstoffentwicklung und Produktion von Pharmazeutika wichtig: "Aber, Mensch, dieser Nobelpreis verlässt das klassische Lehrbuch der organischen Chemie und berührt eine der tiefsten Fragen der Menschheit", sagte der Wiener Chemiker, der derzeit in New York (USA) für Vorträge weilt.

Die Frage, auf die er sich bezieht: Wie kann es eben sein, dass Moleküle in lebenden Organismen nur in einer Variante und nicht in spiegelbildlicher Form vorkommen? Oder anders formuliert: "Dass das Leben auf der Erde nur linkshändig ist?", so Maulide: "Da fragt sich schon jeder: Wie ist das entstanden? Wie hat die Natur es geschafft, aus einer 50/50-Mischung eine von diesen Formen so konsequent zu nutzen?"

Der Nobelpreis für seinen französischen Kollegen Kagan sei nur in der Hinsicht überraschend, als ihn viele eigentlich bereits als Preisträger im Jahr 2001 gesehen hätten. Damals wurden "ebenfalls hoch verdient" William S. Knowles und Ryoji Noyori für die "Entwicklung der katalytischen asymmetrischen Synthese" sowie K. Barry Sharpless für seine Arbeiten über chiral katalysierende Oxidationsreaktionen ausgezeichnet. Kagan sei für viele damals dramatisch übergangen worden, so Maulide, obwohl er mit zwei anderen Forschern, darunter Noyori, im selben Jahr für seine Arbeiten auf diesem Feld mit dem Wolf-Preis geehrt wurde.

Damals sei eben "die asymmetrische Katalyse in der Praxis" ausgezeichnet worden: "Damals war der Fokus tatsächlich auf Reaktionen, womit man aus einer möglichen statistischen Mischung von links und rechts (als zwei mögliche Varianten, Anm.) bevorzugt fast ausschließlich nur links oder nur rechts bekommt." Hier sei es um die Entdeckung der Katalysatoren gegangen. Der Nobelpreis für Chemie habe damals die Entdeckung von Reaktionsbedingungen oder Katalysatoren gewürdigt, die es ermöglichen, "quasi aus einer Tasche mit 50 Prozent linken und 50 Prozent rechten Handschuhen immer wieder nur linke Handschuhe herauszunehmen", erläuterte Maulide: "Das war großartig!" Knowles sei zudem der erste Forscher gewesen, "der dies im industriellen Maßstab bewiesen hat".

Heuer seien die fundamentalen Aspekte dieser Geschichte ausgezeichnet worden. Also quasi das Rätsel geknackt worden, wie man die Chemie dazu bringt, dass sie sich nur für den linken Handschuh entscheidet. Auf die spektakulären Arbeiten von Kagan habe genauso spektakulär Soai mit seiner asymmetrischen Katalyse aufgesetzt. "Die Arbeiten von diesen zwei Menschen zeigen einen plausiblen chemischen Mechanismus für einen entscheidenden Teil von diesem Rätsel - wie aus einer zunächst verschwindenden kleinen Asymmetrie eine überwältigende Bevorzugung einer Händigkeit entstehen kann."

"Vielleicht ist in Zukunft sogar noch ein Nobelpreis drinnen, wenn man die autokatalytische Asymmetrie dann weiterhin in Anwendung bringen kann", meinte Maulide. Möglicherweise eröffne dies neue Anwendungen in zehn bis 15 Jahren. Die Vergabe des Nobelpreises für Chemie 2026 an Kagan und Soai sei jedenfalls "hoch verdient".

A bust of Alfred Nobel is seen among cameras installed on tripods ahead of the start of the press conference about the Nobel Prize laureates at the Norwegian Nobel Institute in Oslo, Norway, on December 9, 2022. (Photo by Sergei GAPON / AFP)

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER