Die Wiener Festwochen hatten den amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel eingeladen, um dessen eigenwillige Thesen zum Thema Armageddon und Antichrist zu diskutieren. Daraus wurde nichts: Intendant Milo Rau scheiterte am Protest von Künstlerkollegen und Politik. Provokation mit Religion ist eben nichts für Anfänger.
Kommenden Sonntag hätte im Wiener Hotel Intercontinental ein Gespräch zwischen dem amerikanischen Tech-Milliardär (PayPal, Palantir) Peter Thiel, dem Innsbrucker Theologen Wolfgang Palaver und dem Intendanten der Wiener Festwochen, Milo Rau, stattfinden sollen.
Titel der Veranstaltung: „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“. Die Festwochen thematisieren dieses Jahr unter dem Generalthema „Republic of Gods“ Mythos und Religion.
Katholischer Libertärer, linker Katholik, woker Dadaist
Der Titel der Thiel-Veranstaltung erweckt freilich den Eindruck, als hätte da jemand vielleicht etwas zu schnell verstanden. Interessant wäre das Gespräch wohl allemal geworden, weil der katholische Libertäre Thiel, der linke Katholik Palaver und der woke Dadaist Rau einander im Gespräch über die Textgeschichte der Apokalypse, die Philosophie René Girards und die politische Theologie Carl Schmitts sicher zur Höchstform provoziert hätten.
Allerdings wurde die Veranstaltung, die lang vorbereitet wurde, aber erst spät ins Programm kam, auch bald wieder abgesagt. Zwar hatten sich einige der Gremien, die rund um die Festwochenleitung etabliert wurden, für die Veranstaltung ausgesprochen, Festwochengenosse Nummer eins und seine Geschäftsführerin entschieden sich schlussendlich dennoch dagegen.
Nichts für Anfänger
Dass die Absage, in der Rau noch einmal seine Überzeugung äußerte, dass es eigentlich richtig gewesen wäre, die Debatte zu führen, unter dem Titel „Nicht um jeden Preis“ publiziert wurde, lässt vermuten, dass es dabei nicht nur um die drohenden Absagen künstlerischer Beiträge ging, sondern um Geld, also Politik.
Der Festwochenintendant sieht sich mit dem schwersten Vorwurf konfrontiert, den die Debattenwelt bereithält: Feigheit vor dem Freund
Rau hat also aus der Überzeugung heraus, dass man sich auch mit Meinungen und Überzeugungen konfrontieren muss, die einem zuwider sind, eine sehr umstrittene Figur von internationalem Format eingeladen. Die Festwochengremien, an die er die Entscheidung zunächst auszulagern schien, haben ihm den Rücken gestärkt.
Dann kam die Absage. Und jetzt sieht sich der Festwochenintendant mit dem schwersten Vorwurf konfrontiert, den die Debattenwelt bereithält: Feigheit vor dem Freund. Meinen Vorschlag, das Gespräch mit Thiel und Palaver am Sonntag statt im Hotel Intercontinental in unserer Sendung „Links.Rechts.Mitte“ zu führen, hat Milo Rau übrigens nicht angenommen. Fair enough.
Auf wessen Seite man in dieser Debatte auch immer steht, eines lässt sich zweifelsfrei konstatieren: Das ist nicht gut gelaufen. Ich finde das schade, denn so wenig ich mit manchen Formaten des Festwochenintendanten anfangen kann, weil ich zum Beispiel das Prozess- oder Tribunalformat für eine geschichtsvergessene Anmaßung halte, so sehr schätze ich, dass Milo Rau ernsthaft daran interessiert ist, nicht nur über die anderen zu reden, sondern auch mit ihnen. Was genau lief da also schief?
Provokation mit Religion
Niko Alm, Gründer der Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters (Pastafari) und einschlägiger Experte in Sachen Religion und Debatte, hat es auf der Plattform X so zusammengefasst: „Ich glaube mein Führerscheinfoto hat mehr internationale Reichweite gehabt als alle Wiener Festwochen seither. Provokation mit Religion ist halt nichts für Anfänger.“
Für alle, die sich nicht daran erinnern können: Alm setzte mittels eigener Religionsgründung durch, dass er auf seinem Führerscheinphoto ein Nudelsieb als Kopfbedeckung tragen darf, ein Anfänger in Sachen Provokation durch Glaubensfragen ist er gewiss nicht.
Peer-pressure und politische Intervention
Alm hat wohl recht: Wer sich dem Religionsthema, das auf unterschiedlichsten Ebenen weltweit an gesellschaftlicher Brisanz gewonnen hat, auf provokative Weise nähert, sollte das einigermaßen ernsthaft und präzise tun. Das ist nicht der Fall: Patti Smith als „Godmother of Punk“ und der kroatische Heiler Braco, der Mann mit dem „gebenden Blick“, stehen in der „Republic of Gods“ gewissermaßen auf einer Stufe.
Niemand kann und will mehr zwischen ironischem Zitat und kritischer Debatte unterscheiden. Und dann wird die Idee, eine der einflussreichsten Figuren im Umfeld der libertär angehauchten religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten zur Debatte zu laden, aus Angst vor peer-pressure und politischer Intervention verworfen. All das erzeugt ein Bild von Hilflosigkeit und Oberflächlichkeit, das in krassem Gegensatz zur großen Geste steht, ohne die es die Festwochen und ihr Intendant nicht mehr machen.
Anfängerpech
Über die Frage, wie politisch Kunst sein darf und ob sie nicht immer politisch ist, weil die Gesamtheit der Weltverhältnisse einen wesentlichen Teil ihres Materialsteinbruchs darstellt, ist alt und wohl auch nie zu Ende. Marcel Reich-Ranicki hat gesagt, dass man, wenn man etwas besonders Dummes hören möchte, einen Künstler um seine politische Meinung fragen sollte.
Das war natürlich Unsinn, weil es unter Künstlern genauso viele politisch Informierte und politisch Uninformierte gibt wie in jeder anderen Berufsgruppe auch. Schwierig, und darauf spielte Reich-Ranicki wohl an, wird es immer dann, wenn sich Künstler und Kunstbetriebsfunktionäre moralisch in Pose werfen und im Politischen über Gut und Böse befinden wollen.
An dieser Haltung ist Milo Rau offensichtlich mit seinem Thiel-Projekt gescheitert. Anfängerpech gewissermaßen.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.







