Österreich bildet junge Menschen teuer aus – und wundert sich, wenn sie danach gehen. In der Tourismusausbildung gilt das als freie Berufswahl. Im Medizinstudium wird daraus ein politischer Vorwurf, besonders gegen Deutsche. Warum hält das Land jene nicht, die es dringend braucht?
Wer nutzt hier eigentlich wen aus? Wer bedient sich eines Systems, nimmt eine Ausbildung mit – und geht bei nächster Gelegenheit wieder? Wer wird dafür politisch diffamiert? Und wer kommt ungeschoren davon, weil über ihn gar nicht erst so gesprochen wird?
Österreich ist ein Tourismusland. Und hat gute Tourismusschulen. Der Staat – und an manchen Schulen auch die Eltern mit mehreren Tausend Euro pro Jahr – investiert in diese Ausbildung. Die Branche braucht schließlich Nachwuchs. Man sollte also meinen: Wer an einer solchen Schule ausgebildet wird, landet später auch im Tourismus. Nur so einfach ist es nicht.
Keine „Tourismusflüchtlinge“
Viele Absolventinnen und Absolventen kehren der Branche den Rücken – in manchen Jahrgängen angeblich 80 Prozent und mehr. Offen geredet wird darüber kaum. Sie studieren, wechseln in andere Branchen, gehen dorthin, wo Arbeitszeiten, Bezahlung und Perspektiven besser erscheinen.
Niemand nennt sie deshalb „Tourismusflüchtlinge“. Niemand fordert, diese jungen Menschen müssten zwangsweise an die Rezeption oder in die Küche. Man weiß: Wenn eine Branche ihre Leute nicht hält, hat das Gründe. Dann muss man über Arbeitsbedingungen reden. Über das Angebot, das man jungen Menschen macht.
Studieren unter Verdacht
Beim Medizinstudium ist Österreich weniger großzügig. Tausende junge Menschen saßen vergangene Woche beim Aufnahmetest für die knappen Studienplätze in Medizin. Und mal wieder ging es um die Frage, wer hier eigentlich auf wessen Kosten studiert.
Die politische Empörung richtet sich besonders gern gegen eine Gruppe: deutsche Bewerberinnen und Bewerber, die in ihrem Heimatland wegen des extrem engen Numerus clausus – verlangt wird u. a. ein Notendurchschnitt von 1,0 oder 1,1 – keinen Medizinplatz bekommen und hier zum Aufnahmetest antreten. In der politischen Kurzform heißen sie dann: „Numerus-Clausus-Flüchtlinge“. Aus studentischer Mobilität wird mal eben eine Missbrauchserzählung.
Antwort auf ein schlechtes Angebot
Natürlich darf Österreich fragen, warum ein teurer Medizinstudienplatz später nicht im heimischen Gesundheitssystem ankommt. Medizin ist kein beliebiges Studium. Wer hier studiert und danach dem Land den Rücken kehrt, hinterlässt eine Lücke: im Spital, in der Kassenordination, am Land. Österreich finanziert diese Ausbildung, weil das Land Ärztinnen und Ärzte braucht. Genau hier beginnt die politische Unredlichkeit.
Aus einer berechtigten Strukturfrage wird eine Herkunftsfrage. Als wäre mit einem österreichischen Pass automatisch garantiert, dass jemand später eine Hausarztpraxis im Waldviertel übernimmt. Ist es nicht. Deshalb muss der Staat, der ausbildet, auch sagen, warum er die Ausgebildeten danach verliert.
Zumal der eigentliche Flaschenhals in Österreich nach dem Studium kommt. Wenn junge Ärztinnen und Ärzte monatelang auf einen Platz in der Basisausbildung warten, ist die Entscheidung für Deutschland nicht Ausdruck mangelnder Dankbarkeit. Sie ist rational. Dann geht man eben nach Bielefeld oder Greifswald. Es ist auch eine Antwort auf ein schlechtes Angebot.
Bleiben braucht Gründe
Wer also verhindern will, dass Absolventen gehen, muss für verlässliche Ausbildungsplätze sorgen. Planbare Facharztschienen, ordentliche Dienstpläne, faire Gehälter. Das ist mehr als die Empörung, man möge dem Land nun etwas zurückgeben.
Natürlich kann man in diesem Zusammenhang auch über Studiengebühren reden. Die 400 Euro pro Semester sind keine unüberwindbare Hürde – mit einem Nebenjob in der Gastro zum Beispiel. Und ja, man kann auch über Bindungsmodelle reden. Aber bitte ehrlich. Verpflichtung funktioniert nur mit Gegenleistung.
Freizügigkeit ist keine Einbahnstraße. Wer offene Grenzen für Fachkräfte will, muss akzeptieren, dass Menschen auch wieder gehen können
Dazu kommt: Österreich ist Teil eines europäischen Arbeitsmarkts. Das Land profitiert davon, dass Menschen kommen, arbeiten, Steuern zahlen. Freizügigkeit ist keine Einbahnstraße, die nur dann gut ist, wenn sie Österreich nützt. Wer offene Grenzen für Fachkräfte will, muss akzeptieren, dass Menschen auch wieder gehen können.
Eine aktuelle Studie des Integrationsfonds zeigt: EU-Zuwanderung in Österreich ist oft nicht dauerhaft. Von EU-Bürgern, die als Erwachsene nach Österreich zuwanderten, hatte nach drei bis vier Jahren bereits etwa die Hälfte das Land wieder verlassen. Man kann das natürlich beklagen. Man kann es aber auch als das sehen, was es ist: Mobilität in einem offenen Arbeitsmarkt. Interessant wäre die Frage: Warum gehen sie? Was hätte sie gehalten? Erhoben wurde das nicht.
Stattdessen ist es politisch bequemer, Schuld zu personalisieren. Und zu polemisieren. Die Deutschen. Die Numerus-Clausus-Flüchtlinge. Die, die hier studieren und dann wieder verschwinden. Das ist griffig. Und billig. Das Problem sind nicht immer nur die anderen. Das Problem ist auch Österreich selbst. Wer die besten Leute will, darf sie nicht ausschließlich als Zumutung beschreiben und sich später wundern, wenn sie sich nicht als Teil der Lösung fühlen. Er muss ihnen ein Angebot machen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.
