An große Pensionsreformen haben sich österreichische wie deutsche Regierungen lange nicht herangetraut. Deutschland legt jetzt vor und geht einen ganz neuen Weg: Erstmals soll es eine gesetzliche Kapitalrente nach schwedischem Vorbild geben. In Österreich warnen Politiker vor Spekulationen. „Das ist keine Magie“, sagt wiederum der Wiener Börsenchef.
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Der schwarz-roten Koalition in Berlin könnte etwas gelungen sein, was nur noch die wenigsten erwartet hatten: ein richtig großer Wurf. Und das ausgerechnet beim brenzligen Thema Rente. 33 Empfehlungen für eine Reform gab eine aus Wissenschaftlern und Politikern besetzte Alterssicherungskommission ab. Geht es nach den Spitzen der Regierung sollen sie allesamt umgesetzt werden.
Der schwedische Weg
Für besonders viel Gesprächsstoff sorgte Punkt 28 des Papiers: „Die Kommission empfiehlt die Einführung einer obligatorischen kapitalgedeckten Rentenkomponente im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung.“ Deutschland soll nun also den hochgepriesenen schwedischen Weg gehen, oder zumindest mal ein Bein darauf setzen.
Zusätzliche zwei Prozent des Bruttolohns sollen auf individuelle Kapitalkonten der Beitragszahler fließen und in ausgewählten Fonds angelegt werden. Man zahlt also nicht für aktuelle Rentenbezieher ein, sondern nur für sich selbst. Wobei diese verpflichtende Zusatzversicherung halbe-halbe von Arbeitgebern und -nehmern übernommen werden soll. Vier Vorteile sieht die Kommission in diesem Modell.
Das wichtigste Versprechen der Reform ist jedoch: Das Rentenniveau der Jungen soll langfristig wieder steigen. Das ist freilich nicht der kapitalgedeckten Zusatzversicherung alleine zuzuschreiben, sondern wäre das Gesamtprodukt aller Empfehlungen, vor allem einem späteren Renteneintrittsalter.
Vier Vorteile
1. Entlastung Das Umlageverfahren soll entlastend ergänzt werden, da die kapitalgedeckte Rente unabhängiger von der Bevölkerungsentwicklung ist.
2. Teilhabe Möglichst viele Menschen könnten erreicht werden - besonders jene, die bisher keinen Zugang zum Kapitalmarkt hatten.
3. Unabhängigkeit Die Anleger profitieren vom internationalen Markt, etwa auch wenn Deutschlands Wirtschaft schwächelt.
4. Wirtschaftsboost Auch der europäische Kapitalmarkt profitiert von einer höheren Zahl an Anlegern. Diese würden Wachstum und Innovation fördern
Entwarnung für Österreich?
In Österreich ist eben jenes Rentenniveau bekanntlich ohnehin deutlich höher als in Deutschland. Der österreichische Durchschnittspensionist kriegt rund 86 Prozent seines letzten Nettogehalts, sein deutscher Nachbar kommt gerade mal auf 53 Prozent, rechnet die OECD vor. Das waren im Jahr 2022 jedes Monat überschlagen immerhin rund 500 Euro mehr auf dem Konto.
Das Umlageverfahren steht in Österreich aber vor demselben Problem wie das in Deutschland: Die Beitragszahler können die Kosten des Systems nicht mehr stemmen, also muss in die Staatskasse gegriffen werden. Inzwischen verschlingen die Zuschüsse ins Pensionssystem sowohl in Deutschland als auch in Österreich mehr als ein Viertel der Haushaltsausgaben – Tendenz steigend.
Wäre eine gesetzliche Kapitalrente nach deutsch-schwedischem Vorbild also auch eine Option für Österreich? Der Vorschlag sei zumindest diskussionswürdig, heißt es von den NEOS. Langfristig veranlagte Anwartschaften, beispielsweise über 40 Jahre, würden sehr gute Renditen erzielen. „Das ist sowohl für den Bundeshaushalt als auch für die betroffenen Personen selbst positiv“, sagt Sozialsprecher Johannes Gasser. Allerdings sind die Liberalen mit dieser Ansicht mal wieder das dritte Rad am Wagen, denn „leider sehen das unsere Koalitionspartner anders“.
Erklärung
Die Prämienrente wurde bereits 1998 in Stockholm beschlossen. 2,5 Prozent des Bruttogehalts werden darin eingezahlt. Um die 140 Milliarden Euro werden inzwischen in den Fonds für sechs Millionen Sparerinnen und Sparer verwaltet. Zwischen 2000 und 2025 lag die Rendite bei elf Prozent, rechnet die Deutsche Rentenversicherung in einem Papier vor.
Gesegnetes Österreich
Die Bestätigung dafür kommt prompt von Josef Muchitsch, seit zwölf Jahren Sozialsprecher der SPÖ. „Ich schließe aus, dass das ein Thema wird!“, sagt er. Österreich sei im internationalen Vergleich beim Thema Pensionen gesegnet. Natürlich müsse man schauen, wie die gesetzliche Rente zu stabilisieren sei. Der schwedische Weg ist für Österreich aber der falsche, meint er. Zu unterschiedlich sei das heimische „Pensionshaus“ gebaut, man könne vor eine alte Fassade nicht einfach eine schicke Glasfront setzen. Und: „Bei der Finanzkrise 2008 haben wir unser blaues Wunder erlebt!“ Die richtige Frage an die Beitragszahler müsse also lauten: „Vertrauen Sie ihre Pension dem Kapitalmarkt an?“
Der ÖVP-Klub lässt wissen, dass für ihn das Thema Aktivpension im Vordergrund stehe. Diese belohnt ab Jänner 2027 das Weiterarbeiten im oder nach dem Regelpensionsalter. Gesprächiger zeigen sich die Grünen: Sie lehnen das Modell ab. Der Vorteil des Umlageverfahrens sei, dass es von höheren Löhnen profitiere. Und: „Je länger ein Mensch Pension bezieht, desto kleiner wird der kapitalgedeckte Anteil an der Gesamt-Pension“, sagt Sozialsprecher Markus Koza. Der FPÖ-Klub lehnt den Vorschlag nicht grundsätzlich ab, zeigt sich aber skeptisch. „Reden kann man über alles“, heißt es. Feststehe allerdings: „Pensionen dürfen nicht verspekuliert werden.“ Auch die Freiheitlichen verweisen auf momentan zu volatile Märkte.
„Hat nichts mit Spekulation zu tun“
Der Chef der Wiener Börse, Christoph Boschan, sieht das erwartungsgemäß anders. Höhere Pensionen, Entlastung für den Haushalt und mehr Kapital für Unternehmen seien die Kernvorteile der Kapitalrente. „Das ist keine Magie und hat nichts mit Spekulation zu tun“, sagt er. Die Zahlen würden das belegen. Die jährliche Durchschnittsrendite des österreichischen Leitindex habe in den vergangenen 25 Jahren bei rund zehn Prozent gelegen. Anders als bei der Politik sei das inzwischen auch zu den Österreicherinnen und Österreichern durchgedrungen, meint er.
Privatanleger
Laut der Wiener Börse legen rund ein Drittel der Österreicherinnen und Österreicher ihr Geld in Wertpapieren an.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.
