Die Grazer Bürgermeisterin zeigt, dass auch Regierende und Nicht-Freiheitliche triumphieren können. Würde die Kommunistin aber auch bei Bundespräsidenten- oder Nationalratswahlen abräumen, wie manche glauben? Kaum.
Wer in Regierungsverantwortung steht und nicht den Freiheitlichen von Herbert Kickl angehört, habe in Zeiten wie diesen ganz schlechte Karten, heißt es. Die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr hat bei der Gemeinderatswahl in der steirischen Landeshauptstadt das Gegenteil bewiesen: Die KPÖ, die sie führt, ist mit rund 36 Prozent zur klar stärksten Partei aufgestiegen.
Das linke Gegenstück zu Kickl
Für Kickl-Gegner ist sie damit zur großen Hoffnungsträgerin geworden. Könnte sie aber liefern, was Schwarzen wie Roten zunehmend weniger zugetraut wird, und auch bei Bundespräsidenten oder Nationalratswahlen abräumen?
Sehr vieles scheint dafür zu sprechen: Die 64-Jährige gilt als Sozialarbeiterin und das bedeutet in ihrem Fall, dass sie Sorgen und Nöten (sogenannter) kleiner Leute näher ist als die meisten anderen Politikerinnen und Politiker. Wichtiger: Die Leute nehmen ihr das ab.
Bleibt die Provinz links liegen?
Zu Kahrs Erfolg gehört jedoch das urbane Umfeld, in dem sie tätig ist: Hier gibt es eher Wohnprobleme, denen sie sich seit Jahren widmet, und hier leben relativ viele Mitte-Links-Wähler, die ihr neben ehemaligen Nichtwählern zum Leidwesen von Sozialdemokraten, aber auch Grünen, die meisten Stimmen bescheren.
Bundesweit wäre das so nicht möglich, wäre es nicht nur ungleich schwieriger, sich persönlich um Bürgeranliegen zu kümmern: Hier sind vor allem auch ländliche Regionen relevant, in denen eine Mitte-Rechts-Mehrheit besteht, die von Freiheitlichen unter anderem durch das Migrationsthema erfolgreich bedient wird.
Das muss berücksichtigt werden. Schon Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen sah sich 2016 gezwungen, dem Rechnung zu tragen, um Bundespräsident werden zu können. Zumindest mit Blick auf die Mitte der Gesellschaft hat er, der seit Jahrzehnten in Wien lebt, zum Beispiel extra seine Heimatbezogenheit zum ländlichen Tiroler Kaunertal betont. Kahr müsste sich diesbezüglich auch etwas einfallen lassen, ja noch viel mehr: Als Kommunistin müsste sie außerhalb der Städte massivere Vorbehalte gegen sich überwinden und zudem damit fertig werden, dass noch größere Teile der Mitte zu Freiheitlichen neigen als vor zehn Jahren.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.
