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2nd Opinion: Gesinnungsschnüffelei und Repression

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Michael Fleischhacker

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Früher hat die religiös-konservative Mehrheit versucht, die progressiv-individualistische Minderheit zu unterdrücken. Heute ist es genau umgekehrt, und dass die Progressiven nicht einmal im Ansatz bemerken, was sie da veranstalten, ist auch ein bisschen traurig.

Über Fußball kann man im deutschsprachigen Raum noch unterschiedlicher Meinung sein. Einigermaßen zumindest. Das Ausscheiden der Deutschen im Zweiunddreißigstelfinale (was für ein Wortungetüm) der laufenden Fußballweltmeisterschaft zum Beispiel sollte einen Österreicher zwar eher freuen als traurig machen, weil man sich als jemand, der die Deutschen gut findet, leichter verdächtig macht als jemand, der das deutsche Aus bedauert.

Deutschsein ist kein Argument

Wer auf der sicheren Seite bleiben will, heißt das Ausscheiden der Nagelsmann-Truppe also gut. Dennoch: Man muss vermutlich nicht damit rechnen, gesinnungspolizeilich amtsbehandelt zu werden, wenn man es bedauert. Vorausgesetzt, man kann sachlich-fußballerische Gründe für seine Meinung vorbringen, was derzeit zwar nicht leicht, aber auch nicht gänzlich unmöglich ist.

Nur wer zu erkennen geben würde, dass er die Deutschen ob ihres Deutschseins schätzt, hätte ein Problem. Übrigens nicht nur mit dem Regionalbüro der österreichischen Gesinnungspolizei, das in Wien in den Räumlichkeiten der Standard-Redaktion domiziliert ist, sondern auch mit mir. Deutschsein ist, finde ich, kein Argument, auch wenn das im Fußball viele Jahre anders aussah.

Was erlaubt ist

Bei anderen Themen ist das Anderer-Meinung-Sein in Österreich ein bisschen happiger. Das musste kürzlich die Gewista zur Kenntnis nehmen, Österreichs größtes Außenwerbungs-Unternehmen. Das sind die, über die man Plakatflächen im öffentlichen Raum buchen kann, zum Beispiel neben Autobahnen und an Bushaltestellen. Die Firma gehört mehrheitlich einem französischen Unternehmen, beteiligt ist aber auch der Verband der Wiener Arbeiterheime, also die SPÖ. Das ist für die Wiener SPÖ gar nicht so unpraktisch, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Gewista jedenfalls kam kürzlich ins Visier des Standard, weil auf von ihr verwalteten Plakatflächen Werbung zu sehen war, auf denen ein Jesus-Kitschbild im Nazarener-Stil und der Slogan „Juni ist der Herz-Jesu-Monat“ zu lesen war. Dazu gab es einen QR-Code, über den man die Website des Auftraggebers ansteuern konnte, der Österreichischen Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum (TFP). Die findet den „Pride Month“, welcher der Juni für die Progressiven ist, nicht so gut und will dem Zeitgeist, den er repräsentiert, die Lehre von „Reinheit, Keuschheit und Würde des Menschen“ entgegensetzen.

Gesinnungspolizeilicher Anfangsverdacht

Die Redaktion des Standard hegt da nachvollziehbarerweise einen gesinnungspolizeilichen Anfangsverdacht, und zwar nicht nur gegen die TFP, sondern auch und vor allem gegen die Gewista, die nach Meinung der Standard-Autoren gegen ihren eigenen Ethikkodex verstößt, indem sie einer derart extremistischen, ja katholisch-fundamentalistischen Organisation die öffentliche Verbreitung queerfeindlicher Agitation erlaubt.

Und das, so liest man ein bisschen zwischen den Zeilen mit, obwohl doch der Verein der Wiener Arbeitervereine eigentlich eine Garantie für moralisch einwandfreies Vorgehen sein müsste. Dass die Gewista auf Anfrage der Meinung ist, dass eine inhaltliche Gegenposition zum „Pride Month“ in einer demokratischen Gesellschaft möglich sein müsse, findet man seitens der Standard-Autoren dann doch eher empörend.

Ein Kampf auf verlorenem Posten

Die Frage lautet also: Soll es in einer demokratischen Gesellschaft möglich sein, klassische religiöse Position in gesellschaftlichen und grob gesagt moralischen Fragestellungen zu vertreten? Es gibt derer viele, denn klarerweise kann ein wirklich gläubiger Katholik weder die Abtreibung noch die Stammzellenforschung oder die Adoptionsmöglichkeit für Homosexuelle gutheißen.

Alles, was ein Progressiver für notwendige und hart erkämpfte Errungenschaften hält, ist für den traditionell Gläubigen ein Zeichen des Niedergangs. Die Progressiven haben sich auf ziemlich allen Linien durchgesetzt. Die Konservativen, die von den gesinnungspolizeilich aktiven Progressiven als Extremisten und als radikale Fundamentalisten gerne auch mal an die Strafverfolgungsbehörden übergeben werden, kämpfen, wie es der kolumbianische Reaktionär Nicolás Gómez Dávila formuliert hat, „auf verlorenem Posten“.

Es ist eine ewige Wahrheit: Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche

Ich persönlich bin froh, dass sich die progressive Ideen des Individualismus gegen die kollektiv-repressiven Moralvorstellungen konservativer Religionsgesellschaften durchgesetzt haben. Und ich hatte immer großen Respekt vor Aktivisten, die für die Durchsetzung ihrer Überzeugungen auch persönliche Nachteile in Kauf genommen haben.

Umso mehr wundert es mich, dass die Progressiven so überhaupt kein Gespür dafür haben, dass sie seit geraumer Zeit ziemlich genau das tun, was sie den religiösen Fundamentalisten vorwerfen: Gesinnungsschnüffelei und Repression. Es reicht ihnen nicht, Gegenpositionen als extremistisch und gesellschaftsgefährdend zu denunzieren, man will auch Dritte zwingen, solche Meinungen aus moralischen Gründen zu unterdrücken. Kommt einem gleich mal bekannt vor.

Es ist eine ewige Wahrheit, die der Satiriker F.W. Bernstein in den progressiven 60er-Jahren zu einem „Tierzeiler“ verdichtete: Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.

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