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Leitartikel: Nicht verteilen, sondern schaffen

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Kathrin Gulnerits

©Matt Observe

Über die Verteilung des Wohlstands wird in Österreich gern und intensiv diskutiert. Über seine Entstehung deutlich seltener. Dabei entscheidet sich gerade jetzt – in Schulklassen, Labors und Start-ups –, wer das Land in Zukunft wirtschaftlich tragen wird.

Gut möglich, dass sich die Aufmerksamkeit des Landes in den kommenden Wochen auf die schönste Nebensache der Welt richtet. Fußball schafft etwas, das Politik derzeit nur selten gelingt: gute Laune. Denn wirtschaftlich gibt es derzeit wenig Anlass zur Euphorie.

Während der Wirtschaftsminister dieser Tage gemeinsam mit seinem ungarischen Amtskollegen Kaiserschmarrn vor Social-Media-Kameras zubereitet, bleiben die Antworten auf bekannte Probleme aus. Österreich kämpft wie Deutschland mit schwacher Produktivitätsentwicklung, hohen Arbeitskosten und nachlassender Wettbewerbs­fähigkeit. Feiertagsweltmeister sind wir übrigens auch. Umso dringlicher wäre die Debatte darüber, wie neues Wachstum entstehen soll.

Den Kuchen größer machen

Erinnern Sie sich? „Entscheidend ist, dass wir den Kuchen größer machen“, sagte der damalige Bundeskanzler Karl Nehammer 2024. Zehn Prozent Wachstum in fünf Jahren lautete das Ziel. Woher dieses Wachstum kommen soll, wurde nicht verraten. Wohlstand entsteht nicht, weil Regierungen ihn ankündigen. Sondern, weil Menschen Ideen entwickeln, Unternehmen gründen, investieren, forschen und Neues schaffen.

Der Wunsch nach einem größeren Kuchen ersetzt noch kein Rezept. Österreich streitet leidenschaftlich darüber, wie die Früchte wirtschaftlichen Erfolgs verteilt werden sollen. Woher dieser Erfolg künftig kommen wird, erzeugt deutlich weniger Leidenschaft.

Unternehmen von morgen

Wer über die Wertschöpfung von morgen diskutiert, landet zwangsläufig bei Forschung, Bildung und Unternehmensgründungen. An diesem Punkt lohnt sich ein Blick auf eine Untersuchung, die hierzulande zwischen Kaiserschmarrn und Fußball-WM leicht unterzugehen droht. Es geht um die Unternehmen von morgen. Eine Untersuchung zur Gründungsleistung von Hochschulen analysierte zuletzt mehr als 51.000 Start-ups im deutschsprachigen Raum. 78 Prozent entfielen auf Deutschland. 14 Prozent auf die Schweiz. Auf Österreich lediglich acht Prozent.

Noch interessanter ist eine andere Untersuchung. Der Redstone University Start-up Index misst, wie erfolgreich Universitäten Forschung und Ausbildung in Unternehmensgründungen übersetzen. An der Spitze finden sich ausgerechnet kleine Länder wie Estland, Finnland oder Litauen. Länder also, die sich seit Jahren systematisch mit der Frage beschäftigen, wie aus Wissen Unternehmen, Arbeitsplätze und Wertschöpfung entstehen.

Dass es dabei nicht nur um Start-ups geht, zeigt ein weiterer Blick auf die Hochschullandschaft. Die Universität Wien erreichte im Times Higher Education Ranking erstmals Platz 95 weltweit. Das ist ein Erfolg. Die Frage ist nur: Erfolg gemessen woran? An München, wo die Technische Universität auf Platz 27 und die Ludwig-Maximilians-Universität auf Platz 34 liegen? An der Schweiz mit der ETH Zürich auf Platz 11 und der EPFL Lausanne auf Platz 35? Oder an Schweden, das gleich drei Universitäten unter den Top 100 platziert?

Die halbe Wahrheit

Die Antwort der Wissenschaftsministerin fällt nüchtern aus. Rankings solle man nicht überbewerten, weil nicht jedes Ranking für Österreich gleichermaßen aussagekräftig sei. Das mag stimmen. Rankings bilden nie die gesamte Wirklichkeit ab. Sie verlieren ihre Aussagekraft allerdings nicht automatisch deshalb, weil andere Länder besser abschneiden.

Genau hier zeigt sich ein vertrauter österreichischer Reflex. Fallen internationale Vergleiche günstig aus, gelten sie als Beleg für die eigene Stärke. Fallen sie weniger günstig aus, wird ihre Aussagekraft rasch relativiert. Dabei lautet die eigentliche Frage nicht, ob ein Ranking perfekt ist. Sondern, warum andere Länder offenbar erfolgreicher darin sind, Forschung, Talent und Innovation in wirtschaftliche Dynamik zu übersetzen.

Die Antwort liegt vermutlich in den Strukturen dahinter. München etwa hat ein Ökosystem aus Spitzenuniversitäten, Forschungsinstituten, Start-ups, Risikokapital und Industriepartnern. Universitäten stehen dort nicht neben der Wirtschaft. Sie sind Teil ihrer Wachstumsstrategie.

Das Morgen wird häufig erst dann zum Thema, wenn es bereits zum Problem geworden ist

Estland mit seinen 1,4 Millio­nen Einwohnern brachte Unternehmen wie Skype, Bolt oder Wise hervor. Finnland baute mit der Aalto University gezielt eine Hochschule auf, die Forschung und Unternehmertum enger verzahnen sollte. Die ETH Zürich gilt seit Jahren als eine der produktivsten Gründeruniversitäten Europas.

Diese Länder beschäftigen sich nicht nur mit dem Ergebnis wirtschaftlichen Erfolgs. Sie beschäftigen sich mit seinen Voraussetzungen. In Österreich verläuft die politische und gesellschaftliche Debatte oft anders. Das Morgen wird häufig erst dann zum Thema, wenn es bereits zum Problem geworden ist.

Die Unternehmen, die Österreich heute tragen, wurden nicht gestern gegründet. Wer Österreich in 20 Jahren tragen wird, entscheidet sich gerade jetzt: in Schulklassen, Lehrwerkstätten, Labors und Start-ups. Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger über das Verteilen und mehr über das Entstehen von Wohlstand zu sprechen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.

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