Seit einem Jahr ist Leonore Gewessler Parteichefin der Grünen. Seit einem Jahr tourt sie durch Österreich, um mit Wählerinnen und Wählern ins Gespräch zu kommen. Die wünschen sich mehr Gerechtigkeit, findet Gewessler und fordert daher vehement „Milliardärssteuern“. In den Umfragen haben die Grünen zulegt.
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Welche Kritik Leonore Gewessler am öftesten hört? „Es gibt bei den Menschen ein großes Bedürfnis nach ehrlichem Interesse daran, wie es ihnen in diesem Land geht. Einem ehrlichen Zuhören, wie schaut ihr Leben aus? Den Wunsch, dass jemand für sie kämpft, damit sie eine gute Zukunft und ein besseres, leichteres Leben haben“, erzählt die Grünen-Chefin, die seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr durch Österreich tourt, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen.
Was sie erzählt, mag ein Manko der Politik generell sein. Aber Gewessler gibt zu: „Dass es den Grünen manchmal mehr darum geht, recht zu haben, als eine gute Lösung für die Menschen zu präsentieren – dieser Kritik begegne ich in unterschiedlichen Ausformungen. Das will ich umdrehen. Ich möchte, dass die Menschen das Gefühl haben, meine Grünen sind Grüne, die an ihrer Seite stehen.“
Das Image der „Verbotspartei“
Zu sehr waren die Grünen in den türkis-grünen Jahren in ihren Regierungsbüros eingebunkert. Der Kontakt zu den Wählerinnen und Wählern litt. Sie konnten einiges durchsetzen – das Klimaticket, den Klimabonus, Förderungen für Heizkesseltausch oder für Reparaturen – doch das Image der „Verbotspartei“, sorgsam kultiviert vom politischen Mitbewerb, blieb. Gewessler:
„Ich habe ein Ehepaar getroffen, das mir gesagt hat, die Kinder wählen grün, aber sie können das nicht, weil sie ein Auto haben.“ Sie habe auch ein Auto in der Familie, sagt die Grünen-Chefin, und: „Wenn es solche Bilder von uns gibt, dann müssen wir uns fragen, was wir nicht richtig gemacht haben. Deswegen lautet der Auftrag: Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind und wo sie uns brauchen.“
Mit Forderungen nach billigeren Öffi-Tickets, der Besteuerung von „Super-Reichen“ und „einer Politik, die nicht dazu führt, dass Frauen in diesem Land noch mehr belastet werden“, will Gewessler nun Terrain gutmachen.
Ganz viele Menschen, die jeden Tag arbeiten gehen und mit ihren Steuern einen Beitrag zum Allgemeinwesen leisten, ärgert es massiv, dass manche Milliarden erben und dabei locker von den Zinsen leben können
Den Absturz wettmachen
Regieren kostet Sympathien. Das erleben fast alle Parteien. Für die Grünen führte das bei der Nationalratswahl 2024 zu einem deutlichen Absturz. Nur noch 8,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmten für sie. Ein Minus von 5,7 Prozentpunkten gegenüber 2019, als die Grünen ihr bestes Ergebnis erzielt hatten.
Rund 148.000 grüne Stimmen von damals gingen 2024 an die SPÖ und ihren Frontmann Andreas Babler, der im Wahlkampflinke Politik versprach – inklusive Reichensteuern. Im Koalitionsprogramm mit ÖVP und NEOS finden sich diese nicht mehr. Gewessler und die Grünen wollen diese Babler-Wählerinnen und Wähler zurückholen. Daher wird deutlich adressiert, was die SPÖ in der Regierung mit ÖVP und NEOS alles nicht erreicht.
„Babler ist vor der Wahl durchs Land getourt und hat versprochen, dass es mit ihm endlich eine faire Besteuerung für Milliardenerben gibt. Aber in der Bundesregierung winkt er durch, dass eine Frau, die Teilzeit arbeitet, bis zu 700 Euro weniger im Geldbörsl haben wird. Das ist ungerecht. Das Budget, das uns bevorsteht, ist in Zahlen gegossene Ungerechtigkeit“, sagt die Grünen-Chefin.
Wachsen mit der Reichensteuer
Dass auch Gewesslers Vorgänger an der Spitze der Grünen, Werner Kogler, Milliardärssteuern gefordert und gegen die ÖVP nicht durchgesetzt hat, lässt Gewessler nicht gelten: „Es gibt einen großen Unterschied zu unserer Regierungszeit: Die SPÖ stellt den Finanzminister und die ÖVP will etwas – ein milliardenschweres Entlastungspaket für Unternehmen. Diesen Hebel hätte man bei den Budgetverhandlungen nutzen müssen. Ich habe nicht gesehen, dass die SPÖ das überhaupt versucht hätte. Im Gegenteil: Sie ist im Liegen umgefallen.“
Mit SPÖ und Grünen haben bei der Nationalratswahl aber genau jene Parteien Schiffbruch erlitten, die Reichensteuern fordern. Dennoch glauben die Grünen, jetzt damit wachsen zu können. „Ganz viele Menschen, die jeden Tag arbeiten gehen und mit ihren Steuern einen Beitrag zum Allgemeinwesen leisten, ärgert es massiv und zu Recht, dass manche Milliarden erben und dabei locker von den Zinsen leben können. Es gibt eine breite gesellschaftliche Mehrheit für mehr Gerechtigkeit. Diese Regierung macht Öffi-Tickets teurer, während sie gleichzeitig Milliarden für sinnlose Autobahnprojekte verpulvert. Sie kürzt bei den Mamas. Bei denen knattern die Taschenrechner, ob sich noch alles ausgeht, während bei den Porsches die Champagner-Korken knallen. Ich möchte gerne die politische Alternative sein, die an der Seite der Vielen steht.“
Dass sich Reichensteuern am Wahltag eher nicht lohnen? „Ich glaube, viele Menschen in diesem Land haben ein bisschen genug von Parteien, die sich nur darum kümmern, wo sie in den Umfragen liegen oder mit welcher Taktik sie nach vorne kommen. Es gibt ein großes Bedürfnis nach einer Politik, die ein Anliegen hat. All jene, die jetzt mit offenem Mund vor der Performance dieser Bundesregierung stehen, haben bei der nächsten Wahl eine Entscheidung zu fällen: Gehen sie den Weg der Wut oder schaffen wir Grüne es, eine hoffnungsvolle Alternative zu sein?“
Reibebaum SPÖ
Auf die Anmerkung, dass die Grünen die Roten lauter kritisieren als andere Parteien, entgegnet Gewessler: „Ich glaube nicht, dass sich die SPÖ leichter tut, ihren Gerechtigkeitssinn wieder zu finden, wenn wir Grüne sie möglichst schonend behandeln.“
Die ÖVP, holt sie in diese Richtung aus, „steckt in ihrem alten Denken fest, und es geht ihr offensichtlich nur mehr darum, ihre eigenen Leute zu versorgen. Am Ende profitiert nur Herbert Kickl, wenn wir die Probleme in diesem Land nicht lösen. Wenn das Land den Bach runtergeht, geht die FPÖ in den Umfragen rauf.“
Bei 37,3 Prozent liegen die Freiheitlichen im APA-Wahltrend (Stand: 2. Juni). Deren Strategen könnten sich zurücklehnen und zusehen, wie Grüne (Umfragestand: 11,3 Prozent) und SPÖ (17,4 Prozent) ums gleiche Wählersegment rittern. Eigentlich müsste es beiden darum gehen, Stimmen aus dem rechten Lager loszueisen. Versucht man es?
Herbert Kickl steht wie der Hooligan am Spielfeldrand und wirft zusätzlich Pyrotechnik aufs Feld, weil wenn es brennt, ist es noch schöner

Leonore Gewessler beginnt ihre Antwort darauf mit einer Bestandsaufnahme: „Herbert Kickl und mich trennen Welten in unserem Zugang zur Politik, in unseren Inhalten, aber auch, wie wir Opposition im Nationalrat verstehen. Kickl steht wie der Hooligan am Spielfeldrand und wirft zusätzlich Pyrotechnik aufs Feld, weil wenn es brennt, ist es noch schöner. Er hat null Interesse, Probleme zu lösen. Die FPÖ stellt sich schützend vor die Milliardenerben. Und sie rüttelt an den Grundfesten unserer Demokratie, wenn sie Viktor Orbán, Donald Trump und Wladimir Putin als Vorbilder sieht.“
Wie sie einen Kickl-Wähler von sich überzeugen würde? Mit welchen Argumenten würde sie es versuchen? „Ich würde ihn fragen, was ihn oder sie gerade bewegt. Wo der Schuh drückt, wo die große Unzufriedenheit ist. Und dann würde ich versuchen, mit allem, was ich kann, diesen Menschen näherzubringen, wie ich auf die Dinge schaue, und warum sich meine Lösung diametral von der Herbert Kickls unterscheidet.“
Aber, so versichert Gewessler, es gehe bei ihrer Tour ja gar nicht ums Kreuzerl bei der nächsten Wahl: „Ich sage ja nicht: Jetzt habe ich dir fünf Minuten zugehört – wähle mich gefälligst.“
Verantwortung fürs Defizit
Kritisieren die Grünen den Sparkurs der Bundesregierung, müssen sie sich die Kritik gefallen lassen, dass in ihrer Regierungszeit mit der ÖVP budgetär weit über die Verhältnisse gelebt wurde. „Ich habe nie kritisiert, dass gespart wird“, entgegnet Gewessler, „auch wir müssten nach Zeiten so großer Krisen – von der Pandemie bis zur Energiekrise – das Budget konsolidieren“.
Die grünen Sparvorschläge würden anders aussehen: Sie würden bei Luxuspensionen, Dienstwagenprivileg, klimaschädlichen Subventionen und Doppelförderungen von Bund und Ländern ansetzen und die Abschaffung der kalten Progression so überarbeiten, dass das oberste Einkommensdrittel weniger profitiert.
Sie würden es wieder tun
Aber, so gesteht Gewessler zu: „Niemand, der irgendeine Funktion fünf Jahre ausgefüllt hat, würde alles wieder genau gleich machen.“ Sie würde aus heutiger Sicht „mehr auf den Landesenergieversorgern draufknien, damit die ihren Beitrag zur Bewältigung der Energiekrise leisten“. Was sie jedoch heute wieder machen würde: großzügig das Ende fossiler Energieträger zu subventionieren, was die Kanzlerpartei ÖVP heute kritisiert.
„Das argumentiere ich gerne durch: In diesem Land können ein paar hunderttausend Familien besser schlafen, weil sie nicht mehr von Öl und Gas aus Krisenregionen oder aus Russland abhängig sind. Dafür haben wir viel Geld in die Hand genommen und dazu stehe ich. Wir haben ja nicht nur den Klimaschutz damit unterstützt, sondern auch unsere Krisenfestigkeit und Unabhängigkeit – und vor allem auch heimische Unternehmen.“
Natürlich klopfen sich die Grünen dafür auf die Schulter, was ihnen als Oppositionspartei im Nationalrat bei den Verhandlungen über das Elektrizitätswirtschaftsgesetz oder das Waffengesetz gelungen ist.
Doch das Ziel für die Zukunft steht fest: „Wir sind in der Politik, weil wir etwas verändern wollen. Das Ziel ist natürlich, wieder zu regieren.“ Die nächste Chance dafür bietet sich nächstes Jahr: Da wählt Oberösterreich und da wollen die Grünen dorthin, wo sie schon einmal waren: in die Landesregierung.

Steckbrief
Leonore Gewessler
Die gebürtige Steirerin hat Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Internationale Entwicklung studiert. Nach dem Studium war sie Büroleiterin des ersten grünen Wiener Bezirksvorstehers in Neubau. Anschließend war sie Gründungsdirektorin der Green European Foundation in Brüssel. Von 2014 bis 2019 leitete sie die Umweltorganisation Global 2000. Für die Nationalratswahl 2019 holte Grünen-Chef Werner Kogler Gewessler als Quereinsteigerin. Von 2020 bis 2025 war sie Klimaministerin. Seit einem Jahr ist sie Parteichefin der Grünen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.






