Mojtaba Khamenei hat seinen Vater im März als Oberster Führer des Iran beerbt. Er wurde als Symbol der Widerstandsfähigkeit des Regimes im Krieg, als junge erfrischte Version des Frontmanns verkauft. Doch er ist noch nie öffentlich aufgetreten, soll schwer verletzt sind. Der Deal zwischen den USA und dem Iran basiert also auf einem Handschlag mit den Gesandten eines Phantoms, gesteuert von den Hardlinern der Revolutionswächter, die nun mächtiger und gefährlicher sind denn je.
Noch zu Beginn dieses Jahres war das Regime der Islamischen Republik Iran dicht an einen tiefen Abgrund gerückt. Ein massiver Aufstand des verarmten und unterdrückten Volks in den ersten Jänner-Wochen drohte die Mullah-Diktatur aus den Angeln zu heben.
Der greise Oberste Führer, der 86-jährige Ayatollah Ali Khamenei, galt als angezählt. Ende Februar griffen die militärischen Supermächte Israel und die USA das Land an. In der ersten Stunde dieses Krieges wurde Khameneis Residenz von Dutzenden Raketen und Bomben regelrecht pulverisiert. Er starb und mit ihm seine Frau, Enkelkinder und ein Teil seines Führungsteams.
Triumph der Gewalt
Doch nun, ein halbes Jahr später, triumphiert das Regime. Mit aller Gewalt hat sich die Führung behauptet. Zehntausende Protestierende wurden von der Schattenarmee des Regimes, den „Revolutionswächtern“, massakriert. „Niemand wagt sich mehr auf die Straßen, die Menschen sind traumatisiert“, sagt Ali Vaez, Iran-Direktor der Denkfabrik „Crisis Group“. Den Krieg mit den militärisch haushoch überlegenen USA und Israel hat das Regime in wichtigen Punkten für sich entschieden. Im Rahmenabkommen für den Waffenstillstand konnte Irans Führung eine Atempause der Sanktionen erzwingen. Die Revolutionswächter, deren Schnellboote die zentrale globale Handelsroute an der Straße von Hormus lahmlegten, sind mächtiger denn je.
„Die Islamische Republik ist gefährlicher als vor dem Krieg“, warnt Vaez. Der entscheidende Coup der Islamischen Republik war: Die Führungsriege trickste US-Präsident Donald Trump aus. Er legte es auf einen Regimewechsel an, setzte darauf, dass mit dem Tod Khameneis das Regime zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Doch das Gegenteil war der Fall. Sein zweitältester Sohn Ayatollah Mojtaba wurde am 8. März als neuer Oberster Führer gewählt. Der 56-Jährige sieht seinem Vater frappierend ähnlich. Mit einem Mal war die Mullah-Diktatur war nicht gestürzt, sondern verjüngt. Doch die Darstellung hat einen entscheidenden Schönheitsfehler.


Mit ihren Schnellbooten kontrollierten die Revolutionsgarde die Straße von Hormus. Deren Freigabe ist ein wesentlicher Teil des „Deals“, den Trump mit dem Iran anstrebt.
© Getty ImagesDer AI-Ayatollah
Plakate, die ihn als Oberkommandierenden feiern, als großen Führer mit Turban, sind mit Künstlicher Intelligenz erzeugt worden. Seit mehr als hundert Tagen fehlt von ihm jede Spur. Mojtaba Khamenei tritt öffentlich nicht auf, es gibt kein aktuelles Video, nicht einmal eine Tonaufnahme. „Wir haben einen AI-Ayatollah“, spottet Irans Jugend. Doch darin steckt eine Menge Brisanz. Das Phantom von Teheran sollte eigentlich die Fäden ziehen. Formal ist Mojtaba Khamenei die höchste Autorität, hat das letzte Wort in der Außen- und Verteidigungspolitik. Dies würde auch für die Umsetzung des nun vereinbarten Deals gelten.
Schriftliche Kommuniqués sind die wenigen dürren Lebenszeichen. Zuletzt ließ Khamenei wissen, dass Irans Regime niemals sein Atom-Programm aufgeben werde, die USA sämtliche Stützpunkte in der Region räumen müssen. Ob er solche Zurufe, die vom Staatsfernsehen verlesen oder auf Sozialen Medien veröffentlicht werden, selbst verfasst, oder wer sie an seiner Stelle schreiben könnte, ist genauso unklar wie sein Aufenthaltsort. Gewiss ist nicht einmal, in welchem Gesundheitszustand und wie handlungsfähig Mojtaba Khamenei ist. Ihn künstlich am Leben zu halten, ist – oder wäre – nicht nur deshalb so einfach, weil es kaum Vergleichsmöglichkeiten gibt. Er hielt schon zuvor keine Reden, trat nicht bei Kundgebungen auf. Nur ein einziges Medien-Interview aus dem Jahr 2021 ist überliefert.
Rätseln über Khameneis Zustand
Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass der 56-jährige Oberste Führer – vorsichtig formuliert – nicht ganz fit ist. Mojtaba Khamenei war in den Morgenstunden des 28. Februars bei jenem fatalen Frühstückstermin im Büro seines Vaters dabei, der zum Ziel eines israelischen Luftangriffs wurde. Dutzende Raketen wurden von Israels Luftwaffe um 9.40 Uhr auf das Areal Beit Rahbari, den Sitz der Führung, abgefeuert. Der Khamenei-Sohn soll überlebt haben, weil er wenige Augenblicke vor dem Raketentreffer den Raum verlassen hatte und im Stiegenhaus war. „Er wurde von der Druckwelle zu Boden geschleudert“, berichtet Mazaher Hosseini, Protokollchef des neuen Obersten Führers. „Dabei hat er sich verletzt.“
Es gilt allerdings als Rätsel, wie es möglich sein konnte, dass just er als Einziger überleben konnte. Die Detonationen waren so heftig, dass selbst massive Pforten in den Gebäuden der Nachbarschaft schmolzen. In Teheran kursieren Gerüchte, dass nach den Raketen und Bombenangriffen, keine sterblichen Überreste mehr identifizierbar waren. Mehr als Asche sei von keinem der Opfer übriggeblieben. Dass Mojtaba als einziger überlebt haben soll, wurde von regimekritischen Medien eher als Wunder, denn als mögliche Realität eingestuft.
Über das Schicksal Mojtaba Khameneis kursieren viele Gerüchte, aber wenig handfeste Fakten. Dazu zählt, dass er trotz aller Angriffswucht mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich wenigstens die ersten Tage nach dem Angriffüberlebt hat, allerdings schwer verletzt. Er wurde in das Sina Krankenhaus gebracht und mehrmals operiert, war mutmaßlich sehr lange im Koma. Im Mai berichtete die Zeitung New York Times unter Berufung auf sechs Interviews mit Insidern des Regimes, dass einer seiner Arme schwer verletzt ist, sein Gesicht verbrannt und entstellt. Vor allem die Lippen seien betroffen. Er könne kaum sprechen, brauche noch viele plastisch-chirurgische Eingriffe. Mutmaßlich brauche er auch Prothesen, dürfte ein Bein verloren haben, möglicherweise auch beide.
Im Bunker des Führers
Der neue Oberste Führer blieb während des Kriegs auf Tauchstation, mutmaßlich in einem geheimen Bunker, wo er behandelt wurde und wird. Er kommuniziert angeblich nur über Boten, nicht mehr über Telefon. Den Deal zur Beendigung des Konflikts verhandeln Amtsträger mit wenig formaler Autorität: Parlamentspräsident Mohammed-Bagher Ghalibaf und Außenminister Abbas Araghchi. Zuletzt zeigte sich, dass der bloße Glaube an die Macht des unsichtbaren Ayatollah seine Grenzen erreicht. „Der Oberste Führer muss endlich ein Machtwort sprechen und sich zeigen!“ – Solche Sprüche findet man auf den Transparenten von Hardlinern im Iran, die seit Tagen gegen einen Deal mit den USA und Israel protestieren.
Es wäre eine Ehre, Mojtaba Khamenei zu sehen und mit ihm direkt das Ende des Konflikts zu verhandeln
Trump lockt – erfolglos
Auch Trump machte Druck. „Es wäre eine Ehre, Mojtaba Khamenei zu sehen und mit ihm direkt das Ende des Konflikts zu verhandeln“, schmeichelte er Anfang Juni zum Entsetzen seines wichtigsten Bündnispartners Israel. Immerhin steht der Oberste Führer der Islamischen Republik für die seit Jahrzehnten geltende zentrale „Mission“ des Regimes: die Zerstörung Israels.
Doch Trumps Versuch, Mojtaba mit schönen Worten aus der Deckung zu locken, scheiterte. Der US-Präsident reagierte mit einem seiner typischen Wutausbrüche: „Die Führung des Irans ist ein einziges Chaos. Die Truppe ist handlungsunfähig.“


Donald Trump versucht auf seine Weise herauszufinden, ob Mojtaba Khamenei lebt und verhandlungsfähig ist
© Zuma Press Wire, IMAGOWer den Iran derzeit wirklich führt, ist eine zentrale Frage, die allerdings niemand schlüssig beantworten kann. Fest steht: Am 8. März wurde der 56-jährige Ayatollah Mojtaba Khamenei von dem sogenannten „Expertenrat“ zum Obersten Führer der Islamischen Republik und somit zum Nachfolger seines Vaters gekürt. Es war erst das zweite Mal in der Geschichte des Regimes, dass dieses Gremium bestehend aus 88 greisen, hochrangigen schiitischen Klerikern, diese fast allmächtige Rolle im Gottesstaat neu besetzte.
Davor wurde im Juni 1989 Ali Khamenei als Oberster Führer gekürt, trat die Nachfolge von Ruhollah Khomeini an, der den Schah von Persien 1979 gestürzt hatte. Ali Khamenei, der schmächtige Prediger aus der Stadt Maschhad, mit dicker Brille und monotonem Sermon, galt als verbitterter Kämpfer gegen jeden westlichen Einfluss. Er prägte Irans Geschichte mehr als es Khomeini konnte. Er rückte die Schattenarmee der Revolutionswächter, an die 200.000 Mann, in zentrale Machtpositionen.
Der Kandidat der Revolutionswächter
Sein zweitältester Sohn Mojtaba leitete sein Büro, wurde zum Bindeglied zwischen dem Klerus und den Generälen dieser Truppe. Mehrere Mitglieder des Expertenrats berichteten im März, dass die mächtigen Kommandanten und Veteranen dieser Revolutionswächter Druck für die Kür „ihres“ Mannes Mojtaba ausgeübt hätten. Iranische Regimekritiker verbreiten seither auf sozialen Medien Karikaturen, die Ahmad Vahidi, den Boss der Schattenarmee mit einer Handpuppe zeigen: Sie soll den Obersten Führer darstellen.
Der 65-Jährige gilt als der neue starke Mann des Irans. Eine Position, die er aber zumindest vorerst nur halten kann, weil er hinter dem Mythos Mojtaba in Deckung gehen kann und die Illusion aufrechterhält, in der Islamischen Republik habe sich nur der Vorname und das Alter des Obersten Führers verändert, aber nicht das System.
Vorerst gilt das – und die Indizien, dass Mojtaba Khamenei tatsächlich überlebt hat, verdichteten sich zuletzt. Seit einigen Wochen mehren sich gar die Indizien, dass er auf dem Weg der Besserung sein könnte. US-Außenminister Marco Rubio: „Es gibt Beweise dafür, dass er zuletzt deutlich aktiver war als in den Wochen zuvor.“ Ende Mai wurde auch ein erstes offizielles Bulletin zu seinem Zustand veröffentlicht. Hossein Kermanpour, Sprecher des iranischen Gesundheitsministeriums, sagte, dass der Oberste Führer wohlauf sei, lediglich ein paar kleine Nähte gebraucht hätte, außer einem Kratzer am Ohr wenig von seinen Verletzungen noch zu sehen sei.


Ahmad Vahidi führt Irans Schatten-Macht, die Revolutionsgarden. Er gilt vielen als der wahre starke Mann, Khamenei als seine Marionette.
© Getty ImagesVor Angriffen versteckt
Dass es völlig normal ist, den Obersten Führer zu verstecken, bekräftigte zuletzt der ultrakonservative und einflussreiche Parlamentarier Salar Velayatmadar: „Wir haben die Expertenmeinungen der führenden religiösen Akademien eingeholt, und sie haben die Einschätzung der Sicherheitskräfte unterstützt und für juristisch korrekt erklärt. Diese besagt, dass es zu gefährlich sei, dass sich Mojtaba Khamenei in der Öffentlichkeit zeigt oder Aufnahmen von ihm zu sehen sind. Das könnte der Feind zu einem Angriff nutzen.“
Doch der Krieg scheint nun vorbei und die Ausrede gilt damit nicht mehr. Vor wenigen Tagen wurde mit extremer Verspätung der Termin des Begräbnisses seines Vaters bekanntgegeben. Die Feierlichkeiten sollen am 4. Juli beginnen und fünf Tage lang dauern. Drei Tage sollen sich Prozessionen, zu denen Millionen Menschen erwartet werden, durch das ganze Land ziehen. Tritt sein Sohn und Nachfolger auch da nicht auf, bricht der Machtkampf um die eigentliche Führung wahrscheinlich aus und somit die nächste brandgefährliche Ära der Unsicherheit. Denn ohne Khamenei Junior als PR-Frontmann ist der Regimewechsel nicht mehr zu verleugnen.


Vater und Sohn Khamenei. Der Ältere starb gleich zu Beginn des Kriegs. Zeigt sich der Sohn nicht beim Begräbnis, könnten Machtkämpfe folgen.
© IMAGO/NurPhoto„Tatsächlich ist schlicht nicht klar, in welchem Zustand Mojtaba Khamenei ist“, betont der Historiker Arash Azizi, „aber es ist gelungen, mit ihm als symbolische Führungsfigur das Regime zusammenzuhalten.“
Ein Zurück zur Vergangenheit werde es nicht mehr geben: Der Iran hat sich verändert, ein künftig sichtbarer Ayatollah als Oberster Führer würde zwar mehr Stabilität bedeuten, doch am Machtanspruch der Hardliner nichts mehr verändern.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.






