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Warum Hormus die Welt gerade ins Stocken bringt

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Moritz Brake©Nexmaris GmbH”

Moritz Brake, Experte für maritime Sicherheit, spricht im Interview über die Auswirkungen der bisherigen Blockade in der Straße von Hormus, die Anfälligkeit der Lieferketten und weshalb Europa unmittelbar betroffen ist.

Ist der maritime Frieden, der unter anderem die Grundlage für den globalen Handel ist, wegen der Entwicklungen in der Straße von Hormus gefährdet?

Moritz Brake: Der Frieden ist nicht nur auf den Meeren vorbei, sondern auch für uns an Land. Die Blockade der Straße von Hormus war ein Teil des Kriegs im Iran, aber diese Blockade durch den Iran richtete sich auch gegen uns in Europa. Eine solche Blockade ist historisch und völkerrechtlich ein Akt des Kriegs. Wir haben uns bisher entschieden, darauf nicht zu antworten. Für Kriege braucht es ja immer zwei: einen, der angreift und einen, der sich verteidigt.

Die Auswirkungen dieser Blockade waren weitreichend, auch wenn vor allem über Treibstoffpreise diskutiert wurde.

Wir in Europa merken es an den Tanksäulen, anderswo aber stehen Menschen deswegen an ihrer Existenzgrenze. Schließlich fehlt ein Fünftel von Öl und Gas am Markt. Aber es geht noch um viel mehr, so fehlt wegen der Blockade ein Drittel der weltweiten Helium-Versorgung, was unter anderem für die Halbleiterproduktion benötigt wird. Wenn alle diese Effekte in die Lieferketten durchschlagen, werden sie extrem zu spüren sein. Vor allem Asien ist hart getroffen. So fehlen Düngemittel in Indien, das wirkt sich auf die Agrarproduktion aus. In dem Land ist eine große Hungersnot zu erwarten. Die schlimmsten Folgen sind dort zu erwarten, wo Menschen ohnehin schon arm und Märkte fragil sind.

In Europa wird vor allem kritisiert, dass US-Präsident Trump überhaupt das Dilemma ausgelöst hat. Weshalb sollte sich Europa daher engagieren?

Die Amerikaner haben zwei Fehler gemacht: Erstens den Krieg so anzufangen und zweitens ihn nicht zu gewinnen. Doch diesen geopolitischen Scherbenhaufen bekommen wir nicht mehr ausgeräumt, es wird nicht mehr wie davor. Jede Woche, während der die Straße von Hormus gesperrt ist, zieht weitere Wochen mit immer größeren Folgen nach sich.

Sollte sich Europa also stärker einbringen?

Wir sind ja unmittelbar betroffen. Nur wenn man begreift, wie sehr wir vom Meer abhängig sind, versteht man: Wir sind bereits Ziel in diesem Krieg. Direkt betroffen sind ja die Staaten im Golf, für die ist jeder Tag der Sperre ein Schritt näher an den Abgrund. Diese Staaten sind von Importen mit Schiffen abhängig, die können nicht ausreichend über Luftbrücken ersetzt werden.

Aber auf welche Weise? Es wird zum Beispiel die Minenabwehr von Deutschland ins Spiel gebracht.

Damit kann man schon helfen, aber das sind ja Lösungen für die Zeit nach einem Konflikt. Ein Minenjagdboot kann sich nicht gegen Angriffe aus der Luft wehren. Wenn der Iran seine Drohnenfähigkeiten gegen europäische Minenboote aufwenden würde, wäre das dramatisch.

Und der Iran scheint über ausreichend Waffen zu verfügen, vor allem Drohnen.

Das Land hat zwar keine riesigen Kapazitäten, kann aber mit relativ wenig Aufwand viel erreichen. Wir müssen mit Hochleistungstechnologie auf billige Drohnen reagieren. Die überlasten beispielsweise Flugabwehrsysteme, weil

sie zu Hunderten kommen. Die Amerikaner haben in den ersten beiden Wochen eine Jahresproduktion von Flugabwehrraketen verschossen. Gemessen an der Zahl iranischer Angriffe, könnten selbst unsere hochgerüsteten Fregatten mit ihren Munitionsbeständen die Straße von Hormus maximal für wenige Tage halbwegs schützen. Wir könnten in einem Krieg eher den Verlust von einigen Quadratkilometern Land hinnehmen als das Kappen von Seewegen – das ist existenzbedrohend.

Besteht die Gefahr, dass in Zukunft weitere Seewege angegriffen werden?

Die Huthi-Rebellen haben schon 2023 im Golf von Aden und im Roten Meer gezeigt, was möglich ist. An jeder Meerenge sollte man sich auf solche Probleme einstellen, umfassender über Angriffe von Land aus, oder punktuell über den Einsatz von Minen, das kann weiter weg sein oder auch in der Nähe – denken wir etwa an Rotterdam oder Hamburg. Bei der Durchtaktung, die diese Häfen haben, haben Störungen große Auswirkungen.

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Störfeuer. Huthi-Rebellen im Jemen bekämpfen Israel und die USA – und nehmen immer wieder Schiffe unter Beschuss

 © Getty Images

Das führt wiederum zur Frage der Just-in-Time-Lieferungen – deswegen sind die Lieferketten ja so anfällig für Störungen, oder?

Wir haben nicht viel Luft in unseren Produktionsketten. Wenn da etwas gestört wird, gerät unsere Wirtschaft ins Stottern. Wir können aber nicht alles über Bord werfen, das Just-in-TimePrinzip kann über Effizienzsteigerungen auch die Resilienz erhöhen. Aber wir müssen uns ansehen, wo es Schwachstellen gibt und wie wir die Reserven erhöhen. Wir müssen sicherstellen, dass wir dauerhaft über Seewege versorgt werden.

Es geht dabei nicht nur um unseren Wohlstand, sondern viel mehr um die Existenz der modernen Gesellschaften. Da hilft es nicht, mit einer Wohlfühlpolitik die Folgen für die Bevölkerung abzufedern. Wir müssen unserer Bevölkerung reinen Wein über den Ernst der Weltlage einschenken. Die Leute bestellen sonst mit dem Geld, das sie wegen der staatlichen Subventionen an der Tankstelle sparen, weiter Plastikschrott aus China.

Steckbrief

Moritz Brake

Moritz Brake ist Experte für maritime Sicherheit, Gründer von Nexmaris und Senior Fellow am CASSIS Thinktank der Uni Bonn.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.

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