ABO

Wie die „Heute“ Stimmung für die FPÖ macht

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min
Artikelbild

FPÖ-Chef Herbert Kickl und FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker

©Imago / Steinsiek.ch

Die Gratiszeitung übernimmt unkritisch Narrative der FPÖ, inklusive falsch interpretierter Zahlen zur Ausländerkriminalität und macht damit Stimmung gegen den ORF. Der hält sich bedeckt.

Die FPÖ und Medien – eigentlich eine komplizierte Beziehung. Dabei erhält die Partei gerne mal Schützenhilfe von reichweitenstarken Zeitungen. Zuletzt zu beobachten war das in der vergangenen Woche: Der ORF verschweige Zahlen zur Ausländerkriminalität, die die FPÖ ans Licht gebracht habe, hieß es da etwa von der Heute. Es folgten mehrere Artikel und Social-Media-Beiträge zu dem Thema.

Zurückging die Berichterstattung auf eine Presseaussendung der FPÖ, die im Grunde inhaltsgleich von dem Boulevardblatt auf verschiedenen Kanälen ausgespielt wurde. „164.573 fremde Tatverdächtige, 21 Morde durch Nichtösterreicher, 471 Vergewaltigungen, 1.468 Fälle schwerer Körperverletzung“, seien Zahlen, die die Berichterstattung des ORF dominieren müssten, ließ sich Generalsekretär Christian Hafenecker in der Aussendung zitieren.

Die Heute übernahm daraufhin die Statistik wie das Narrativ der FPÖ, der ORF würde diese Enthüllungen verschweigen. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich allerdings einige Mängel in der Berichterstattung der Boulevardzeitung, die im vergangenen Jahr immerhin über 660.000 Euro Qualitätsmedienförderung von den Steuerzahlern erhielt.

FPÖ und „Heute“ interpretierten Zahlen falsch

Zunächst ist festzuhalten, dass die Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik stammen. Dort werden alle Anzeigen gesammelt erfasst, die es im Vorjahr in Österreich gegeben hat. Es handelt sich demnach auch ‚nur‘ um Tatverdächtige, nicht um gesichert überführte Täter. Dementsprechend geht daraus nicht die genaue Anzahl der Morde und Vergewaltigungen hervor, sondern die Zahl der Personen, denen diese Delikte vorgeworfen werden. 21 Ausländer wurden des Mordes verdächtigt, 471 der Vergewaltigung. Die Heute übernahm aber offenbar ungeprüft die Lesart der FPÖ: „21 Morde, fast 500 Vergewaltigungen, doch ORF schweigt“ wird in einem Instagrambeitrag getitelt.

Unter diesem Heute-Post finden sich neben der klassischen ORF-Schelte aber auch kritische Kommentare, die auf die Schwächen der Statistik und die Missinterpretation der Zahlen aufmerksam machen. Weil sich der Beitrag mit über 21.000 Likes gut klickte, entschied man sich wohl für einen Folgepost mit der Überschrift: „Leser watschen Schweige-ORF ab“. Gezeigt wurden ausgewählte Leserkommentare, die sich über den ORF empörten. Von den kritischen Anmerkungen an der eigenen Berichterstattung war aber keine Spur. Im Gegenteil, die Zahlen wurden in dem zweiten Beitrag und einem weiteren Video nochmals veröffentlicht. Insgesamt wurde die FPÖ-Aussendung so wohl zehntausenden Menschen ohne kritische Einordnung im Layout der Heute ausgespielt.

Statistik bereits im März veröffentlicht

Fakt ist: Die polizeiliche Kriminalstatistik war vom Innenministerium im März veröffentlicht worden, damals machten die erwähnten 164.573 fremden Tatverdächtigen bereits die Runde. Auch der ORF berichtete, dass 47,7 Prozent aller Tatverdächtigen ausländische Staatsbürger sind.  

Tatsächlich „neu“ sind die Tatverdächtigenzahlen zu den Delikten wie Mord und Vergewaltigungen. Sie waren bisher nicht extra nach Staatsbürgerschaft aufgeschlüsselt worden. FPÖ-Abgeordnete hatten deswegen eine Anfrage an das Innenministerium gestellt, in der explizit nur nach ausländischen Tatverdächtigen gefragt wurde. Diese Zahlen für sich alleine sind allerdings völlig nichts sagend. Sie stehen im luftleeren Raum, solange man nicht weiß wie viele österreichische Tatverdächtige es gibt.

Blurred image background
 © Waltl & Waltl

Das ganze Bild ist differenziert

Fragt man beim Innenministerium nach zeigt sich folgendes Bild: Den 21 ausländischen Mordverdächtigen stehen 2025 fast doppelt so viele Österreicher entgegen, nämlich 39. Zudem wurden 546 Österreicher der Vergewaltigung verdächtigt, 1.822 der schweren Körperverletzung.

Noch mehr Kontext bieten die Zahlen der Verurteilungen aus dem Vorjahr: 44 Österreicher und 37 Ausländer wurden nach dem Mordparagrafen verurteilt, lässt das Justizministerium auf Anfrage wissen. Der Vergewaltigung schuldig gesprochen wurden 69 Inländer und 78 Nicht-Österreicher, der schweren Körperverletzungen 1.157 Österreicher und 1.011 Ausländer.

Zur Einordnung: In Österreich leben derzeit rund 1,8 Millionen Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft, ihr Bevölkerungsanteil macht rund 20 Prozent aus. Es gibt also sowohl bei den Tatverdächtigen, als auch den Verurteilten eine Überrepräsentation.

Blurred image background
 © Waltl & Waltl

Und der ORF? Hält sich tatsächlich bedeckt. Auf Anfrage heißt es lediglich, „die Themenauswahl wird von der Redaktion und ausschließlich nach journalistischen Gesichtspunkten getroffen“. Man widme sich in einer ZIB2 diese Woche dem Thema Jugendkriminalität. Einen strategischen Umgang mit Angriffen dieser Art, scheint das Unternehmen nicht zu haben. So bleiben die Vorwürfe unwidersprochen, werden tausendfach geliked und geteilt. Das liegt auch daran, dass die Heute entgegen der journalistischen Praxis, den ORF wohl nicht mit den Vorwürfen konfrontiert hat.

Eine echte Debatte über die tatsächlich hohe Ausländerkriminalität ist so nicht möglich. Die FPÖ instrumentalisiert Verbrechen für Wählerwerbung, die Heute biedert sich als unkritisches Sprachrohr an und der ORF steckt den Kopf in den Sand. Was bleibt sind die Opfer von Gewalt. Ihnen ist dieses Schauspiel unwürdig.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER