Obwohl Österreich im zweiten WM-Gruppenspiel 0:2 gegen Lionel Messi verloren hat, wurde auch in diesem Match klar: mit dem gemütlichen sozialpartnerschaftlichen Fußball der vergangenen Jahrzehnte ist es vorbei. In Österreich ist der Fußball der gesellschaftlichen Entwicklung voraus.
Österreich hat im zweiten Gruppenspiel der laufenden Fußball-WM gegen Lionel Messi 0:2 verloren. Aus der Sensation, auf die jeder hoffte, dem der österreichische Fußball nicht ganz egal ist, wurde nichts.
Nationale Selbstvergewisserung
Auch wenn man nicht Experte im engeren Sinn sein musste, um zu wissen, dass ein Sieg oder auch nur ein Unentschieden gegen den regierenden Weltmeister und den besten Fußballer aller Zeiten extrem unwahrscheinlich ist: Erstens ist im Fußball wie im richtigen Leben alles möglich, zweitens war bis wenige Minuten vor Schluss ein österreichisches Ausgleichstor tatsächlich nicht aus der Welt, und drittens geht es bei einer Fußballweltmeisterschaft selbstverständlich um mehr als nur um Ergebnisse.
Es geht nicht zuletzt um so etwas wie nationale Selbstvergewisserung. Die Art und Weise, wie eine Nationalmannschaft Fußball spielt, wird als Ausdruck der besonderen Tugenden und auch der auffälligen Schwächen interpretiert, die die jeweilige Gesellschaft gerade charakterisieren. Da sind viele Klischees im Spiel, aber das Klischee zeichnet sich ja nicht zuletzt dadurch aus, dass es in der Regel einen Sachverhalt recht treffend beschreibt.
Aufstiegsmaschine
Die Idee, dass man vom fußballerischen Stil einer Nationalmannschaft auf den gesellschaftlichen Bewusstseinsstand schließen könnte, hat sich interessanterweise durch all die Jahrzehnte der Globalisierung erhalten, obwohl vor allem in den europäischen Teams immer mehr Spieler zum Einsatz kommen, deren Eltern nicht im jeweiligen Land geboren wurden.
Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen waren immer eine Art Integrationsmaschine, und das heißt auch: eine Aufstiegsmaschine. Manchmal, so hat man den Eindruck, ist der Fußball der gesellschaftlichen Entwicklung einen Schritt voraus, manchmal hinkt er ein wenig hinterher.
Österreich zum Beispiel war über sehr viele Jahre von etwas geprägt, das man sozialpartnerschaftlichen Fußball nennen könnte. Ein fußballinteressierter Grazer Soziologe hat das einmal untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die eher untermittelmäßige Performance des österreichischen Fußballs während der 1990er-, 2000er- und 2010er-Jahre ziemlich auffallend mit der gesellschaftlichen Grundhaltung zum Thema Aufstieg, Entbehrung und Erfolg zu tun hatte.
Mittelmaß als Maß aller Dinge
Wenn ein besonders talentierter junger Fußballer es einigermaßen geschickt anstellte, konnte er in seinen späten Teenagerjahren und 20ern als Halb-Profi in den zweiten und dritten Spielklassen nicht nur sein Studium oder eine andere Ausbildung finanzieren, sondern ungefähr das österreichische Durchschnittseinkommen erzielen.
Hätte er mehr gewollt, hätte er auf alles, was das Leben in seiner Alterskohorte angenehm und lustig macht, verzichten und sich stattdessen dem unbarmherzigen Drill der Akademie eines großen, vielleicht ausländischen Vereins unterwerfen müssen. Das taten auffällig viele Talente nicht, und das hatte damit zu tun, dass wir in Österreich in diesen Jahren und Jahrzehnten das Mittelmaß für das Maß aller Dinge hielten.
Aufreizende Gemütlichkeit
In anderen Gesellschaften, zum Beispiel in der britischen, war der Fußball schon immer als Aufstiegsmaschine anerkannt, und so wurde dann auf dem englischen Rasen auch gespielt: kompromisslos ehrgeizig. Dass man das heute auch auf den Wiener Fußballplätzen beobachten kann, wenn man einen Fußball spielenden Jugendlichen begleitet, würde ich zu den positiven Aspekten der Zuwanderung zählen. Man würde sich wünschen, dass sich die Mentalität, die man dort beobachten kann, schneller auch auf andere Kontexte wie Bildung ausbreiten würde, aber das ist eine andere Geschichte.
Österreich, das hat man auch im Spiel gegen Argentinien gesehen, spielt heute auf der Ebene des Nationalteams keinen sozialpartnerschaftlichen Fußball mehr, da sind junge Männer zu sehen, die mehr erreichen wollen als das Mittelmaß. Kann man daraus schließen, dass wir uns auch als Gesellschaft die aufreizende Gemütlichkeit der vergangenen Jahre abtrainiert haben und uns in Richtung Ehrgeiz, Offensive und Leidensbereitschaft orientieren?
Ich fürchte, es ist eher so, dass wir zu den Nationen gehören, in denen die fußballerische Entwicklung der gesellschaftlichen zumindest einen Schritt voraus ist, aber das werden die anderen 8.999.999 Nationaltrainer möglicherweise ein wenig anders sehen als ich.
Vielleicht wird das noch etwas mit dem Zug zum Tor
Medial wurde in den vergangenen Tagen viel darüber gelästert, dass die politischen Spitzen des Landes nichts Besseres zu tun hätten, als sich in Zeiten der Krise und der unerledigten politischen Aufgaben in der Aufmerksamkeit zu sonnen, die das Fußballnationalteam gerade genießt.
Ich finde das ein wenig kleinlich und ich gestehe: Mir gefallen die Bilder, auf denen man deutlich erkennen kann, wie die energetischen jungen Männer der Nationalmannschaft sich aufrichtig bemühen, mit den etwas außer Form agierenden Politikern auf Augenhöhe zu kommunizieren. Vielleicht wird das noch etwas mit dem Zug zum Tor, denn wie gesagt: Im Fußball und in der Politik ist prinzipiell alles möglich. Und vorbei ist es oft noch nicht einmal nach 90 Minuten.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.







