Finnland gilt als Vorreiter bei Medienkompetenz und im Kampf gegen Desinformation. Wie das Land schon Kinder schützt, hybride Bedrohungen analysiert und warum KI neue Risiken bringt.
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Kari Kivinen kann den internationalen „Medien-Hype“ rund um das finnische Bildungssystem nicht ganz nachvollziehen. „Ausländer glauben, dass wir uns speziell gegen russische Desinformation schützen, aber das stimmt so nicht ganz“, sagt der Bildungsexperte und Gründer des unabhängigen Faktencheckdienstes Faktabaari. Schon lange bevor die russische Propaganda Schlagzeilen machte, habe das finnische Bildungssystem den Wert von Medienkompetenz erkannt und gezielt gefördert.
Kivinen – ein ehemaliger Leiter der Französisch-Finnischen Schule in Helsinki – ist mittlerweile ein begehrter Interviewpartner. In angespannten Zeiten wie diesen erklärt er Medien wie CNN und der New York Times, wie Finnland bereits Dreijährige vor „Fake News“ schützt und den Krieg gegen Falschinformationen gewinnt. Auch Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) holte sich bei ihrem jüngsten Besuch in Helsinki Tipps des Experten für die Abwehr von Desinformation.
Digitale Kompetenzen werden im Kindergarten gelehrt
Finnland starte sehr früh mit der Vermittlung von digitalen und Medien-Kompetenzen, erläutert Kivinen. Bereits im Kindergarten lernten die Kleinen, wie Künstliche Intelligenz (KI) Märchen produzieren könne und wie Filme und andere Medieninhalte erstellt werden. Fließend lesen und schreiben zu können sei die Grundlage.
Wer gut und viele Bücher lese, sei auch weniger anfällig für Desinformation, ist der Experte überzeugt. Als Faktenchecker, der auch Trainings in Österreich in Kooperation mit dem ORF und der Kleinen Zeitung durchgeführt hat, hält Kivinen das sogenannte „Prebunking“ – das vorbeugende Warnen vor Falschinformationen – für sehr effektiv. Hingegen hält er wenig von Social-Media-Verboten für Jugendliche. In Australien sei das Verbot weitgehend umgangen worden.
Finnland ist laut einer Untersuchung des „Reuters Institute“ und der Universität Oxford das Land mit dem höchsten allgemeinen Vertrauen in Medien (69 Prozent). Umfragen zufolge ist auch das Vertrauen in Behörden und Institutionen in Finnland hoch. In Sachen Medienkompetenz nimmt das nordische Musterland laut dem diesjährigen Index des „Open Society Instituts Sofia“ europaweit den ersten Platz ein, während Österreich auf Rang elf von 41 Staaten steht.
Misstrauen gegenüber Russland – „Die Bedrohung nimmt zu“
Gegenüber dem großen Nachbarn Russland ist Finnland aufgrund seiner Geschichte – das kollektive Trauma aus dem Winterkrieg 1939, als sowjetische Truppen in das Land einmarschierten – und der geografischen Nähe misstrauischer als andere EU-Staaten. Die nach Beginn des Ukraine-Kriegs und nach Vorfällen instrumentalisierter Schleppungen von Migranten geschlossene Grenze zu Russland bleibt trotz wirtschaftlicher Probleme bis auf weiteres zu.
In Sachen Russland-Sanktionen und bei der Unterstützung der Ukraine gebe es einen erstaunlichen Konsens unter den finnischen Parteien, aber auch innerhalb der Bevölkerung, betonen langjährige Beobachter der politischen Szene. So sei auch der infolge des Ukraine-Kriegs im Jahr 2023 gemeinsam mit Schweden vollzogene NATO-Beitritt von der Bevölkerung in Finnland breit unterstützt worden.
Die jüngsten Drohnenvorfälle in mehren europäischen Staaten lassen auch in Finnland die Alarmglocken schrillen. „Wir haben keinen Zweifel daran, dass Russland bereit und in der Lage ist, die Lage zu eskalieren“, sagte Außenministerin Elina Valtonen beim Besuch Meinl-Reisingers. „Die Bedrohung nimmt zu. Das könnte Russland auch in Finnland versuchen“, titelte am Donnerstag die Zeitung Iltalehti.
Komptenzzentrum gegen Hybride Bedrohungen in Helsinki
Hybride Bedrohungen aller Art werden rund um die Uhr vom „Europäischen Kompetenzzentrum für die Bekämpfung Hybrider Bedrohungen“ (European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats/Hybrid CoE) analysiert. Das Zentrum ist neben der österreichischen Botschaft in der Innenstadt von Helsinki untergebracht. Meinl-Reisinger hat sich zum Ziel gesetzt, auch in Wien ein Kompetenzzentrum für Desinformationsbekämpfung zu etablieren.
Das Hybrid CoE wurde 2017 von Finnland, Schweden, Großbritannien, Lettland, Litauen, Polen, Frankreich, Deutschland und den USA, der NATO und der EU im Rahmen eines gemeinsamen Treffens in Helsinki gegründet. Seither ist die Zahl der teilnehmenden Staaten auf mittlerweile 35 gestiegen. Österreich trat 2018 bei, die Vereinigten Staaten traten unter Präsident Donald Trump im Februar dieses Jahres aus dem Hybrid CoE aus. Mit einem Jahresbudget von rund 5 Millionen Euro wird gemeinsames Wissen über hybride Bedrohungen aufgebaut, ausgetauscht und für Schulungen und Trainings genutzt.
In Zukunft noch mehr Staaten mit hybriden Bedrohungsstrategien
„Wir unterstützen die Europäische Kommission, arbeiten aber auch mit dem privaten Sektor zusammen. So haben wir beispielsweise gemeinsam mit der Commerzbank in Deutschland ein Symposium organisiert, um hybride Bedrohungen und die Finanzstabilität in Europa zu untersuchen“, schildert Kommunikationschefin Kirsi Pere die praktischen Seiten der Arbeit des Kompetenzzentrums. „Gemeinsam mit dem polnischen Außenministerium und dem Europäischen Auswärtigen Dienst haben wir im Vorfeld der Wahlen in Armenien eine Schulung für Vertreter aus Armenien, Moldawien und der Ukraine organisiert.“
Laut einem aktuellen Bericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) war Russland 2025 für 29 Prozent der dokumentierten hybriden Attacken verantwortlich und China für sechs Prozent. In zwei Drittel der Fälle konnten die Verantwortlichen allerdings nicht ermittelt werden. „Das Ziel (hybrider Bedrohungen, Anm.) ist es, die Entscheidungsfindung zu beeinflussen, sie zu untergraben. Das eigentliche Ziel sind die Grundlagen unserer Demokratie“, sagt Pere. Das Kompetenzzentrum geht davon aus, dass in Zukunft immer mehr Staaten auf hybride Bedrohungsstrategien zurückgreifen werden. „Hybride Bedrohungen sind im Vergleich zu militärischen Mitteln in der Regel kostengünstig“, so Pere.
KI wie ein großer Verstärker
Künstliche Intelligenz wirke in diesem Kontext wie ein großer Verstärker, sagt Tinna Sigurdardottir, leitende Analytikerin beim Hybrid CoE. „Durch KI verbreitete Desinformation kann glaubwürdig wirken, selbst wenn die Menschen wissen, dass sie falsch ist. Sie weckt Emotionen“, so die Expertin. Zugleich könne KI aber auch für gute Zwecke genutzt werden, um Informationen zu verbreiten und Desinformation zu analysieren. „Wir können KI nicht bekämpfen, ohne selbst KI einzusetzen“, ist Sigurdardottir überzeugt. „Sie kann KI besser erkennen als Menschen.“
„Wir haben keine so große Angst vor russischer Desinformation“, resümiert der Faktenchecker und Bildungsexperte Kivinen. „Die Finnen haben ein gutes Gespür dafür.“ Was wirklich beunruhigend sei, so Kivinen, komme eher aus dem Westen, von der extremen Rechten. US-Präsident Donald Trump sei „nur die Spitze des Eisbergs“.
