Für Tiroler in Wiens ORF-Zentrale ist der nur 70 Meter über die U-Bahn-Station Hietzing ragende Küniglhügel eher Tiefland. Während dort der Stiftungsrat ein Direktorium bestellt, erfährt man im Headline-Hochhaus beim Innsbrucker Hauptbahnhof, wie Westösterreichs Medienlandschaft neu aufgestellt wird.
Auch der Westen ist eine Frage des Standorts. Das für die ORF-Zentrale vorgeschlagene Führungsteam, das der Stiftungsrat am Dienstag bestellen sollte, wirkt ungewöhnlich Tirol-lastig. General Clemens Pig, Finanzchefin Silvia Lieb und Plattform-Direktorin Angelika Simma-Wallinger kommen von dort. Dass Letztere in Dornbirn aufgewachsen und noch ORF-Chefredakteurin ist, relativiert ihren Geburtsort Innsbruck, wo für den Tag nach dem Küniglberg-Showdown ein für den Westen folgenreicherer Medien-Abgleich mit dem Ländle geplant war. Eugen A. Russ hatte sich in der Moser Holding (MoHo) angekündigt.
Das kleine, exklusive Treffen vor dem per Monatsende geplanten Closing diente einem der größten, aber unterbelichteten Branchen-Deals der vergangenen Jahrzehnte: Vorarlbergs Russmedia schluckt Tirols MoHo. Die eine Gründerfamilie zieht sich zugunsten der anderen zurück, die Bank für Tirol und Vorarlberg (BTV) bleibt als Minderheitsgesellschafter an Bord – nun mit 23 Prozent an der von der Wettbewerbsbehörde bereits genehmigten Fusion.
Abgang von Spitzenpersonal
Auf dem Absprung sind dort aber schon neben der bisherigen Alleinvorständin Silvia Lieb auch die Kommunikationschefin Lisa Berger-Rudisch, die in gleicher Funktion zur Diözese Innsbruck wechselt, und Simone Pfefferkorn, die von der Mediaprint als Leiterin der Markt- und Medienforschung angeheuert wurde. Damit gehen insgesamt 70 Jahre MoHo-Erfahrung verloren. Ungeachtet dieser Abgänge wird Russmedia durch die Übernahme endgültig zur Top-Größe der hiesigen Branche. Dank mehr als 300 Millionen Euro Marktumsatz, drei Tageszeitungen, Wochenblättern, Online-Portalen, Radio- und TV-Sendern sowie als digitaler Technologieanbieter spielen die Westler in einer Liga mit Mediaprint („Krone“, „Kurier“), Styria („Kleine“, „Presse“) und Red Bull Media House (Servus, Red Bulletin).
Dahinter steckt vor allem eine Person: Eugen Russ, der sich das A. nach dem Vornamen so entschlossen zu- wie die ß-Schreibweise des Nachnamens abgelegt hat. Zwar erst seit Dreikönig im ruhelosen Regelpensionsalter, ist er längst Österreichs graue Verlegereminenz. Konsequent im Hintergrund zieht er nicht nur die Fäden im Zeitungsverband VÖZ. Seit jeher stark international orientiert, ist er auch Aufsichtsratschef der DvH Medien, die soeben ihre 50 Prozent am publizistisch vielleicht renommiertesten deutschen Titel abgibt – der „Zeit“.
Eugen A. Russ
© RussmediaKontinuität über Generationen
Russ leitet in dritter Generation das 1919 von seinem Großvater gegründete Vorarlberger Medienhaus, das bis 2012 so hieß. Beim Flaggschiff „VN“ werkt seit 2024 Tochter Isabel Russ als Chefredakteurin, die Quasi-Leitartikel schreibt dort aber vor allem Ex-„profil“-Chef Christian Rainer als freier Kolumnist, der auch mit Pig sehr gut kann. Der wiederum hat Julia Ortner als ORF-Landesdirektorin gegen den Willen von Landeshauptmann Markus Wallner vorgeschlagen. Die Chefin der „blauen Seite“ im Newsroom auf dem Küniglberg verbrachte den Großteil ihres Berufslebens in Wien – bei „Presse“, „Falter“, „News“ und in den Redaktionen von „ZiB2“ und Report“. Doch ihr Opa und Vater waren Chefredakteure der „VN“. Personelle Kontinuität ist in Vorarlberg nicht nur eine große Stärke der Politik.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.
