Warum der Zeichentrick-Hit plötzlich zum Kulturkampfthema wird.
Sie mögen wie ein Rudel niedlicher, vermenschlichter Hunde aussehen. „Kein Einsatz ist zu groß“, verspricht ihr herzerwärmendes Motto, „kein Welpe ist zu klein!“ Doch lassen Sie sich nicht täuschen: Manche sehen in den Zeichentrickhelden von „Paw Patrol“ verdeckte Vorreiter eines autoritären Kapitalismus. „Gebt nicht auf, jeder macht mal Fehler“, mahnt eine liebenswerte Figur in ihrem neuesten Abenteuer „Paw Patrol: Der Dino-Film“. Auch die Kritiker haben einen Slogan: „Defund the Paw Patrol!“
Erstaunlich populär und potenziell schädlich
Wenn Sie seit der Erstausstrahlung von „Paw Patrol“ im Jahr 2013 kein Vorschulkind mehr hatten (oder selbst eines waren), könnte die Serie an Ihnen vorbeigegangen sein. Dabei handelt es sich um einen weltweiten Giganten mit mehr als einem Dutzend Staffeln, einem riesigen Spielzeugimperium und mittlerweile drei Kinofilmen.
Kritiker – darunter vermutlich auch Eltern, die es leid sind, so viel Schund ertragen zu müssen – haben die unterschwelligen Botschaften der Serie eifrig analysiert. Davon zu hören, ist ein wenig so, als würde man erst spät zur Manosphäre stoßen: Beides ist erstaunlich populär und gilt als potenziell schädlich.
Idyllisch, aber leicht gruselig
Für die selig Unwissenden: Die Serie spielt im idyllischen, aber leicht gruseligen Adventure Bay, wo Kinder Auto fahren und Welpen sprechen. Angeführt von einem zehnjährigen Jungen mit üppiger Tolle, rückt eine Gruppe heldenhafter Welpen zu harmlosen Notfällen aus und saust dabei auf einer lustigen Rutsche aus ihrem Hauptquartier.
Das Ganze ist streng nach Schema F gestrickt, gespickt mit unablässigen Schlagworten („Paw Patrol ist auf Erfolgskurs!“) und begleitet von entsetzlicher Ohrwurm-Musik. „Eine Kindergeschichte, die nur Kindern gefällt, ist eine schlechte Kindergeschichte“, schrieb C. S. Lewis. „Paw Patrol“ hätte ihm nicht gefallen.
Schurkische Kätzchen
Die Hauptbösewichte sind ein Typ namens Humdinger und seine schurkischen Kätzchen – die Serie ist eine ausgedehnte Verleumdung von Katzen. Im ersten Film übernimmt er die Metropole Adventure City und installiert Achterbahn-Loops in der U-Bahn.
Im zweiten verleiht ein herabgestürzter Meteor den Welpen magische Kräfte. Im neuen Film werden sie auf eine Insel verschlagen, die von Dinosauriern bewohnt wird: einige riesig, andere zierlich und liebenswert, offenbar keiner davon fleischfressend. Humdinger hat es auf die Diamanten der Insel abgesehen.
Plump links oder rechte „Copaganda“?
Oberflächlich betrachtet ist die Politik in „Paw Patrol“, sofern es sie überhaupt gibt, plump linksgerichtet. Humdinger ist ein blonder Narzisst, der ein eigenes Flugzeug besitzt, einen phallischen Turm baut und „freie und faire Wahlen“ ebenso verachtet wie das Gesetz.
Die Welpen schützen die Umwelt ebenso wie Menschen und Tiere und legen überraschend großen Wert auf Recycling. Ihre zuckersüßen Moralvorstellungen – Teamwork, der Umgang mit Ängsten und andere Formen rührseliger Erbauung – wirken in einer Welt, in der jeder gegen jeden zu kämpfen scheint, vage linksgerichtet.
Aber vielleicht ist es genau das, was man Ihnen weismachen will. Von der sechsköpfigen Kerngruppe der Welpen, so bemerken einige Kritiker, ist nur eine ein Mädchen – dessen Outfit und sogar dessen Augen rosa sind.
Schlimmer noch: Der Anführer Chase ist ein Polizeiwelpe, sodass die Serie als pro-polizeiliche „Copaganda“ gelesen werden kann. Da die Patrouille aus nicht rechenschaftspflichtigen Freiberuflern besteht, denen sich ein schusseliger Bürgermeister unterordnet, handelt es sich demnach um eine hinterhältige Werbung für die Privatisierung staatlicher Dienstleistungen. Ihre Finanzierung stammt aus dem Merchandising, lautet ein augenzwinkernder Witz – was denjenigen, die dafür bezahlen, vielleicht sauer aufstoßen dürfte.
Spielverderber-Quatsch und Kulturkampf-Wahnsinn
Kurz gesagt, wetterte ein Guardian-Kommentator, sei „Paw Patrol“ „autoritäre neoliberale Propaganda“. Ein Wissenschaftler meinte, die Serie „fördere die Komplizenschaft in einem globalen kapitalistischen System, das Ungleichheiten (re)produziert“. Ein ehemaliger Sprecher des Weißen Hauses sprang der Serie zur Seite und behauptete fälschlicherweise, sie sei abgesetzt worden. Es ist verlockend, die ganze Debatte als Spielverderber-Quatsch und Kulturkampf-Wahnsinn abzutun.
Verlockend, aber falsch. Es geht um mehr. Schließlich gibt es einen Grund, warum Diktatoren versuchen, die Geschichten zu kontrollieren, die Kindern erzählt werden. „Gebt mir das Kind, bis es sieben ist“, soll der Gründer der Jesuiten gesagt haben, „und ich werde euch den Mann zeigen.“
Bücher, Filme und ja, auch Zeichentrickfilme vermitteln Werte und Botschaften. Ein Phänomen wie „Paw Patrol“ vermittelt davon eine Menge und findet offenbar bei Kindern überall auf der Welt großen Anklang. Die Schlussfolgerungen eines kritischen Theoretikers sind jedoch möglicherweise andere als die eines Vierjährigen, der Ayn Rand nicht kennt.
Nicht Ideologie, sondern Psychoanalyse
Um die tiefere Bedeutung von „Paw Patrol“ zu verstehen, ist das beste Werkzeug vielleicht nicht die Ideologie, sondern die Psychoanalyse. Einer ihrer Grundgedanken lautet, dass viele Kinder verzweifelt versuchen, ihre Eltern zu „heilen“ – auch um ihrer selbst willen – und dabei mitunter selbst elterliche Rollen übernehmen. Dies bildet den psychologischen Hintergrund für Geschichten, in denen junge Protagonisten die Probleme der Erwachsenen lösen – von Enid Blyton bis Harry Potter.
Die „Paw Patrol“-Generation hat miterlebt, wie ihre Eltern wegen Politik, Krieg, Inflation, des Coronavirus und des Klimawandels ausflippen. Die Handlung ist vollgepackt mit Wunscherfüllungen für Vorschulkinder: Die Welpen – Avatare der jungen Zuschauer – essen unbegrenzt viele Leckereien und spielen unbeaufsichtigt mit supercoolem Equipment. Vielleicht erfüllt die Serie auch auf eindringliche Weise den Wunsch der Kinder, die Probleme ihrer Eltern und anderer Erwachsener lösen zu können. Kein Welpe ist zu klein, um sie zu bemerken.
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