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Leitartikel: Die große Bildungsheuchelei

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Kathrin Gulnerits

©Matt Observe

Die Matura wird in Österreich gefeiert wie kaum ein anderer Bildungsabschluss. Gleichzeitig betonen Politik und Wirtschaft seit Jahren die Bedeutung von Fachkräften und Lehre. Doch zwischen dem Bekenntnis zur Gleichwertigkeit und der gesellschaftlichen Realität klafft eine Lücke.

Die Matura 2026 ist geschafft. Von den Maturantinnen und Maturanten. Und, folgt man den Erzählungen dieser Tage, auch von deren Eltern. „Wir haben die Matura geschafft“, heißt es dann. Ein bemerkenswerter Satz. Denn kaum eine andere Prüfung wird in Österreich derart kollektiv erlebt. Eltern fiebern mit. Politiker drücken die Daumen. Die Kirche verschickt Segenswünsche und zündet Kerzen an.

Gesellschaftliches Ritual und Papierflieger

Die Matura ist mehr als eine Prüfung. Sie ist ein gesellschaftliches Ritual. Ein nationales Ereignis. Natürlich gibt es Spielverderber in dieser Bildungsidylle. Jene, die sagen: Das Reifezeugnis sei längst nicht mehr das, was es einmal war. Zu wenig Aussagekraft, zu wenig Vergleichbarkeit. Und viele Universitäten verlangen ohnehin eigene Aufnahmeprüfungen.

Die allgemeine Matura, ein Stück Papier. Ein Papierflieger. Vielleicht – aber selbst wenn. Interessanter ist etwas anderes. Denn während wir die Reifeprüfung Jahr für Jahr mit viel Aufmerksamkeit begleiten, erzählen uns Politik, Wirtschaft und Interessenvertreter ebenso seit Jahren eine andere Geschichte: Die Zukunft gehöre den Fachkräften. Den Elektrikern, Installateuren und Tischlern, ohne die weder Energiewende noch Wohnbau funktionieren. Auch das mag alles stimmen. Nur merkt man es in Debatten erstaunlich selten.

Bildungsdünkel und Wahlfreiheit

Warum beschäftigt uns dieser „Papierflieger“ so sehr? Die Erklärung mit Prestige und Bildungsdünkel liegt schnell auf dem Tisch. Aber sie erklärt nur einen Teil des Phänomens. Die Matura steht auch für die Freiheit, sich noch nicht festlegen zu müssen: Studium, Fachhochschule, Auslandsjahr – oder doch etwas ganz anderes? Natürlich denken viele Eltern so. Das ist rational. Auch das ist elterliche Fürsorge. Die Matura hält Türen offen. Wer weiß schon mit 14 Jahren, was er einmal werden möchte? Sie ist für viele auch eine Versicherung gegen zu frühe Festlegungen.

Während dieser Tage die wichtigste Prüfung des Landes über die Bühne gegangen ist, übersehen wir in gleicher Regelmäßigkeit jene, von denen wir behaupten, dass wir viel zu wenige davon haben. Jene, von denen wir uns zuraunen, dass sie die eigentlichen Gewinner am Arbeitsmarkt sind. Es geht in dieser Erzählung immer um die Reifen. Und um die Ignorierten. Mit diesem Problem stehen wir nicht allein da. In vielen Ländern wächst die Erkenntnis, dass ein einseitiger Fokus auf akademische Bildungswege zu einem Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt führt. Deutschland und Österreich lassen kaum eine Gelegenheit aus, ihr duales Ausbildungssystem als Erfolgsmodell zu präsentieren. Umso bemerkenswerter ist, wie selten über dessen Probleme gesprochen wird.

Schlechtes Image, wenig Respekt

Denn gleichzeitig kämpft ausgerechnet jenes System, das den Fachkräftemangel lindern soll, mit wachsenden Problemen. Die Zahl der Lehrlinge im ersten Lehrjahr ist zuletzt zurückgegangen. Die Gründe sind natürlich demografisch bedingt. Doch das erklärt nicht alles. Es gibt weniger Ausbildungsbetriebe und Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Auch das ist seit Jahren bekannt. Studien zeigen, dass nach wie vor die Hälfte der Befragten fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und das schlechte Image des Lehrlingsberufs kritisieren. Anerkennung und Respekt für ihre Ausbildung wird von ihnen allzu oft nicht wahrgenommen.

Den Lehrermangel versuchen wir mit Quereinsteigern zu lösen. Warum führen wir diese Debatte kaum bei Handwerksberufen? Der Mangel ist derselbe. Die Aufmerksamkeit nicht

Die Antwort der Politik: ein bisschen Schönfärberei. Aus der „Lehrlingsentschädigung“ wurde irgendwann mal das „Lehrlingseinkommen“. Aus der „Verwendung“ eine „Beschäftigung“. Auch der Berufstitel Meister für die Visitenkarte im Land der Titelanbeter wurde eingeführt. Die Antwort der Wirtschaft: Wehklagen. Viel mehr gibt es nicht zu berichten. Wenn Ärzte fehlen, sprechen wir von einer Versorgungskrise. Wenn Lehrer fehlen, von einem Bildungsnotstand. Wenn Handwerker fehlen, ist es ein Marktproblem. Zuständigkeit? Unklar. Den Lehrermangel versuchen wir mit Quereinsteigern zu lösen. Warum führen wir diese Debatte kaum bei Handwerksberufen? Der Mangel ist derselbe. Die Aufmerksamkeit nicht.

Zuspitzung notwendig

Die unterschiedliche Wertung zeigt sich auch darin, wo und wie wir über Bildung und Karriere sprechen. Vor Jahren gab es in Deutschland eine Plakatkampagne für mehr gesellschaftliche Anerkennung des Handwerks: „Was gegen Handwerk spricht? Meine Akademikereltern.“ Oder: „Wieso soll Karriere nur mit Studium gehen?“ Man muss diese Zuspitzungen nicht mögen. Bemerkenswert ist vielmehr, dass es sie überhaupt braucht.

Denn sie richten sich nicht in erster Linie an Jugendliche. Sie richten sich an Erwachsene. An Eltern, Lehrer und eine Gesellschaft, die gern von Gleichwertigkeit spricht. Der Fachkräftemangel beginnt nicht erst bei falschen Weichenstellungen in der Bildungspolitik. Er beginnt dort, wo wir über Erfolg sprechen. Er zeigt sich in unseren Ritualen und in der Aufmerksamkeit, die wir den einzelnen Bildungswegen schenken. Würden wir nämlich an Gleichwertigkeit glauben, müssten wir sie nicht ständig betonen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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