ABO

ÖVP-Klubchef Ernst Gödl: „Schräge Meinungen sind mir wichtig“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
13 min
Artikelbild

Ernst Gödl

©Matt Observe

Wöginger-Nachfolger Ernst Gödl erklärt, was er macht, wenn ihn jemand um Hilfe bei einer Postenvergabe fragt, warum er ein Querdenker in seiner eigenen Partei war und – als Landwirt – was er von der Klimapolitik der ÖVP hält: „Da wäre immer mehr gegangen“.

Als Sie der ÖVP-Chef angerufen hat, ob Sie Klubobmann werden wollen – kam Ihnen da der Gedanke: Warum ich?

Ich habe zunächst einmal gar nicht gedacht, dass ich da jetzt gefragt werde. Ich dachte, er wird mich über seine Entscheidung informieren.

Hatten Sie Selbstzweifel oder haben Sie gedacht: Das hab ich drauf?

Ich musste tief durchatmen. Ich habe kurze Bedenkzeit erbeten, mit meiner Familie und ein paar vertrauten Menschen gesprochen, bin dann noch ein paar Runden durch den Garten gegangen und habe nach 20 Minuten zurückgerufen.

Darf man in der Politik zweifeln?

Ich bin einer, der sich immer hinterfragt. Keiner, der spontan entscheidet. Ich grüble, wiege Für und Wider ab, sage nicht aus dem Bauch heraus Ja oder Nein.

20 Minuten fällt schon unter spontan.

Ich hätte mir mehr Zeit gewünscht. Aber es war den Umständen geschuldet, dass schnell eine Entscheidung getroffen werden musste. Ich habe vor einem Jahr meine kommunalpolitischen Aufgaben zurückgelegt und den Schwerpunkt auf meine Arbeit als Sicherheitssprecher in Wien gelegt. In der Nachbetrachtung hat es eine gewisse Logik, dass ich zum engsten Kreis jener gezählt habe, die für den Klubobmann infrage kommen.

Ihr Vorgänger August Wöginger ist nach dem erstinstanzlichen Urteil im Postenschacherprozess zurückgetreten. Hat die ÖVP daraus gelernt?

Die Politik insgesamt hat daraus gelernt. Wöginger hat selbst gesagt, aus heutiger Sicht würde er das nicht mehr so machen. Vor allem, wenn er gewusst hätte, was er damit in Bewegung setzt. Nicht nur wir als ÖVP werden daraus unsere Schlüsse ziehen.

Bezieht sich das „Lernen“ darauf, dass man für Postenschacher vor Gericht landen kann, oder darauf, dass Politik kein Selbstzweck für Parteifreunde ist?

Die Zeiten ändern sich – auch in der Politik. Heute gibt es einfach andere Regeln als in früheren Jahren. Wenn ich gefragt werde, ob ich eine Bewerbung weiterleite, sage ich: Es gibt ein Bewerbungsverfahren, das ist abzuhalten.

Will man angenehme Unwahrheiten oder unangenehme Wahrheiten? Ich glaube, dass man mit den unangenehmen Wahrheiten politisch reüssieren kann

Ernst Gödl

Wurden Sie schon gefragt?

Als Bürgermeister wird man mit vielen Bürgeranliegen konfrontiert. Eines der letzten war, dass ein älterer Mann, nachdem die Straße in seiner Siedlung neu asphaltiert wurde, seine Frau im Rollstuhl nicht mehr gut auf den Gehsteig schieben konnte. Aber natürlich gibt es auch Leute, die fragen, ob man bei einer Bewerbung helfen kann. Aber das Bewerbungsverfahren gilt.

Auch bei der ORF-GD-Wahl? Es gilt als ausgemacht, dass die ÖVP diesen Posten vergeben darf.

Das entscheiden die Stiftungsräte. Jeder für sich nach seiner Einschätzung.

Gehört der Stiftungsrat reformiert?

Wir haben durchaus einen erhöhten Reformbedarf im Bereich des ORF.

Richtung weniger Parteinähe?

Es wird einen ORF-Konvent im Herbst geben. Das ist gut so.

Sie waren vor dem Nationalrat im steirischen Landtag …

… und studiert habe ich an der Universität des Lebens, nämlich als Bürgermeister. Da bekommt man alles mit von Freud und Leid der Bevölkerung. Man lernt jeden Tag etwas Neues.

Man lernt den politischen Interessenausgleich?

Man ist oft in Konflikte verwickelt. Es geht zum Beispiel um Grenzstreitigkeiten zwischen Grundstücken. Das ist oft sehr belastend, weil man die Menschen kennt und den Streit schlichten muss. Man muss eine Lösung finden. Das ist Politik.

Schaffen Sie das auch im Parlament?

Das ist meine Hauptaufgabe. Brückenbauer, aber mit ganz klarer Kante. Ich habe dafür meine Grundausbildung in 20 Jahren als Bürgermeister und – nach einer Gemeindefusion – zehn Jahren Vizebürger gemacht.

Die steirischen Gemeindefusionen sind ein Musterbeispiel dafür, dass Politiker, wenn sie sich an Reformen wagen, nicht belohnt werden.

Ja, so ist es. Eines meiner Lieblingszitate ist von Wolfgang Schäuble: „Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität.“ Die Realität kann sehr hart sein. Aber es ist unsere Aufgabe, Lösungen zu finden, damit auch unsere Kinder und Enkel in einem florierenden Land leben.

Politiker scheuen aber Reformen, weil sie Wahlen gewinnen wollen.

Ich sehe das offensiver. Will man angenehme Unwahrheiten oder unangenehme Wahrheiten? Ich glaube, dass man mit den unangenehmen Wahrheiten politisch reüssieren kann.

Die Umfragen verheißen anderes: Es reüssiert die FPÖ.

Wir sind wohl in der Kommunikation zu nachlässig. Gerade im Bereich, wo ich einen starken Fokus habe – also Sicherheit, Asyl, Migration –, haben wir viel umgesetzt. Etwa den Stopp des Familiennachzugs. Die FPÖ hat da nicht mitgestimmt. Ebenso bei der Umsetzung des EU-Asylpakts. Ich vertraue auf die langfristige Beurteilung bis zur nächsten Wahl. Aber es gilt, das richtig zu verkaufen und unter die Leute zu bringen. Glaubwürdigkeit kann man sich nur zurückerobern, wenn man wirklich liefert.

Ich habe in meinen ersten Jahren als Bürgermeister sogar mit einer eigenen Liste gegen die ÖVP kandidiert

Ernst Gödl

Es gab eine Zeit in der Politik, da war Querdenker ein Lob. Das war jemand, der die Parteimeinung auch einmal gegen den Strich bürstet. Ist das unter Ihnen als Klubobmann erlaubt?

In einem Nationalratsklub mit 51 Abgeordneten muss sich niemand unterordnen, aber jeder muss sich einordnen. Jede Meinung wird diskutiert, wenn man dann zu einer gemeinsamen Meinung kommt, wird die so auch nach außen vertreten. Das halte ich für wichtig.

Aber schräge Meinungen sind mir wichtig. Ich bin ja auch nicht als ÖVP-Politiker auf die Welt gekommen. Ich habe in meinen ersten Jahren als Bürgermeister sogar mit einer eigenen Liste gegen die ÖVP kandidiert. Ich komme ein bisschen aus diesem Querdenkertum, aber ich habe auch immer gewusst, mich einzuordnen.

Wieso sind Sie dann der ÖVP beigetreten?

Ich war schon fünf Jahre Bürgermeister, als ich mich entschlossen habe, doch zur ÖVP zu gehen, weil ich unseren internen Interessenausgleich zwischen Arbeitnehmern, Wirtschaft, Bauern, Jugend, Frauen für sehr wertvoll halte. Denn nur dann funktioniert unsere Gesellschaft.

Bekommt man als Gemeinde nicht auch mehr Geld vom Land, wenn der Bürgermeister zur Landeshauptmannpartei gehört?

Als ÖVP und SPÖ regiert haben, waren die Gemeindezuweisungen genau nach den Parteien aufgeteilt. Ich hätte also zu jeder Partei gehen können. Ich habe vielmehr überlegt, wie kann ich am meisten für meine Bevölkerung erreichen. Mich hat ja mein Mexiko-Aufenthalt als Schüler geprägt. Ich wollte danach mein Zuhause mitgestalten.

Als Sie der steirischen ÖVP beigetreten sind, war Josef Krainer jr. deren Chef und sie galt als intellektuelle, freisinnige Partei. Hat sich die ÖVP verengt über die Jahre?

Das glaube ich nicht. Die Zeiten haben sich verändert. Ich war selbst eine kritische Stimme und habe mir nicht immer nur Freunde gemacht. Zu Krainers Zeit hieß es, eine Partei soll auch Fransen nach außen haben und kein geschlossenes Gefäß sein. Aber man muss eine solche Diskussion auch einhegen und eine gemeinsame Position finden.

Wieso sind Sie als Schüler ausgerechnet nach Mexiko gegangen?

Ich komme aus einer Bauernfamilie, meine Eltern waren ihr ganzes Leben nie im Ausland. Ich wollte damals unbedingt in ein sogenanntes Dritte-Welt-Land, heute sagt man Globaler Süden. Ich wollte unbedingt Spanisch lernen, weil ich erkannt habe, dass das eine aufstrebende Sprache ist. Ich wollte ein Jahr bei einer Familie leben.

Es gab damals kein Internet, ich konnte nur alle sechs Wochen fünf Minuten lang mit meinen Eltern telefonieren. Ich habe jeden Tag die Zeitung durchgeschaut, ob etwas über Österreich drinnen steht. Es war eine grandiose Erfahrung. Ich bin noch heute mit dieser Familie in engem Kontakt, habe immer noch ein eigenes Zimmer dort und besuche sie jedes Jahr.

Blurred image background

Gödl im Gespräch mit NEWS-Politikredakteurin Renate Kromp

 © Matt Observe

Halten Sie bei der WM zu Mexiko?

Nach Österreich bin ich Mexiko-Fan. Ich werde auch mit dem Botschafter Spiele anschauen. Eine Herzensangelegenheit.

Sie haben 17 Jahre lang die Landwirtschaft Ihrer Eltern geführt. Als Bauer sehen Sie die Auswirkungen des Klimawandels. Sind Sie zufrieden damit, wie die ÖVP Klimapolitik macht oder wäre da mehr gegangen?

Da wäre immer mehr gegangen. Ich war im Landtag Umweltsprecher, habe einen starken Hang zur Umweltpolitik, bin bekennender Öffi-Fahrer, möchte den Umweltgedanken vorleben. Also, ja, ich glaube, da wäre mehr gegangen. Frei nach Josef Riegler: Ökologie, Ökonomie und Soziales müssen in Balance sein.

Wenn Sie irgendwann die Politik ver­lassen: Was soll von Ihnen bleiben?

Mein Motto ist: ernsthaftes Bemühen. Ich möchte aber, dass übrig bleibt, dass ich mich nicht nur ernsthaft bemüht habe, sondern dass ich auch Dinge bewegt habe. Als Klubobmann bin ich da jetzt in einer guten Position.

© Matt Observe

Steckbrief

Ernst Gödl

geboren
28.12.1971

Mit 23 Jahren wurde der Ernst Gödl in seinem Heimatort Zwaring-Pöls jüngster Bürgermeister Österreichs. Der Steirer war damals mit einer eigenen Namensliste gegen die ÖVP angetreten. Von 2000 bis 2010 war er Landtagsabgeordneter in der Steiermark, von 2014 bis 2017 Mitglied des Bundesrats, seit der Wahl 2017 ist er im Parlament, seit 5. Mai ÖVP-Klubobmann.

Gödl ist auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsen, den er von 1995 bis 2013 selbst führte. Als politisch prägend nennt er sein Schuljahr in Mexiko 1989/90.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER