Sie sagen Tüte statt Sackerl, gelten als streng, direkt und bürokratisch. Gleichzeitig sind die Deutschen längst Österreichs größte Zuwanderergruppe. Warum immer mehr von ihnen kommen, die Schweiz an Attraktivität verliert und die kulturelle Nähe nicht immer für Sympathie sorgt.
Die Deutschen zieht es mehr denn je nach Österreich. Allerdings ist die Alpenrepublik nicht ihr erstes Ziel im europäischen Ausland: Anfang 2025 lebten knapp 239.500 deutsche Staatsbürger in Österreich.
Nur die Schweiz liegt mit rund 330.000 Deutschen noch davor. Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der deutschen Einwohner in Österreich um 40,5 Prozent gewachsen, damit stellen Deutsche mittlerweile die größte Zuwanderungsgruppe des Landes.
Ich finde, Wien als Stadt hat mehr zu bieten als Köln, auch ästhetisch

Eine davon ist Dana Schramm. Sie ist nicht nur einmal aus Deutschland nach Wien gezogen, sondern gleich ein zweites Mal. Eigentlich wollte sie nur zwei Jahre für den Master bleiben, zurück in Köln hat es allerdings nicht geklappt, weder mit dem Job noch mit dem Sozialen. In Wien, sagt sie, hat sie sich insgesamt einfach wohler gefühlt.
Warum? „Ich finde, Wien als Stadt hat mehr zu bieten als Köln, auch ästhetisch“, sagt Schramm. Einfach vor die Tür zu gehen und durch die Straßen zu streifen, mache sie schon froh. Dazu kommt das Freizeitangebot: Die Donauinsel im Sommer mit ihren unzähligen Badestellen, Sportangeboten und Plätzen zum Entspannen. Der Rhein, der durch Köln fließt, bietet all das nicht – Schifffahrt, Strömung und Strudel machen das Baden dort zu einem lebensgefährlichen Unterfangen.
Ein weiterer Vorteil an Wien ist für Schramm die Lage. Mit den ÖBB kommt man gut zum Wandern ins Umland, das will Schramm in Zukunft auch mehr nutzen. Der internationale Flughafen macht es leicht zu verreisen. Zudem schätzt sie das große Kulturangebot in der Stadt. Ob die „Zwidemu“-Partys oder die Lange Nacht der Museen, für Schramm ist es die Bandbreite an Events, die geboten wird.
Zahlen & Fakten
Mehr Deutsche denn je: In zehn Jahren wuchs ihre Zahl in Österreich um 40 Prozent.
10,2 Prozent 25- bis 29-jährige: Diese Altersgruppe der Deutschen kommt am häufigsten nach Österreich. Zu den Gründen liegen aber keine offiziellen Daten vor.
52.189 Deutsche studierten im Wintersemester 2024/25 an Österreichs Universitäten und Hochschulen.
344 Deutsche sind im Jahr 2024 eingebürgert worden.
Vor allem die Jungen wollen zu uns
Auffallend ist vor allem die Altersstruktur der „Zuagroasten“. Besonders häufig kommen Deutsche zwischen 20 und 29 Jahren nach Österreich: Laut Statistischem Bundesamt weist diese Altersgruppe mit 10,2 Prozent die höchste Wohnsitzrate auf. Dahinter folgen die 35- bis 39-Jährigen mit 9,9 Prozent sowie die 30- bis 34-Jährigen mit 9,7 Prozent.
Während die Schweiz traditionell mit hohen Löhnen und hoher Lebensqualität lockt, hat Österreich andere Pull-Faktoren zu bieten, die vor allem junge Deutsche anziehend finden: Die Lebenshaltungskosten sind in Österreich wesentlich geringer als in der Schweiz. Auch bieten die Schweizer Krankenkassen keine Gratis-Mitversicherung von Kindern an, in Österreich gibt es diese Möglichkeit schon. Vor allem die Kinderbetreuung geht in der Schweiz im Vergleich zu Österreich ordentlich ins Geld: Zwischen 1.500 und 3.000 Franken – umgerechnet etwa 1.600 bis 3.300 Euro – kostet ein Platz in einer Kinderbetreuungseinrichtung pro Monat. In Österreich maximal ein paar hundert.
Zahlreiche EU-Zuwanderer, die in die Schweiz gehen, halten es keine drei Jahre dort aus. Im Jahr 2025 haben fast sechs Prozent der in der Schweiz lebenden EU/EFTA-Angehörigen die Schweiz wieder verlassen, wie das Staatssekretariat für Migration im Februar 2026 verlauten ließ. Die Schweizer lassen nun mal nicht jeden rein, und selbst wenn man reinkommt, gehört man deshalb noch lange nicht wirklich dazu.: Viele Deutsche fühlen sich in der Schweiz einsam, soziale Isolation ist nicht selten. Der höhere Lohn allein kompensiert dieses Gefühl offenbar nicht – vielleicht auch ein Grund, warum die Nettozuwanderung in die Schweiz seit einigen Jahren sinkt.
Die „bessere“ Schweiz
Österreich wirkt dagegen wie die zugänglichere, günstigere Variante der Schweiz: Zwar mit schlechterer Bezahlung, aber dafür gibt es hier die besseren Goodies: Stichwort Krankenkasse und Pensionen. Oder, etwas weniger wissenschaftlich formuliert: Für den Preis von zwei Spritzern beim Wiener Heurigen bekommt man in manchen Schweizer Weinstuben gerade einmal ein Glas Wein.
Der Vergleich zwischen Deutschland und Österreich fällt jedoch ambivalent aus. Die Lebenshaltungskosten hierzulande sind um 2,7 Prozent höher als in Deutschland. Das ist auch Schramm aufgefallen. „Beim Angebot merkt man auch, dass das geringer ist“, fügt sie hinzu. Gerade bei Lebensmitteln oder in der Drogerie.
Deutschland sei da breiter aufgestellt. Produkte, die sie gerne habe, kaufe sie sich daher immer in Deutschland auf Vorrat. Das Wohnen sei dafür in Österreich billiger. Auch, wenn die Preise dieses Jahr wieder angezogen hätten, sagt sie.


Sorgen und Krisen
Offizielle Daten zu den konkreten Motiven deutscher Auswanderer liegen dem Statistischen Bundesamt nicht vor. Ein Blick in Foren, soziale Netzwerke und Auswanderergruppen zeichnet jedoch ein deutliches Bild. Viele der jungen Deutschen glauben nicht mehr an Deutschlands wirtschaftliche Strahlkraft. Von Stagnation, Schwund des Mittelstands und Abwärtsspirale ist die Rede.
Die Infrastruktur ist marode, die Mieten in manchen Ballungszentren wie Berlin explodierten innerhalb weniger Jahre. Zentrale Branchen, wie die Automobilindustrie, brechen zusammen. Die Unsicherheit und die Angst vor dem Verlust des hart erarbeiteten deutschen Wohlstands ist groß. Zudem ist der Zugang zu Universitäten in Österreich vergleichsweise einfach, vor allem aber günstig. Und dann ist da noch Pull-Faktor Sprache.
Denn Deutsch ist Deutsch, richtig? Nicht unbedingt. Diese Erfahrung müssen viele Deutsche machen, die nach Österreich ziehen. So auch Schramm. Dort, wo sie während des Studiums gearbeitet hat, haben sich die Angestellten vor allem im Dialekt unterhalten. „Die verstehen sich alle untereinander, da habe ich oft eher schweigend daneben gesessen und mich nicht so integriert gefühlt“, berichtet sie. Schließlich habe sie angefangen, mit den internationalen Praktikanten Mittagspause zu machen: Diese unterhielten sich auf Englisch.
Unterschiedliche Mentalität
Komplett eingebürgert fühlt sich Schramm noch nicht, sagt sie. „Ich bin in vielen Dingen sehr deutsch. Das merkt man schon.“ Bei der Pünktlichkeit. Oder bei der Freundlichkeit. Zum Beispiel an der Supermarktkasse, wo sie darauf achtet, Mitarbeitenden einen schönen Tag zu wünschen. „Und dann habe ich manchmal das Gefühl, die erwarten das gar nicht, sind überrascht und wünschen dann auch einen schönen Tag zurück.“
Den berühmten Wiener Grant habe sie schon wahrgenommen. Wer auf der Rolltreppe falsch steht oder die Tür in der U-Bahn nicht frei macht, bekommt ihn schnell zu spüren. Ungute Situationen, etwa von den berühmten Kellnern in Wien gemaßregelt zu werden, wenn man im Kaffeehaus einen schwarzen Kaffee bestellt, habe sie persönlich zwar nicht mitbekommen. Im Bekanntenkreis sei das aber schon vorgekommen.
Durch ihre Tätigkeit im Marketing und das international ausgerichtete Studium hat Schramm viel Kontakt zu Menschen, die nicht aus dem deutschen Sprachraum kommt. Sie findet: „Eigentlich sind wir kulturmäßig schon sehr ähnlich. Mein Chef zum Beispiel ist aus Spanien und die haben es gerne, dass man erst mal ein bisschen Smalltalk macht, bevor man in die Problemlösung geht.“
Deutsche und Österreicher sind da direkter. Den Kulturschock bekam Schramm auf offener Straße zu spüren: „Teilweise gehst du sonntags aus dem Haus und es ist wie ausgestorben, auch wenn es eine Zwei-Millionen-Stadt ist“, berichtet die junge Deutsche. Läden hätten in Deutschland länger offen als in Österreich, und Getränke holt man sich auch am Sonntag in „Spätis“.


Aber trotz kultureller wie sprachlicher Ähnlichkeiten sind die Deutschen und die Österreicher im Kern grundverschieden. Zumindest sehen das die Österreicher so. Wie die Österreicher über ihre deutschen Nachbarn denken, untersuchte 2021 eine Studie der Deutschen Botschaft in Wien.
Das Ergebnis: Deutsche werden vor allem an ihrer Sprache erkannt. 59 Prozent der Befragten gaben an, die deutsche Herkunft häufig bereits am Auftreten feststellen zu können. Gleichzeitig zeigt die Studie ein sehr differenziertes Bild: Generell schätzen die Österreicher Deutschland wohl als wichtigstes Nachbarland (45 Prozent), 35 Prozent fühlen sich den Deutschen auch emotional verbunden. 75 Prozent könnten es sich außerdem gut vorstellen, eine Partnerschaft mit einem Deutschen oder einer Deutschen einzugehen.
Zudem gelten die Deutschen der Studie zufolge als erfolgreich, fortschrittlich, aber auch als bürokratisch, streng und manchmal auch ein bisschen arrogant. Besonders ausgeprägt sind diese Wahrnehmungen bei jüngeren Österreichern: Die 16- bis 29-Jährigen beschreiben Deutsche überdurchschnittlich häufig als streng, während die 30- bis 49Jährigen sie öfter als kompliziert oder umständlich wahrnehmen. Ältere Befragte haben hingegen insgesamt ein deutlich positiveres Deutschlandbild.
Der Vorzeigedeutsche
Einzelne Persönlichkeiten brechen aber mit solchen Klischees. Kaum ein Deutscher genießt in Österreich ein ähnlich hohes Ansehen wie ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick. Der gebürtige Schwabe wird von vielen Fußballfans nicht als „typischer Deutscher“ wahrgenommen.
Das liegt womöglich auch an seiner Rolle als Außenseiter, der ohne große Spielerkarriere, dafür mit viel harter Arbeit, zu einem der angesehensten Fußballtrainer Europas aufstieg.


Umfragen zeigen: Österreicher empfinden Deutsche häufig als umständlich, sehen sie aber auch als wichtigstes Nachbarland.
© UnsplashSager wie, „Österreich könnte noch viel leiwander sein“ zeigen, dass er viel von den „Ösis“ hält. Dass er 2024 ein Spitzenangebot des FC Bayern München ausschlug und sich stattdessen zum ÖFB bekannte, stärkte seine Popularität zusätzlich. In einer Pressekonferenz 2025 forderte er eine moderne Eventarena und sprach damit vielen Fußballfans aus der Seele.
Österreich verfüge schließlich über hervorragende Voraussetzungen: In kaum ein anderes europäisches Land kämen so viele Spitzenvereine für Trainingslager. Klimatische Bedingungen und die gute Infrastruktur – nämlich hochwertige Trainingsplätze in unmittelbarer Nähe zu Hotels – mache Österreich für Fußball äußerst attraktiv. Es fehle nur besagte moderne Eventarena.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Wertschätzung und konstruktiver Kritik, die Rangnick in Österreich so beliebt macht. Er haucht damit der oft zu übertriebener Bescheidenheit neigenden österreichischen Seele etwas Selbstbewusstsein ein – zumindest, was den Fußball betrifft. Und das kommt nicht nur bei Fans gut an.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.







