Kinder galten lang als Schlüssel für ein erfülltes Leben, als selbstverständlich und die eine Sache, auf die sich die Menschheit immer noch einigen konnte. Dennoch starben in Österreich im vergangenen Jahr mehr Menschen, als geboren wurden. Auch die Fertilitätsrate ist auf einem historischen Tiefpunkt. Ein Blick auf eine Krise, die keine sein muss.
Emily schaut Richtung Büro, zwischen ihr und dem Wochenende liegen nur noch ein paar Arbeitsstunden. Sie schließt die Tür hinter sich und erzählt, dass die Pläne von damals nicht mehr ihre Wünsche von heute sind. Früher, sagt sie, wollte sie spätestens mit 30 Jahren ihr erstes Kind bekommen.
Dieses Ideal wurde längst von der Realität abgelöst: Emily ist Ende zwanzig und wenn sie an die nächsten Jahre denkt, denkt sie an vieles, aber nicht an Kinder. Emily hat so lang auf die Zukunft gewartet und dann gemerkt, dass die jetzt da ist. „Jetzt ist halt einiges passiert”, sagt sie und meint damit den ersten Vollzeitjob nach dem Studium, das Leben mit ihrem Freund in der Stadt und den Alltag, in dem sie vieles hat, aber keinen Platz für ein Kind sieht.
Vom Sonderfall zur statistische Realität
Frauen wie Emily gelten längst nicht mehr als Sonderfall, sondern als statistische Realität: 2025 wurden in Österreich erneut weniger Kinder geboren als im Vorjahr. Dieses Phänomen trifft nicht nur Österreich, das weiß auch Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP). Auf News-Nachfrage betont sie, die sinkende Zahl der Geburten sei „eine Entwicklung, die sich in vielen westlichen Ländern zeigt“.
Tatsächlich ist die globale Fertilitätsrate seit 1950 von rund 4,8 Kindern pro Frau auf etwa 2,2 gefallen. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Laut Forschungsprognosen dürften 2100 weltweit nur noch Samoa, Tonga, Somalia, Niger, Tschad und Tadschikistan über die sogenannte Erhaltungsmarke von 2,1 Kindern pro Frau kommen. Dieser Wert gilt als Schwelle, um die Bevölkerung auf einem konstanten Niveau zu halten.
So wenig Kinder wie nie zuvor
Österreich liegt deutlich unter diesem Wert – Frauen bekommen hier im Schnitt nur noch 1,29 Kinder. So wenig wie nie zuvor. Steuern wir geradewegs auf eine Geburtenkrise zu? Das sei zu kurz gedacht, findet Sonja Dörfler-Bolt, Leiterin des Generations & Gender Programme (GGP) der Vereinten Nationen. „Die Krise entsteht erst durch die Folgen von weniger Geburten, und dann, wenn wir uns nicht daran anpassen. Das tun wir bisher nicht.“
Wer die Zukunft verstehen will, muss die Vergangenheit kennen. Denn genügend Zeit, sich auf eine alternde Gesellschaftsstruktur einzustellen, die gab es. Schon seit den 1970er-Jahren und der „ökonomischen Abkopplung von Altersvorsorge und dem Kinderkriegen“ zeichnet sich ab, dass Paare weniger Kinder bekommen, so die Wissenschafterin. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen hat diese Entwicklung verstärkt. „Auch die längeren Ausbildungszeiten führen zu späteren Geburten“, so Dörfler-Bolt.
Väterkrise?
Dass weniger Kinder geboren werden, liegt aber nicht nur an Frauen, die länger studieren oder für ein finanziell abgesichertes Leben keinen Partner mehr brauchen. Auch der Anteil der Männer unter 30, die keine Kinder wollen, hat sich im Vergleich zum Jahr 2009 verdoppelt und liegt mittlerweile bei etwa 16 Prozent. Das zeigen Erhebungen des GGP. Und noch ein Aspekt würde laut Dörfler-Bolt weiterhin unterschätzt: Der Anteil der Menschen, die ungewollt kinderlos sind, ist immer noch größer als der Anteil jener, die gewollt kinderlos sind.
Dennoch: Den Weg der Kinderlosigkeit gehen viele Frauen auch bewusst – eine Entscheidung, die „höchstpersönlich“ sei, heißt es aus dem Familienministerium. Und weiter: „Familie wird heute oft sehr stark unter dem Gesichtspunkt von Belastung, Perfektionismus und Unsicherheit diskutiert.“ Was es nun mehr bräuchte, sei „ein realistisches und positives Bild von Familie“. Doch die Entscheidung über eine Mutterschaft ist für Frauen nicht nur eine Frage der Einstellung, sondern auch eine des Geldes, denn: Mutterschaft hat ihren Preis.
Mutterschaft als Verlustgeschäft
Ein Kind kostet Frauen durchschnittlich 520.000 Euro an Lebenserwerbseinkommen. Eine Entscheidung für Kinder führt bei Frauen zu einem durchschnittlichen Einkommensverlust von rund 40 Prozent. Mütter mit drei Kindern verdienen über das gesamte Erwerbsleben knapp 70 Prozent weniger als kinderlose Frauen, zu diesen Ergebnissen kommt die Bertelsmann Stiftung. Das Einkommen der Väter hingegen bleibt stabil oder steigt sogar leicht. Das finanzielle Verlustgeschäft einer Mutterschaft trägt den Namen „Motherhood Lifetime Penalty“ und macht aus einer privaten Entscheidung eine, die im Rahmen politischer Gegebenheiten getroffen wird.
Dennoch zeigte sich die Politik bisher eher machtlos – auch Maßnahmen wie die Familienbeihilfe, der Familienbonus Plus oder der Ausbau der Kinderbetreuung konnten den Geburtenrückgang bisher nicht stoppen. Das bestätigt Dörfler-Bolt: „Geburtenraten sinken in den meisten Ländern, fast unabhängig von der Kinderbetreuung.“ Auch der vor Kurzem für Schlagzeilen sorgende Rat der Familienministerin, statt zu überlegen, „ob die Lebensumstände passen“, sollten sich Menschen auf ihr „G’spür“ verlassen, hat daran nichts geändert.
Mehr Kinder retten auch nicht die Welt
In der Demografie galt lang die Vorstellung, sinkende Geburtenraten seien nur ein Zwischenhalt auf dem Weg zur Endstation Bevölkerungswachstum und, dass sich die Geburtenzahlen mit wachsendem Wohlstand irgendwann wieder erholen würden. Aktuelle Daten zweier Demografen des International Institute for Applied Systems Analysis in Laxenburg sagen etwas anderes und zeigen, dass sich die Zukunft womöglich nicht nur an der Zahl der Geburten entscheidet.
Je höher der Entwicklungsstand eines Landes – gemessen nicht nur an Einkommen, sondern auch an Bildung und Lebenserwartung –, desto niedriger fällt häufig die Geburtenrate aus. Besonders wohlhabende Staaten entfernen sich immer weiter von jener symbolträchtigen Marke von 2,1 Kindern pro Frau. Doch auch diese Zahl ist weniger Naturgesetz als politische Rechengröße. Eine konstante Bevölkerungszahl bedeutet nicht automatisch gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Wohlstand.
Entscheidend ist weniger, wie viele Menschen eine Gesellschaft hat, sondern wie sie sich zusammensetzt. Laut den Experten müssten die Sozialversicherungs-, Arbeitsmarkt- und Pensionssysteme an die Realität einer niedrigen Geburtenrate angepasst werden. Eine gut ausgebildete Bevölkerung, eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, älteren Menschen und Zugewanderten sowie steigende Produktivität könnten die Folgen niedriger Geburtenraten laut ihnen nicht nur abfedern, sondern sogar übertreffen.
Keine Privatsache
Wissenschaftliche Trendvoraussagen berühren Emily wenig. Emily verkörpert nicht nur den Zeitgeist ihrer Freundinnen, die sie nach dem Feierabend zum Spritzer treffen wird, sondern den Teil einer Generation, der wie sie über das Kinderbekommen sagt: „Ich will noch nicht“. Diese Einstellung von Frauen wie Emily ist ein Problem – zumindest, wenn man Claudia Bauer fragt. Bauer sagt, sie wünsche sich wieder mehr „Bauchentscheidungen“. Doch dass Emily erst mal keine Mutter werden möchte, ist genau diese: „Mir geht es dabei vor allem um mein Bauchgefühl.“ Die Entscheidung für oder gegen eine Mutterschaft entsteht weder im luftleeren Raum noch ist sie die Privatangelegenheit, zu der sie die Politik gern macht. Sie wird geprägt von ökonomischer Sicherheit und politischen Rahmenbedingungen – also von Voraussetzungen, die nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Die Entscheidung für ein Kind ist intim. Ihre Voraussetzungen jedoch sind politisch. So ist die Debatte über sinkende Geburtenzahlen nicht nur eine Debatte über Demografie. Sie ist auch eine Debatte über weibliche Selbstbestimmung. Das Ausbleiben von Kindern ist also nicht nur Ausdruck einer Krise, sondern auch das Ergebnis einer Freiheit, die Frauen jahrelang verwehrt geblieben ist. Deswegen ist die Einstellung von Frauen wie Emily auch eine Errungenschaft. Statt in einer Geburtenkrise befinden wir uns wohl auch auf dem Transit namens Fortschritt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.






