In „Little Burgenland“ im Süden von Chicago wurde einst Deutsch gesprochen.
Am Sonntag, dem 26. April 2026, veranstaltete der „Jolly Burgenländer Club“ in Chicago seinen alljährlichen „Spring Dance“. Organisiert von der wahrscheinlich letzten aktiven Organisation der Gemeinschaft der Burgenländer in Chicago – einst größer als Ödenburg.
Sie waren nicht die ersten Österreicher in Amerika. 1734 erreichte eine Gruppe Protestanten aus Salzburg die britische Kolonie Georgia, noch bevor die USA existierten. Aus ihrer Heimat vertrieben, weil sie sich weigerten, zum katholischen Glauben zurückzukehren, gründeten sie die Siedlung Ebenezer nahe Savannah, waren damit die ersten dokumentierten Einwanderer aus dem heutigen Österreich auf amerikanischem Boden. Aus ihrer Gemeinschaft ging später Georgias erster gewählter Gouverneur hervor, Johann Adam Treutlen.
Migrationswelle aus Österreich-Ungarn
150 Jahre später lösten die Industrialisierung Amerikas und die wirtschaftlichen Probleme der Habsburg-Monarchie eine Migrationswelle aus. Zwischen 1876 und 1910 zogen rund 3,5 Millionen Menschen aus Österreich-Ungarn in die Vereinigten Staaten, kamen aus Böhmen, Galizien, Tirol, Vorarlberg, Dalmatien und dem heutigen Burgenland. Sie suchten Arbeit in den Stahlwerken von Pittsburgh, den Bergwerken von Colorado, den Fabriken von Cleveland und den Schlachthöfen Chicagos.
Unter allen amerikanischen Städten entwickelte sich Chicago zum wichtigsten Zentrum österreichischer Einwanderung. Die Stadt am Lake Michigan war damals eine schnell wachsende Metropole mit Fleischindustrie, Stahlwerken und Bauwirtschaft, die Hunderttausende Arbeitskräfte benötigte. Ab 1890 wurde Chicago zum bedeutendsten Ziel vor allem burgenländischer Auswanderer in Nordamerika. Etwa 60.000 Männer und Frauen aus Orten wie Deutsch Tschantschendorf, Tudersdorf, Allersdorf, Güssing oder Stegersbach fanden hier eine neue Heimat.
Heute erreicht man das ehemalige „Little Burgenland“ in den südlichen Bezirken Chicagos mit dem L-Train, einer Hoch-Bahn, die auf stählernen Viadukten durch Chicago rattert. Damals hörte man in den Straßen mehr Deutsch, Kroatisch und Ungarisch als Englisch. Die Burgenländer gründeten Tanzvereine, Gesangsgruppen, Sportclubs und Kirchengemeinden. Gasthäuser boten Wiener Schnitzel, Gulasch und Apfelstrudel. Hochzeit, Taufe und Firmung wurden nach den Traditionen der alten Heimat gefeiert.
Schweineschlächter für die Welt
Die meisten Burgenländer kamen nicht als Abenteurer oder politische Idealisten, sondern aus wirtschaftlicher Not, besaßen zu Hause kein eigenes Land und arbeiteten als Tagelöhner. Hier fanden sie Arbeit in den riesigen Schlachthöfen der Union Stock Yards, konnten eine Familie gründen, ein Haus kaufen. Chicago war damals der „hog butcher for the world“ (Der Schweineschlächter für die Welt).
Viele der Einwanderer verstanden sich nicht primär als Österreicher. Unter ihnen waren Deutsche, Kroaten, Slowenen, Tschechen, Ungarn und Polen. In Amerika wurden sie dennoch als „Austrians“ registriert, obwohl sie unterschiedliche Sprachen und Traditionen mitbrachten – als würde sich die gesamte Monarchie in Chicago konzentrieren.
Heute sind die Spuren der österreichischen Einwanderer in Chicago – anders als bei Iren, Italienern oder Polen – kaum noch sichtbar. Enkel und Urenkel sprechen meist nur noch Englisch, Familiennamen wurden amerikanisiert. Vereinslokale und Gaststätten verschwanden, und die ethnisch geprägten Viertel im Süden der Stadt veränderten sich. Die Häuser der europäischen Einwanderer übernahmen afroamerikanische Familien, die im Zuge der „Great Migration“ aus den Südstaaten nach Chicago zogen.
Burgenländische Tracht in der Windy City
Unter den Burgenländern in Chicago waren keine Schauspieler, Wissenschafter oder erfolgreiche Unternehmer, mit denen sich die alte Heimat gerne schmückt. Sie verließen Österreich aus Not und Verzweiflung und suchten eine wirtschaftlich sichere Zukunft. Nur wenige Namen sind heute noch bekannt, wie die Koval-Brennerei, die nach Ende der Prohibition mit der Herstellung von alkoholischen Getränken begann, und heute noch aktiv ist.
Ein wenig lebt die Geschichte dennoch weiter. In sozialen Medien tauchen Fotografien von Männern in burgenländischer Tracht vor den Schlachthöfen Chicagos auf. Auf Friedhöfen im Süden Chicagos stehen Grabsteine mit Geburtsort Güssing, Oberwart oder Mattersburg. Die Webpage „Burgenländer Bunch“ bietet die Möglichkeit, nach Verwandten zu forschen.
Die Geschichte der Österreicher in Amerika reicht von protestantischen Siedlern in Georgia über Arbeiter in Chicagos Schlachthöfen bis zu Filmstars in Hollywood und Nobelpreisträgern auf US-Universitäten. Schicksale von Hunderttausenden Menschen, die ihre Heimat verließen, um ein besseres, oder auch nur ein sicheres Leben zu finden. Sucht man den Ort, an dem diese Epoche einst am deutlichsten sichtbar wurde, ist es überraschenderweise nicht New York oder Los Angeles, sondern Chicago.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.







