Scheidungsanwältin Saskia Schlemmer zerlegt auf Instagram die großen Ehe-Mythen unserer Zeit. Sie erlebt, dass es meistens Frauen sind, die im Scheidungsfall einen hohen Preis zahlen. „Nimm dir endlich, was dir zusteht", fordert sie sie in ihrem neuen Buch auf. Wie sie Eheverträge weiblich und völlig neu denkt, erklärt sie im Gespräch.
Während auf Instagram Influencerinnen Verlobungsringe in die Kamera halten, erklärt die Düsseldorfer Familienanwältin Saskia Schlemmer dort Zugewinnausgleich, Unterhalt und Rentenlücken. In grelles Pink gekleidet setzt sie unter dem Handle „die.scheidungsanwältin“ auf klare, spitz formulierte Botschaften. Eine Mischung aus Popfeministin, Coach und juristischer Reality-Check der Liebe. Das erzeugt Aufmerksamkeit, aber auch Widerstand.
Schlemmer spricht über Frauen, die jahrelang Care-Arbeit leisten, Karrieren zurückstellen und am Ende feststellen, dass Liebe rechtlich erstaunlich wenig absichert. 2024 veröffentlichte sie „Das Buch, das du vor deiner Hochzeit gelesen haben musst“. Darin rät die 36-Jährige Paaren, eine Scheidung vor der Hochzeit unbedingt im Kopf durchzuspielen, um sich gegen existenzielle Krisen am Tag X abzusichern.
Auf Insta folgen 126.000 ihren Informationen und Ratschlägen. Im Podcast „Schluss Jetzt!“ klärt sie über Scheidung und Neuanfang auf. Nun legt sie nach: In ihrem neuen Buch rät Schlemmer – selbst glücklich verheiratet mit Ehevertrag und zweifache Mutter – Frauen „Nimm dir endlich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen“.
Die Botschaft der Frau, die zuerst ein BWL-Studium mit Bachelorabschluss absolvierte, dann das Studium der Rechtswissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und sich in ihrer Kanzlei auf Eheverträge, Scheidungen und Vermögensaufteilungen spezialisiert hat, ist unmissverständlich: Romantik ersetzt keine Vorsorge und Liebe allein sorgt nicht für immerwährende Fairness.
Golddigger ist ein patriarchaler Begriff für Menschen – meistens sind Frauen gemeint –, die nicht aus Liebe mit einem Partner zusammen sind, sondern wegen dessen Wohlstand.
Frau Schlemmer, welche Illusion über die Ehe begegnet Ihnen am häufigsten?
Dass die Ehe für immer hält. Nach wie vor glauben das die meisten. Erst wenn sie dann bei mir sitzen, wissen sie, dass es doch nicht so ist. Eine zweite große Illusion ist, dass die Ehe ein ausreichender Schutzmechanismus in Sachen wirtschaftlicher Absicherung ist. Das erlebe ich auch oft, samt dem bösen Erwachen.
Sie konzentrieren sich in Ihren Büchern und auf Instagram auf die Beratung und Begleitung von Frauen. Brauchen Frauen mehr Unterstützung?
Ich arbeite als Scheidungsanwältin natürlich für alle. Männer schließe ich nicht aus. Trotzdem richte ich mich im Buch und in sozialen Medien klar an Frauen, weil ich erlebe, dass Frauen bei Themen wie Finanzen und Absicherung noch immer schlechter informiert sind. Eine Ehe ist eine finanzielle Entscheidung.
Ich höre oft, dass Frauen sagen: „Die Finanzen hat mein Mann geregelt, ich kenne mich damit nicht aus.“ Männer sind in diesen Fragen meistens besser vorbereitet, sie haben sich informiert oder beraten lassen. Das hat gesellschaftliche Gründe: Finanzielle Bildung für Frauen ist erst in den vergangenen Jahren stärker Thema geworden und Frauen sind häufig in der wirtschaftlich schwächeren Position.
„Der wirtschaftlich Schwächere hat im Familienrecht immer die benachteiligte Position“, betonen Sie in Ihrem neuen Buch. Was muss Frauen diesbezüglich bewusst sein?
Wer Ansprüche hat, muss für sie kämpfen. Niemand kommt im Rahmen einer Scheidung und sagt ihnen, was sie zu bekommen haben. Gerade Unterhaltsberechtigte stehen oft vor großen Hürden. Wenn die Gegenseite keine Auskunft erteilt oder Zahlungen verweigert, muss man anwaltliche Hilfe suchen und selbst Geld investieren, auch wenn die Kosten später möglicherweise ersetzt werden.
Viele können sich gute anwaltliche Vertretung nicht leisten. Gleichzeitig kann die wirtschaftlich stärkere Seite Verfahren verzögern, Informationen nur scheibchenweise herausgeben oder blockieren. Diese Mechanismen erlebe ich leider häufig in Scheidungsverfahren.
Eheverträge entstanden, um Vermögen zu schützen und das lag historisch auf Seite der Männer. Warum wurde jahrzehntelang nie kritisch hingeschaut, wenn Frauen Eheverträge zu ihrem Nachteil unterschrieben haben?
Birgt eine Scheidung für Frauen eine größere Falle als für Männer?
Der Trugschluss ist, dass man am Ende automatisch Gerechtigkeit bekommt. Für Gerechtigkeit muss man kämpfen und selbst dann bleibt offen, wie ein Gericht entscheidet. Wer etwas einfordert, ist fast immer in der unterlegenen Position. Die andere Seite kann sagen: „Nimm das Angebot oder wir gehen vor Gericht.“ Dann steht man vor der Frage: Akzeptiere ich einen möglicherweise schlechten Kompromiss oder führe ich über Jahre einen Prozess, dessen Ausgang niemand sicher vorhersagen kann?
Wozu raten Sie dann eher?
Jede Scheidung ist individuell. Aber grundsätzlich ist eine Einigung meistens die sinnvollste Lösung. Jahrelange Prozesse zermürben emotional, finanziell und mental. Viele glauben, sie könnten alles an den Anwalt abgeben. Aber die emotionale Ebene bleibt. Jeder Brief der Gegenseite holt einen wieder hinein in den Konflikt. Selbst sachliche Schreiben können Spitzen enthalten, die einen treffen.
Dann kommt freitags ein Brief, und das ganze Wochenende ist belastet. Scheidung bedeutet oft aushalten können. Man muss Entscheidungen treffen und sich fragen: Bin ich bereit, für mein Recht zu kämpfen, obwohl ich nicht weiß, wie es ausgeht, wie viel es kostet und wie sehr es mich belastet? Dafür braucht man große Klarheit.
Wie erleben Sie Mandantinnen in solchen Konfliktsituationen?
Ich erlebe oft, dass Frauen sich schwertun, klar für sich einzustehen, selbst, wenn sie wirtschaftlich überlegen sind. Ich habe viele Mandantinnen, die finanziell stärker aufgestellt sind und möglicherweise Zugewinnausgleich an den Ehemann zahlen müssten.
Statt zu sagen: „Das ist mein Angebot, nimm es oder wir gehen vor Gericht“, wie es die männliche Gegenseite meistens tut, vermeiden sie den Konflikt in der Hoffnung, dass sich die Situation irgendwie löst. Das Risiko auszuhalten, dass die Gegenseite mehr fordert oder sich ebenfalls beraten lässt, fällt vielen Frauen schwer.
Sie kennen vermutlich den Witz über die Scheidungs-Barbie, die mit dem Haus und Auto von Ken geliefert wird. Geht es Ihnen auch darum, dieses männliche Narrativ von der Frau als automatische Scheidungsgewinnerin zurechtzurücken?
In Deutschland herrscht der Halbteilungsgrundsatz, mehr als die Hälfte ist schon juristisch gar nicht möglich. Punkt. Selbst wenn die Frau weiterhin im Haus lebt, steht auf der anderen Seite der Gleichung, dass sie mehr Unterhalt bekommen würde, würde sie nicht im Haus wohnen. Das Zusammenleben vor der Scheidung funktioniert oft nach dem Prinzip: „Das ist doch alles unseres.“
Diese Wahrnehmung kippt bei der Scheidung. Selbst gesetzliche Ansprüche wie Unterhalt werden dann oft als unfair empfunden. Das sieht man auch bei Aussagen wie: „Wenn ich mein Kind nicht sehen darf, zahle ich keinen Unterhalt.“ Juristisch hat das nichts miteinander zu tun. Und viele gesetzliche Regelungen bilden die tatsächlichen Risiken, die Frauen bis heute tragen, noch nicht einmal vollständig ab.
Die wahren Golddigger sind männlich, betonen Sie in Ihrem Buch. Wie meinen Sie das konkret?
Die wahren Golddigger sind Männer, die erwarten, dass Frauen das komplette Rundum-Modell liefern: die Kinderbetreuung erledigen, dazu den Haushalt, die emotionale Beziehungsarbeit und dazu Teilzeit arbeiten gehen und finanziell zum Familieneinkommen beitragen.
In diesem Modell zahlen Frauen immer drauf, weil Kinder enorme Einschnitte in der Erwerbsbiografie der Frauen bedeuten. Diese Folgen wirken langfristig nach. Gleichzeitig profitieren Männer davon, dass sie ihr Berufsleben nahezu unverändert fortsetzen können.
Juristisches Wissen ist lange unter Männern weitergegeben worden, stellen Sie fest. Sind Frauen dadurch strukturell benachteiligt?
Ja, das glaube ich schon. Ich hatte erst kürzlich wieder den Fall, dass ein Ehevertrag als „extrem zugunsten der Ehefrau“ bezeichnet wurde. Da frage ich mich: Warum wurde jahrzehntelang nicht genauso kritisch hingeschaut, wenn Frauen Verträge unterschrieben haben, die klar zu ihrem Nachteil waren? Eheverträge entstanden ursprünglich, um Vermögen zu schützen und dieses Vermögen lag historisch meist auf der Seite der Männer.
Was sind Red Flags in Eheverträgen?
Natürlich ist Vermögensschutz richtig und wichtig. Aber es macht einen Unterschied, ob ich etwa eine Firmenbeteiligung schütze oder ob ich auch den kompletten Zugewinn ausschließe, also alles, was privat während der Ehe erwirtschaftet wurde. Man kann faire Lösungen finden. Wenn jemand sagt: „Ich möchte mein Unternehmen schützen“, halte ich das für nachvollziehbar. Gleichzeitig kann man anerkennen, dass der andere durch Care-Arbeit oder berufliche Einschränkungen Nachteile trägt.
Dann kann man transparente Regelungen schaffen: pauschale Vereinbarungen wie eine bestimmte Summe pro Ehejahr, einen festgelegten Unterhalt für einen bestimmten Zeitraum oder Vermögensaufbau über einen ETF, der im Fall einer Scheidung fix dem Partner gehört. Entscheidend ist die Frage: Schützt der Vertrag nur Vermögen oder berücksichtigt er auch die Risiken, die durch Kinder und Care-Arbeit entstehen?
Solche Eheverträge machen noch immer viele Notare sprachlos.
Ja, weil solche Regelungen eher untypisch sind. Ich versuche für meine Mandantinnen die Risiken auszugleichen, die durch Care-Arbeit und Karriereeinschnitte entstehen und die auch geringere Pensionsansprüche bedeuten. Das sind wichtige Punkte, die in Eheverträgen traditionell nicht berücksichtigt wurden.
Wie modern sind Ehen heute? Merken Sie, dass sich etwas ändert?
Ich erlebe, dass immer mehr Frauen sich der Risiken bewusst sind und Absicherung oder Kompensation einfordern. Gleichzeitig ist das romantisierte Bild von Ehe und Familie weiterhin tief verankert. Viele träumen nach wie vor vom klassischen Bilderbuchmodell. Ich spreche in Beratungen offen über Risiken und mögliche Konsequenzen und trotzdem unterschreiben manche am Ende Verträge, die nicht zu ihrem Vorteil sind.
Was antworten Sie Menschen, die sagen: „Wenn man sich liebt, braucht man keinen Ehevertrag“?
Das ist definitiv ein Narrativ, das sich hält. Natürlich ist ein Ehevertrag nicht romantisch, aber darum geht es auch nicht. Es geht um Absicherung. Liebe und Vertrauen dürfen nicht als Argument benutzt werden, damit jemand darauf verzichtet, für sich zu sorgen. Wer sagt: „Vertrau’ mir, das brauchst du nicht“, setzt den falschen Maßstab. Am Ende trägt jeder für sich selbst Verantwortung. Du musst immer mit dir durchs Leben gehen, du musst für dich das Beste im Leben wollen. Du weißt nicht, was in 15 Jahren sein wird. Möglicherweise wird dein Pseudo-Vertrauen dann teuer bestraft.
Das Buch


Die Scheidungsanwältin Saskia Schlemmer hat einen Aufruf zur Selbstfürsorge geschrieben, in der Nettigkeit keinen Platz hat.
„Nimm dir endlich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen“ ermutigt und informiert zu Themen wie gleichberechtigte Partnerschaften, finanzielle Unabhängigkeit und Überwinden mentaler Blockaden. mosaik
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.







