Der Mathematiker Rudolf Taschner, seit 2017 Abgeordneter in den Diensten der ÖVP, ist einer der populärsten und dekoriertesten Gelehrten des Landes. Nun wurde ihm eine Auszeichnung verwehrt. „Weil ich gegen den Mainstream an der Uni bin“, klagt er.
Wissenschafter des Jahres war er schon vor 22 Jahren, dann „Buchliebling“ für die inspirative Vermittlung ungeliebter Sachverhalte. Heute ist der Mathematiker Rudolf Taschner, seit 2017 parteifreier Abgeordneter und Wissenschaftssprecher im Dienst der ÖVP, ein Problemfall: Der Termin für die Verleihung des symbolischen „Goldenen Doktordiploms“, 50 Jahre nach der Promotion durch die Mathematische Fakultät der Wiener Uni, stand schon fest. Da erfuhr Taschner, dass es „Schwierigkeiten“ gebe.
Das Rektorat sei selbstverständlich dafür gewesen, rekapituliert der Professor beim Gespräch in der Parlamentsbibliothek. Verhindert habe der Senat. Dort treffen einander, 18 Kopf hoch, im Sinn einer internen Keuschheitskommission Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studenten und „ein Vertreter des allgemeinen Universitätspersonals (alle w/m/*)“, wie Taschner, 73, zart giftig präzisiert. Nun wurde die Veranstaltung abgesagt.
Falsch gedacht
Was ist passiert? Der Professor, der seiner Wissenschaft mit der Initiative math.space ungeahnte Anhängerscharen zugeführt hat, soll 2015 in der auf Widerspruch gebürsteten Presse-Kolumne „Quergeschrieben“ den Klimawandel relativiert haben. „Der ist für mich unstrittig“, berichtigt Taschner. „Kritisiert habe ich die Wahrnehmung des Klimawandels: dass man ihn ideologisch verwendet, um die eigenen geschäftlichen oder politischen Programme ins Spiel bringen zu können.“
Und noch schlimmer: Er habe sich im Parlament gegen Gender- und Dekolonialisierungsforschung ausgesprochen! Und zwar in der Gestalt des vom Wissenschaftsförderungsfonds FWF mit 400.000 Euro finanzierten Projekts „Ästhetik von Schlaf in der Kunst und der Funktion des Träumens“.
Es gibt innerhalb der Universität einen Mainstream, an den man sich halten muss. Ich stehe über solchen Feinden, aber anderen kann die Karriere kaputtgemacht werden
Was diese Themenlagen miteinander zu tun haben? „Ich habe gesagt: Fördergelder sind von Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern investierte Mittel. Wichtige Projekte aus Medizin und Technik werden abgelehnt, weil kein Geld da ist. Diese 400.000 Euro sind falsch vergeben worden, vermutlich, weil Gender und Dekolonialisierung in der Beschreibung vorkommen, was vom Thema Träumen zwar etwas entfernt ist, aber dem Zeitgeist entspricht.“
Da wird der Gesprächspartner hellhörig. Ist das der Dünkel der Natur- gegenüber den Geisteswissenschaften? Mitnichten, protestiert Taschner. Doch müssten derlei Projekte „für unser Verständnis als Kulturnation so bedeutend sein, dass ihr Wert außer Frage steht“. Wer zum eigenen Plaisir „ornamentale Wissenschaften“ zu betreiben wünsche, möge sich an private Förderer wenden.
„Speerspitze des Zeitgeists“
Der Standpunkt ist alles andere als ungefährlich, steht die Causa doch mittlerweile beiderseits für die Grenzenlosigkeit der Wissenschaft insgesamt. Da wird Taschner deutlich: „Die große Gefahr ist, dass es innerhalb der Universität einen Mainstream gibt, an den man sich halten muss, oder man wird nicht mehr gefördert. Denen, die sagen, ich mache da nicht mit, drohen Nachteile. Ich stehe über solchen Feinden. Aber für andere sind das wirkliche Feinde, die ihnen die Karriere kaputtmachen können.“
Aber eine Konservativenquote wäre doch auch kontraproduktiv? Er setze auf maximal kompetente, über alle Kritik erhabene Kontrollinstanzen. Sollte denn nicht genau das der Senat sein? „Ja, aber er sieht sich als Speerspitze dessen, was jetzt gerade im Zeitgeist läuft.“
Der Bildungsarchipel Latein wäre fast vom Rampendrang des pinken Bildungsministers geflutet worden. Wie sieht das der Bildungssprecher? Er habe über das Lateinische die eigene Sprache verstehen gelernt. Nur die tendenziell dünkelhafte Funktion der „Bildungsdistinktion“ brächte er gern weg: indem er auch künftigen Installateuren Spurenelemente von Latein zugänglich machen würde. „Es gibt eine Sprache, auf der unsere ganze Kultur ruht. Und ich kenne sie ein bisschen“ – das wäre der erlösende Satz.
Ich rate allen, die Lebenserfahrung gesammelt und das Leben gemeistert haben, in die Politik zu gehen, sich für etwas einzusetzen, was gut für sie und das Land ist

Und das soll Wiederkehr gewährleisten, dem die ÖVP verdienstvoll in die Parade fahren musste? „Ich sehe ihn zunächst einmal als Politiker“, übt sich Taschner in koalitionärer Contenance. „Da präsentiert er seine Ideen recht geschickt.“
Die sechsjährige Volksschule? Lade einem einzigen Pädagogen viel zu lang die Bildungsvermittelung auf. Und der sich zur Mehrheitsposition entwickelnde Analphabetismus? „Wir haben zu oft die Augen verschlossen, insbesondere die Stadt Wien. Und da ist Minister Wiederkehr nicht ganz unschuldig, denn er war ja Bildungsstadtrat.“
Und die FPÖ?
Wie und mit welcher Vehemenz die FPÖ von der Regierungsgewalt fernzuhalten wäre, bestimmt schon den Großteil des politischen Handelns. Die letzte Entscheidung, sagt Taschner, habe Demos, das Volk. Man könne maximal nachfragen, ob sich die FPÖ noch im Verfassungsbogen bewege, doch der Gegenbeweis sei realistischerweise nicht zu erbringen. „Also halte ich es für schwierig, eine Partei zu verbieten, die 30 Prozent der Bevölkerung wählen wollen. Das muss das Gericht entscheiden.“
Da sitzt nun der berühmte, populäre, dekorierte Wissenschafter und muss zusehen, wie ihm diese Benefizien infrage gestellt werden. Bereut er es, von Sebastian Kurz in eine Partei teils inferiorer Quereinsteiger überredet worden zu sein? „Nein, nein. Ich hätte es bereut, wenn ich nicht gegangen wäre. Ich rate allen, die Lebenserfahrung gesammelt und das Leben gemeistert haben, in die Politik zu gehen, sich für etwas einzusetzen, was gut für sie und das Land ist.“
Viele sahen ihn damals als Wissenschaftsminister. Aber da nicht berücksichtigt worden zu sein, sieht er als Erleichterung. Er gleiche ja Hamlet, fügt der gebildete Mann hinzu: Er zögere beim Treffen von Entscheidungen.
Was bliebe uns alles erspart, wenn sich die Ungebildeten diesem Gestaltungsprinzip anschlössen!

Steckbrief
Rudolf Taschner
Rudolf Taschner absolvierte das Theresianum, promovierte an der Wiener Uni sub auspiciis in Mathematik und Physik und habilitierte sich an der TU. Sein Projekt math.space erschloss die ungeliebte Wissenschaft auch Skeptikern, sein Buch „Rechnen mit Gott und der Welt“ wurde einer von mehreren Bestsellern. 2017 holte in Sebastian Kurz als parteifreien Quereinsteiger ins Parlament. Taschner ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.






