Alle wünschen wir uns einen Sommer wie damals, kaum einer kann sagen, was genau das für ein Sommer wäre. Es geht uns damit wie dem alten Augustinus mit der Zeit: Man weiß es ganz genau, solange man es nicht sagen muss.
Viele von uns, auch ich gehöre dazu, denken, wenn sie an den Sommer denken, an einen Sommer wie damals. „Ein Sommer wie damals“, das ist eine Art magische Formel, ein gesprochener Zaubertrick zur rückwirkenden Verschönerung der Welt. Welcher Sommer genau es gewesen ist, was das Jahr war, in dem er sich ereignete, können wir in der Regel gar nicht sagen, aber wir sind ganz sicher, dass es ein großer Sommer war und dass er lange her ist.
Viel spricht dafür, diesen Zaubertrick anzuwenden, denn er funktioniert auf der Grundlage einer persönlichen Erinnerung, in der alles gut war, und das Gefühl, dass alles gut sei, auch wenn wir wissen, dass nicht alles gut ist, können wir sehr dringend gebrauchen in einer Welt, in der gerade alles ziemlich schlecht zu sein scheint.
Aus Babler wird kein Kreisky
Es gibt natürlich auch berechtigte Einwände gegen den Sommer-Zaubertrick. Eskapismus, also die Flucht in eine verklärte Vergangenheit, in eine sentimentale Erinnerungswelt, in der tatsächlich Erinnertes mit lange Ersehntem verschmilzt, das bewusste Ignorieren einer Gegenwart, die uns materiell und seelisch beschädigt, bringt natürlich überhaupt nichts.
Der Krieg hört nicht auf, wenn wir in friedlichen Sommererinnerungen schwelgen, Trump tritt nicht ab, wenn wir an Kennedy im Segelboot denken, und aus Babler wird kein Kreisky, wenn wir nach Mallorca fliegen. Aber die Erinnerung an Schönes, Gelungenes und Genossenes macht uns auch auf eine fast schon objektive Weise wieder ganz: Das Gute, das wir erlebt haben, gehört genauso zu uns wie die Schicksale, denen wir nicht entkommen konnten, das Glück des Loslassens genauso wie das Gefangensein in den Folgen der Fehler, die wir gemacht haben.
Carrell und Augustinus
Fast jede kollektive Erinnerung, und sei sie noch so verschwommen, konfiguriert sich rund um epochale Ereignisse (die Mondlandung im Sommer meines Geburtsjahres zum Beispiel) oder Musik gewordenes Lebensgefühl (The Beach Boys). Dass die Deutschen dabei vielleicht an Rudi Carrell denken, sagt ungefähr alles. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ sang der eingedeutschte Niederländer 1975. Es wird empfohlen, den Schlager, der zum fixen Bestandteil des deutschen Sommersentiments geworden ist, vor zarter besaiteten Klimabesorgten nicht zu spielen, es könnte einem als Übergriff ausgelegt werden, und wer will das schon in einem Sommer wie damals.
Eigentlich geht es uns mit der Erinnerung an die Sommer-Essenz – und darum handelt es sich wohl im Kern, wir wollen den Sommer als solchen erfassen, in seinem innersten Wesen, um uns an ihm innerlich aufzurichten – wie dem alten Augustinus mit Zeit. In den „Confessiones“ schreibt der Bischof von Hippo sinngemäß: Wenn ich nicht an die Zeit denke, weiß ich ganz selbstverständlich, was sie ist, denke er aber bewusst an sie und soll ihr Wesen beschreiben, dann gelingt mir das nicht. Wie denn auch: Entweder sie ist nicht mehr, dann denkt er an die Vergangenheit, oder sie ist noch nicht als Zukunft, und selbst in der Gegenwart kann er sie nicht erfassen, weil sich der Übergang von der Zukunft in die Vergangenheit so flüchtig gestaltet.
Erfüllte Zeit, könnte man schlussfolgern, ist Geistesgegenwart
Ist es nicht für die meisten von uns mit dem „Sommer wie damals“ ganz genau so wie es für Augustinus mit der Zeit gewesen ist? Wenn wir nicht daran denken, wissen wir genau, worum es sich handelt, wir fühlen präzise, was wir gefühlt haben, was uns erfüllt hat, wie das Schöne sich in uns ausgebreitet hat. Aber wenn wir sagen müssten, in welchem Jahr und an welchem Ort sich der Sommer wie damals zugetragen habe, dann können wir es nicht. Gewiss, die Älteren von uns wissen noch, wo sie sich aufgehalten haben, als die Mondlandung im Fernsehen übertragen wurde. Mir wird der Sommer 1991 ewig und sehr genau in Erinnerung bleiben, als mich der Krieg in Jugoslawien in den Journalismus katapultiert hat. Aber alles das ist nicht gemeint, wenn wir mit besonders präziser Ungenauigkeit vom Sommer wie damals schwärmen.
Ich persönlich habe mich dazu entschlossen, mich auch beim Versuch, mir das ewig nostalgische Sommer-Phänomen zu erklären, an den alten Augustinus zu halten. Aus der Beobachtung, dass alle Erscheinungsformen der Zeit sich in unserem Bewusstsein abbilden – die Vergangenheit als Erinnerung, die Zukunft als Hoffnung und die Gegenwart als Aufmerksamkeit –, leitete er die Behauptung ab, dass es sich bei der Zeit um eine „distentio animi“ handelt, um eine Ausdehnung oder Ausspannung des Geistes oder der Seele, und zwar um die gegenwärtige Präsenz aller drei beschriebenen Zeitformen im Geist.
Erfüllte Zeit, könnte man schlussfolgern, ist Geistesgegenwart. Wenn ein Sommer das leisten kann, wenn es ihm und uns gelingt, unsere Seele auszuspannen und über den Augenblick hinaus zu dehnen, und dabei geistesgegenwärtig zu bleiben, dann ist es ein großer Sommer. Er wird in unserem Bewusstsein bleiben, auch wenn sich unsere Seelenausspannungen über viele Kalenderjahre verteilen und wir in ein paar Jahrzehnten aus ganz anderen Gründen nicht mehr wissen, was die Zeit eigentlich sein soll.
Ich wünsche Ihnen einen ausgedehnten Sommer und eine ausgespannte Seele.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.
