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Hengstler entführt seine Leserinnen und Leser nach Indien und malt das dortige Leben so farbenreich und plastisch, dass man wähnt, man hätte versehentlich eines der Indien-Bücher von Josef Winkler aufgeschlagen. Der Grazer, der aus der Erfahrung vieler Indien-Reisen schöpft, hat allerdings nicht nur malerische Impressionen und intensive Momentaufnahmen, sondern auch einen handfesten Plot aufzuweisen.
Die Handlung erweist sich allerdings als derart personenreich, dass man schon bald das dem Buch beigelegte Lesezeichen mit den Namen und Kurz-Bios der 18 "wichtigsten Figuren" zu schätzen weiß. Über den austro-indischen Protagonisten Lucas Mishra Gupta, dem man als Ich-Erzähler folgt, heißt es schon bald im Buch: "42, Doppelstaatsbürgerschaft, wohnhaft in Wien und Palampur, Hindi, Englisch und Deutsch in Wort und Schrift, leidliche Kenntnisse des Französischen, Studium der Religionswissenschaften und Kunstgeschichte."
Dass diese Beschreibung dem überraschten Mann in Indien von einem plötzlich aus dem Nichts neben ihm aufgetauchten Unbekannten gegeben wird, der sich als Special Officer der indischen Geheimpolizei entpuppt, legt gleich eine Fährte. Es wird nicht die einzige bleiben. "Zulm" ist ein Kriminalroman ebenso wie eine Familiengeschichte, ein weit ausholendes postkolonialistisches Epos, aber auch ein Reiseroman und eine kunsthistorische Schnitzeljagd.
Gupta wird über die Vermittlung des österreichischen Handelsdelegierten von einem im Sterben befindlichen indischen Industrie-Tycoon angeheuert, alle Bilder des österreichischen Malers und Kokoschka-Freundes Walter Ogrisegg, der 1938 mit seiner jüdischen Frau von Wien nach Delhi flüchtete und 1965 in London starb, ausfindig zu machen und zu erwerben. Tagsatz für die Recherchen: 300 Dollar plus Spesen. Damit lassen sich schon intensivere Ermittlungen finanzieren. Gupta, als Sohn eines Inders und einer österreichischen Ärztin ein ständiger Wanderer zwischen den beiden Kulturen, macht von den ihm gebotenen Möglichkeiten ausgiebig Gebrauch.
Es beginnt eine Serie von Reisen, Hinweisen und Begegnungen, die als Leitmotiv eine Textzeile aus dem Schlusssong der Lieblingsplatte Guptas verwenden: Ihre Jazzoper "Escalator over the Hill" (EOTH) beendete Carla Bley mit dem Endlossong "... And It's Again", den man nur beenden konnte, indem man selbst die Nadel aus der Rille nahm. Ähnlich geht es einem bei der Lektüre, bei der man sich bald wie der Erzähler fühlt, der zunehmend den Überblick verliert und den Dingen einfach ihren Lauf lässt.
Versucht man nicht, die Puzzleteile für das Lösen des Krimis zusammenzusetzen, lässt sich der Erzählfluss besser genießen. Dann wird man mit Sätzen wie "Das ist kein unterentwickeltes Land, das ist ein hoch entwickeltes Land, nur in einem Zustand fortgeschrittenen Verfalls" belohnt, oder bewundert Formulierungen wie: "Während meine Eltern sich also immer heilloser zerstritten, konnten ihre Körper nicht aufhören, sich der alten Vertrautheit zu erinnern."
Bei der Bewältigung der sieben Kapitel ist man jedenfalls immer wieder froh, das informative Lesezeichen griffbereit zu haben. "- Die Geschichte ist kompliziert, sagte er, wir müssen reden ..." Wer diesen Satz auf der vorletzten Seite liest, hat es schon fast geschafft. Und muss über die Erwiderung sehr schmunzeln: "- Anfangs war sie es vielleicht. Aber alles andere ergab sich später von selbst."
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Wilhelm Hengstler: "Zulm", 496 Seiten, 34 Euro, Literaturverlag Droschl, Lesungen: 23. September, 19 Uhr, Literaturhaus Graz; 27. November, 12.30 Uhr, auf der Buch Wien)
GRAZ - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Literaturverlag Droschl
