von
"Winterschlaf" ist eigentlich ein Kammerspiel mit vier Hauptfiguren und ein paar Nebenrollen. Als Erzähler fungieren die beiden Geschwister, ein Bub und ein Mädchen, "der Eine und die Andere", äußerlich kaum voneinander unterscheidbar, von einem Bekannten auch "Ahörnchen und Behörnchen" genannt. Sie stehen ihrer Mutter zur Seite, die nach dem Aufwachen viel Betreuung braucht, bis sie wieder in die Gänge kommt. Dann beginnt sie ihre Träume festzuhalten, zu ordnen, und sie bei den von ihrem Vater organisierten Therapiestunden einzusetzen. Offenbar ist sie ein Medium, das sich stark in die Bedürfnisse ihrer Besucher einzufühlen versteht, ohne, dass je klar wird, wie ihre Hilfe konkret aussieht.
Der Großvater, von den beiden Enkeln nicht Opa, sondern Apo genannt, ist Sprechstundenhilfe und Geschäftsführer in einem und hält nicht nur seine Tochter dazu an, den Leuten ihr Bestes, das heißt: das von ihnen Erwartete, zu geben, sondern treibt die Enkel zur Mitarbeit an. Schließlich ist auch ein Devotionalienshop mit Düften, Erinnerungskarten und Kerzen Teil dieses seltsamen Familienbetriebs.
Als Randfiguren treten etwa ein Veterinär auf, der sich auch um die angeschlagene Gesundheit der Mutter kümmert, ein paar Heilssuchende, die sich offenbar am Rande der Zivilisation auf kommendes Ungemach vorbereiten, sowie ein Deutscher, den die Mutter vorübergehend nicht nur in ihre Nähe, sondern auch in ihr Bett lässt. In diesem irritierenden Setting, halb Märchen und halb Psychodrama, vergeht die Zeit lange ohne sonderliche Höhepunkte, und aus der dürren Frühjahrsmutter wird eine Herbstmutter, die wie ein Hamster beginnt, sich wieder Winterspeck zuzulegen. Doch diesmal wird die Vorbereitung auf den Winterschlaf von einem Ereignis überschattet, das die Familienkonstellation neu ordnet.
Mario Petuzzi, der Wirtschaft und Management sowie Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und São Paulo studierte und mit seiner Familie in der Nähe von Innsbruck lebt, hat ein Buch vorgelegt, das über eine eigene Sprache und ein eigenwilliges Thema verfügt. Beides entwickelt er in aller Ruhe - vielleicht eine Spur zu gelassen. In Summe ergibt das ein Debüt, das einem vielleicht nicht gerade den Schlaf raubt, aber Potenzial hat, seine Leser unruhig träumen zu lassen. Dieser Unruhe steht aber eine gewisse Erleichterung gegenüber: Es gibt auch Gegenwartsliteratur, die in den Bergen spielt und in der nicht von Wölfen oder vom Klimawandel die Rede ist. Gut so!
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Mario Petuzzi: "Winterschlaf", Diogenes, 240 Seiten, 25,70 Euro)
ZÜRICH - SCHWEIZ: FOTO: APA/APA/Diogenes Verlag
