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T.C. Boyles neue Erzählungen sind gnadenlos spannend

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++ ARCHIVBILD ++ T.C. Boyle schaut auf die dunklen Seiten der Gesellschaft
©APA/APA/dpa/Axel Heimken
Auf T.C. Boyle ist Verlass. Der US-Bestseller-Autor ist inzwischen 77, aber so produktiv wie vor Jahrzehnten und mindestens so gut. Bekannt ist er vor allem für seine Romane, die er in schöner Regelmäßigkeit vorlegt, zuletzt "No Way Home" im vergangenen Jahr. Aber Boyle ist auch ein Könner auf der Kurzstrecke. Bester Beweis dafür ist "Das Ende ist nur ein Anfang", der neue Band mit Erzählungen.

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Tom Coraghessan Boyle zählt zu den wichtigsten Schriftstellern der USA und ist auch im deutschsprachigen Raum ausgesprochen beliebt. Dabei sind seine Texte das Gegenteil von Wohlfühlliteratur. In seinen Geschichten tendiert der Spaßfaktor oft gegen null, dafür hält er die Spannung hoch.

Das war bei seinem vorangegangenen Band mit Erzählungen ("I walk between the raindrops" von 2024) so und ist nun nicht anders. Altersmilde ist Boyle jedenfalls nicht geworden. Seine Stärke ist seine Gnadenlosigkeit im Umgang mit seinen Figuren. Der in Kalifornien lebende Autor schaut eher auf die dunklen Seiten der Gesellschaft, auf das, was schiefläuft und beunruhigt.

Viele Entwicklungen wie die Polarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft, Radikalisierung und Gewalt oder den Klimawandel hat er immer wieder zum Thema gemacht. Sein Roman "Blue Skies" (2023) hat den Fokus auf die tödliche Gefahr durch Extremwetterlagen gelegt. Das ist auch der Hintergrund für gleich zwei Geschichten aus dem neuen Buch.

"Kalter Sommer" erzählt davon, wie an einem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, fast zehn Zentimeter Schnee fallen, der Himmel weiß bleibt wie ein Blatt Papier und die Pflanzen in den Gärten verkümmern. Bei Melinda und ihrem Mann gibt es auch keinen Strom mehr, das Auto springt nicht an. Als Melinda mit dem Fahrrad in die Stadt fahren will, bricht sie sich bei einem Unfall das rechte Schienbein und zwei Rippen. Das ist nur der Auftakt für eine Serie beängstigender Erfahrungen, die ihr und ihrem Mann schmerzhaft klarmachen, wie schnell die Zivilisation an ihre Grenzen kommt, wenn die Natur aus dem Ruder gerät.

Auch "Was die Fotos nicht zeigten" erzählt davon. Es geht um einen Wanderausflug einer Familie in Kalifornien: Mann, Frau, Kleinkind und Hund. An einem Sonntag im August starten Pili, ihr Mann Louis mit ihrem kleinen Sohn und dem Jack-Russell-Terrier zu einer Tagestour. Aber sie kommen nicht zurück. Was mit ihnen geschah, lässt sich später durch Fotos und wegen des fehlenden Mobilfunknetzes nicht gesendete Nachrichten auf ihren Smartphones rekonstruieren.

Erst sind sie noch trotz der unerwarteten Hitze gelassen, später wird die Angst immer größer, die Hilflosigkeit, die Verzweiflung: Am Ende lässt Boyle keinen Zweifel daran, wie wenig Spielraum die Natur dem Menschen lässt, wenn sie ihre Regeln ändert. Das gilt auch für die junge Cellistin Jori, in deren Leben gerade alles so gut zu laufen scheint und die sich auf ein Konzert vorbereitet, bei dem sie in wenigen Tagen als Solistin ihren großen Auftritt haben soll.

Es ist Zufall, dass sie stehen bleibt, als sie abends auf der Straße ein Auto bemerkt mit einem Typen am Steuer, der das Fenster runterlässt und ihr winkt. Der Mann ist eine typische Boyle-Figur, voller Hass und Selbstzweifel, ein von Minderwertigkeitskomplexen zerfressener Versager. Er hat keine Freunde und einen deprimierenden Job bei einem Discount-Reifenhändler. Er will sich für sein Leben rächen, egal wie.

Die Zahl der Toten in Boyles Geschichten hat nicht abgenommen. Mal entdeckt eine junge drogenabhängige Frau ohne festen Wohnsitz die Leiche eines kleinen Kindes, will aber keinen Ärger bekommen und hält das geheim. Mal verbreitet ein Tiger in einem indischen Dorf Angst und Schrecken, der nachts immer wieder angreift und einen Dorfbewohner nach dem anderen zerfleischt.

Selbst in dem beschaulichen japanischen Dorf auf der Insel Hokkaido, das fast nur von steinalten Menschen bewohnt wird, lauern Gefahren. Seit Jahren hat es dort keine Kinder mehr gegeben, die Schule ist schon vor zwei Jahrzehnten geschlossen worden. Als plötzlich ein junges amerikanisch-japanisches Paar mit einem Buben ins Dorf zieht, sind die Bewohner irritiert. Schon bald gibt es Beschwerden über den Knaben und kurz darauf ist er verschwunden. Die verzweifelte Suche seiner Eltern nach ihm führt in ein Finale, das typisch für Boyle ist - wer eine bequeme Auflösung erwartet, wird eines Besseren belehrt.

(Von Andreas Heimann/dpa)

(S E R V I C E - T.C. Boyle: "Das Ende ist nur ein Anfang", aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Verlag Carl Hanser, 240 Seiten, 26,50 Euro)

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