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Großer, berührender Roman: "Muttersuchen" von Peter Henisch

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Peter Henisch legt ein neues Buch vor
©APA/APA/ROBERT JAEGER/ROBERT JAEGER
"Die kleine Figur meines Vaters" hieß 1975 der erste Roman von Peter Henisch. Er begründete eine große literarische Karriere. Kurz vor seinem 82. Geburtstag hat sich der italophile Wiener, der in den vergangenen Jahren seine Romane häufig in seiner zweiten Heimat, der Toskana, spielen ließ, wieder seiner Familie und seinem Aufwachsen zugewandt. "Muttersuchen" ist ein berührendes Denkmal des Sohnes für seine Mutter Rosa, einer Frau, die es nicht leicht gehabt hat.

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Die Annäherung an seinen Vater, der als gefeierter Kriegsfotograf die Gräuel der NS-Feldzüge miterlebt, mit seinen Bildern aber den gewünschten Heroismus geliefert hatte, begann Peter Henisch einst, als er von seiner Mutter angerufen wurde, "um mir zu sagen, daß mein Vater nun neuerlich und vielleicht ENDGÜLTIG ins Spital müsse". Er bat ihn zu erzählen - und machte aus dem Material von einem Dutzend Tonbändern ein Buch, das exemplarisch wurde für die Auseinandersetzung der Nachkriegsgeneration mit dem, was ihre Eltern miterlebt, teilweise sogar mitverschuldet hatten.

2007 tauchte er abermals in seine Familiengeschichte ein und widmete sich in "Eine sehr kleine Frau" seiner jüdischen Großmutter. Sein Buch "Muttersuchen" speist sich nun aus erstaunlich offenherzigen Gesprächen, die der Erzähler mit seiner Mutter geführt hat - über viele Jahre und Krisen der Ehe, die einmal bereits knapp vor der Scheidung stand (die der Bub gar nicht bedauert hätte), hinweg bis zu letzten Fragen und Antworten im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. "Seit ich an diesem Buch schreibe, höre ich ihre Stimme in meinem Kopf", lautet die Vorbemerkung. "Oder ist es umgekehrt? Schreibe ich an diesem Buch, seit ich ihre Stimme in meinem Kopf höre?"

Es ist ein sehr persönliches Buch und gleichzeitig ein allgemeingültiges. Es beginnt mit Erzählungen der Mutter über das im Waldviertel mit ihm als noch nicht Zweijährigen erlebte Kriegsende, die den späteren zeithistorischen Recherchen des Sohnes nicht ganz standhalten. Im Mittelpunkt stehen aber die Emanzipationsbemühungen der starken und selbstbewussten Frau, die sich die permanenten Seitensprünge des Mannes nicht gefallen lassen möchte. Ernüchtert muss sie feststellen, dass der Ehemann als "Haushaltsvorstand" ihr eine offizielle Arbeitserlaubnis verweigern kann. Also fälscht sie seine Unterschrift und beginnt außerdem, es dem Untreuen auf ihre Weise heimzuzahlen und sich ebenfalls Freiheiten zu nehmen: Die schöne, umschwärmte Frau beschließt, nicht alle Avancen kategorisch abzuweisen.

Was Peter Henisch in "Muttersuchen" erzählt, ist also in vieler Hinsicht ebenso selbst erlebt wie gesellschaftlich relevant. Immer wieder versucht er, seine eigene Erinnerung mit den Erzählungen der Mutter abzugleichen und Widersprüchen auf den Grund zu gehen. Und immer wieder schiebt sich die kleine Figur seines Vaters als großer Schatten ins Bild. Er bietet in seiner Ambivalenz reichlich Reibungsfläche - für die Partnerin an seiner Seite, die nicht einsieht, warum sie sich alles gefallen lassen soll, und für den Sohn, der früh erkennt, dass er in seiner Suche nach einer eigenen Position in der Welt den Vater kaum als Vorbild nehmen kann.

Peter Henisch erweist sich wieder als ein Erzähler, der nichts beschönigt. Ob er dabei sich selbst erzählerische Freiheiten herausgenommen hat oder hart an der biografischen Wahrheit geblieben ist, tut für den Leser nichts zur Sache. Was zählt, ist, dass es ein wahrhaftiges Buch geworden ist, ein packendes, ein liebevolles und ein wichtiges - wohl nicht zuletzt für den Autor selbst. Es scheint überfällig gewesen zu sein, der kleinen Figur seines Vaters die große Gestalt seiner Mutter zur Seite zu stellen. Schön, dass es dieses Buch gibt.

Am Ende tadelt die Mutter ihren Sohn: "Dein Bart wird schon grau. Lass ihn stutzen, dann wirst du ein bissel jünger aussehen. Nicht wie so ein alter Zottelbär. Ich glaub, als Kind hast du mir besser gefallen", sagt sie und glaubt, es nicht mehr lange zu machen. Was einen Vorteil habe: "Wenn wieder ein Krieg kommt, sagt meine Mutter, kann ich ja froh sein, dass ich schon tot bin."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Peter Henisch: "Muttersuchen", Residenz Verlag, 320 Seiten, 28 Euro)

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