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Ben Lerners Roman "Transkription" erobert die Bestenlisten

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Viel gelobter Roman
Die "Süddeutsche Zeitung" feiert ihn als "literarisches Phänomen" und die "New York Times" als "besten Schriftsteller seiner Generation". Die Rede ist von Ben Lerner, einem 1979 in Kansas geborenen Autor und Literaturprofessor am Brooklyn College. Die deutsche Übersetzung seines Romans "Transkription" liegt im Juni auf Platz 1 der SWR-Bestenliste und auf Platz 9 der ORF-Bestenliste. Dabei ist das schmale Buch durchaus tricky und gibt seine Qualitäten nicht auf Anhieb preis.

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Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die alle den Namen eines Hotels tragen. Im Hotel Providence an seinem ehemaligen Studienort auf Rhode Island quartiert sich der Ich-Erzähler ein, der anreist, um mit dem 90-jährigen Thomas ein letztes großes Interview zu führen. Es ist ein schillernder Geist, ein aus Deutschland stammender Polyhistor, der im Gespräch problemlos die erstaunlichsten Querverbindungen herstellen kann, altersbedingt aber mitunter den Roten Faden verliert. Vieles vom jüngst verstorbenen Alexander Kluge, mit dem er befreundet war, sei hier eingeflossen, hat der Autor den bald aufgekommenen Verdacht seiner Leserschaft bestätigt.

Der Clou ist aber nicht das liebevolle Porträt das alten, weisen Mannes, den mit dem halb so alten Interviewer seit dessen Studienzeit eine Freundschaft verbindet, sondern der Umstand, dass dem Interviewer im Hotel das Smartphone ins Waschbecken fällt, es dabei kaputt wird, er jedoch kein anderes Aufnahmegerät dabei hat. Er nimmt den Termin dennoch wahr und verschweigt, dass das Gerät nicht funktioniert. Warum bloß? Wohin das alles führen wird, ist zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.

Im Hotel Villa Real in Madrid (wo Ben Lerner ebenso studiert hat wie in Providence) trifft man den Ich-Erzähler erneut. Kurz zuvor hat er in einem Madrider Museum einen Vortrag gehalten. Jahre nach seinem Aufsehen erregenden Gespräch, das durch den bald darauf erfolgten Tod von Thomas das letzte große Interview mit ihm war, erstmals öffentlich bekannt, dass es kein Transkript, sondern eine Rekonstruktion aus dem Gedächtnis gewesen war. Das sorgt für Unmut, nicht nur bei jenen, die in ihren eigenen Arbeiten immer wieder aus dem Interview zitierten, sondern auch bei Thomas' Sohn Max.

Nach diesem kurzen Intermezzo geht es zum langen Schlusskapitel ins Hotel Arbez. Dieses liegt im Jura genau an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz, was aber keine Rolle spielt, denn es handelt sich um einen langen Dialog zwischen Max und dem Erzähler, der sich mehr als Ziehsohn denn als Schüler von Thomas empfunden hat - was die Beziehung der beiden fast gleichaltrigen Männer auch stark belastet hat, wie sich nun herausstellt.

Die beiden haben jeweils eine Tochter, um die sie sich Sorgen machen. Wie wir schon aus dem ersten Kapitel wissen, hat Eva, die Tochter des Interviewers, Angststörungen, die einen Schulbesuch nahezu verunmöglichen. Nun erfahren wir von Max' Tochter Emmie, die nicht nur Bulimie hatte, sondern lange weigerte, überhaupt etwas zu essen. Es geht also um Väter und Töchter, aber auch um Vater-Sohn-Beziehungen. Als Thomas zu Covid-Zeiten auf der Intensivstation lag, hielt Max via Smartphone seinem vermeintlich sterbenden Vater einen letzten Schlussmonolog, in dem er alles aussprach, das zuvor Tabu gewesen war. Der Vater überlebte - und der Sohn traute sich später nie nachzufragen, ob seine Botschaft angekommen war. Auf die Technik ist eben kein Verlass - ob sie funktioniert oder nicht. Für Alexander Kluge hätte dies Ausgangspunkt eines ganzen Buches sein können. Für Ben Lerner war es ein Motiv unter vielen, die er auf 150 Seiten untergebracht hat.

Liest man die überschwänglichen Kritiken von "Transkription", stolpert man mehrfach über Fehler, die den Rezensenten bei allzu flüchtiger Lektüre unterlaufen sind. Aber alle bekennen ein, das Buch motivisch nicht annähernd enträtselt zu haben. In der "Westfälischen Rundschau" wird eine zweite und dritte Lektüre des Romans empfohlen, "um in den Falten seiner Zeilen immer wieder Neues zu entdecken". Und die "FAZ" schließt angesichts sonst festgestellter Novellierungstendenzen im Literaturbetrieb mit einem Seufzer: "Danke, Suhrkamp, dass es so was noch gibt."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Ben Lerner: "Transkription", Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl, Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 24,70 Euro)

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Suhrkamp

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