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Tragik und Komik: Tamara Štajners Roman "Luft nach unten"

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Tamara Štajner legt einen Roman vor
©APA/APA/ROLAND SCHLAGER/ROLAND SCHLAGER
Das Leben ist selten eindeutig. Auch im Leben von Iva gibt es unerfüllte Träume und Wünsche. Natürlich könnte es besser sein. Mit einem Kind vielleicht. Aber wenn sie ehrlich ist und sich umschaut, könnte sie es auch viel schlechter erwischt haben. Da ist noch viel "Luft nach unten". Genauso hatte Tamara Štajner ihren Text genannt, mit dem sie 2024 in Klagenfurt den Kelag-Preis errang. Nun hat sie einen Roman daraus gemacht, mit der Musikerin Iva als Protagonistin.

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Die 1987 in Novo mesto geborene, in Krsko aufgewachsene und seit 2006 in Wien lebende Bratschistin und Autorin hat ihrer Hauptfigur manche Züge ihrer Biografie mitgegeben. Auch Iva lebt in Wien, hat an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (mdw) studiert, spielt in einem "Klangkollektiv" und hat ihre Wurzeln nicht aufgegeben. "In 'Luft nach unten' schreibe ich nah an der Realität, aber nicht aus der Realität heraus", sagt sie in einem von ihrem Verlag verbreiteten Interview. "Die Figuren entfalten sich aus Splittern unzähliger Begegnungen, sie sind von Orchester-Tourneen inspiriert, Reisen, Phantasien, Begierden."

Iva ist zerrissen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Vergangenheit liegt in ihrem Fall am Ohridsee in Nordmazedonien, wo ein Teil ihrer Familie ein mittlerweile recht heruntergekommenes Hotel betreibt. Der Besuch des Begräbnisses ihres alten Kindermädchens konfrontiert sie mit manchem gut gehüteten Familiengeheimnis, der Besuch bei ihren Eltern im slowenischen Novo mesto mit der bitteren Wahrheit, dass diese in einem erbarmungswürdigen Zustand sind und Betreuung bräuchten. Die schockierenden Szenen in einer stinkenden und vermüllten Wohnung rufen die Tochter allerdings nicht auf den Plan, sondern lassen sie Reißaus nehmen.

Erstens ist sie offenbar noch nicht bereit, Frieden zu schließen mit denen, die sie einst vertrieben haben. Zweitens hat sie genug zu tun mit den zwei großen Problemen, die ihr gegenwärtiges Leben bestimmen. Seit Jahren versucht sie, von ihrem Partner Felix schwanger zu werden - mit 40 sucht sie nun professionelle Hilfe in einem Wiener Kinderwunschzentrum. Gleichzeitig hat sie einen verheirateten Freund, Gabriel, zu dem sie sich intensiv hingezogen fühlt. Im Kontrast zwischen den grotesken Terminen in der Klinik, wo sie dem Schlappschwanz Felix bei seinem Versuch, eine Samenprobe abzugeben, beizustehen versucht, und den geheimen Treffen mit Gabriel, wo sie sich ganz ihrer Lust hingeben kann, liegt die ganze Tragik und Komik, die "Luft nach unten" durchzieht.

Nichts ist schwarz und weiß, und alles verändert sich. Das gilt für die Gefühle, die Iva ihrer Familie und ihren Geliebten entgegenbringt, aber auch für ihre Zukunftsvorstellungen. Als der erstaunliche Umstand eintritt, sie könnte von beiden Lovern gleichzeitig schwanger sein (Überschwängerung oder Superfekundation heißt das, was als Resultat zweieiige Zwillinge mit unterschiedlichen Vätern hervorbringen kann, erfährt sie), möchte sie die - noch gar nicht bestätigte Schwangerschaft - abbrechen.

Als die zehnjährige Karmela, die von ihrer offenbar als Nobelprostituierte in Schweden arbeitenden Mutter bei der Oma in Ohrid zurückgelassen wurde, Iva unbedingt in Wien besuchen möchte, kümmert sie sich um sie, lässt auf der mdw ihre vielversprechende Stimme beurteilen und stellt fest, dass sich der lasche Felix als fürsorglicher (Zieh-)Vater entpuppen könnte.

Das ist am Ende fast beruhigend, denn Männer haben ansonsten in diesem Roman, in dem Frauen alle mögliche Rollen spielen, sie bewältigen, aber auch an ihnen scheitern, nur Nebenrollen. Der weiblichen Energie haben sie kaum etwas entgegenzusetzen. Die muss sich bei lauter Überdruck aber manchmal ein Ventil suchen. Und so hat Tamara Štajner zwischen die Chat-Konversationen Ivas mit ihren Männern, die immer wieder in den Erzähltext eingestreut sind, auch manche Schimpftirade eingebaut. Wenn sich die Wut auf die Männer einmal entlädt, dann gibt es kein Halten mehr. "Ich mag es, wenn Leser:innen Spaß beim Lesen haben", sagt die Autorin. "Auch wenn es fünf Seiten später schmerzt und kracht. Ich gehe gern in Extreme."

"Für Töchter und ihre Mütter" lautet die Widmung des Buches, und seine Botschaft könnte lauten: An beiden Rollen kann man scheitern. Aber man sollte sich dabei an Beckett halten: "Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(Tamara Štajner: "Luft nach unten", Zsolnay Verlag, 336 Seiten, 25,70 Euro, Buchpräsentation am 15.9., 19 Uhr, im Literaturhaus Wien)

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