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Hervorgegangen ist das Bandprojekt aus einer Theaterperformance, aufgeführt in Weimar 2024 und benannt nach dem Buch "The Weird and The Eerie" (Das Seltsame und das Unheimliche) des Kulturwissenschafters Mark Fisher. Neben Spechtl waren der österreichische Dramatiker Thomas Köck, die Impro- und Jazzschlagzeugerin Katharina Ernst und die Saxofonistin und Keyboarderin Annea Lounatvori Teil der Aufführung. Sie bilden nun auch die frisch aus der Taufe gehobene Musiktruppe. Im Zentrum standen damals live geführte Dialoge der vier mit ihren digitalen Doppelgängern, die zuvor mit eigenen Erinnerungen an die 90er-Jahre gefüttert worden waren.
"Irgendwann war uns klar, dass das auch musikalisch ganz gut funktionieren kann. Das Album ist gewissermaßen die Tonspur zur Performance", erklärt Spechtl. Im Grunde kreisen die zehn Stücke um eine Gegenwart, in der durch Algorithmen ständig digitale Abziehbilder von uns erstellt und rückgespiegelt werden. "Die Lieder sind aus einer Perspektive gesungen und getextet, wo nicht mehr klar ist, wo das Ich aufhört und der Doppelgänger anfängt", erklärt Spechtl. "Avatare sind die extreme Form, aber ich glaube, dass auf all diesen Plattformen, die wir nutzen - bei Insta-Profilen zum Beispiel - etwas sehr Ähnliches passiert. Was bedeutet das, wenn man ständig mit so einer Version von sich selbst konfrontiert oder im Austausch ist?"
Die Band macht die Probe aufs Exempel. Spechtl und Ernst - die Schlagzeugerin singt ebenfalls - treten konsequenterweise mit dem KI-generierten Nachbau ihrer eigenen Stimme ins Duett bzw. schichten sie zu polyphonen Mantras auf. Wobei ihn dabei nie der technische Wow-Effekt interessiert habe, meint der Musiker. "Alle Kunst, die sich nur auf das Herzeigen von Technik beschränkt, ist so schnell alt. Es muss auf einer anderen Ebene funktionieren." Und was ihm ganz wichtig sei: "Das ist keine KI-Musik, sondern alles handgemacht", betont das Weird & Eerie-Mastermind: "Aber sie atmet diese Kultur, 24/7 getrackt und gespiegelt zu werden." Eine der feinen Pointen ist etwa, wenn Spechtls Avatar in einem Track die titelgebende Zeile "Be as human as possible" singt. Eine weitere ist das Plattencover, in dem das KI-verfremdete Quartett um ein Lagerfeuer (Folk) sitzt, das allerdings statt orange-warmem ein bläulich-kaltes Licht (www) abstrahlt.
Die Stücke selbst sind mehr verspielte Klanggebäude denn klassische Songs. Melodien sind schwer auszumachen, den Ohrwurmfaktor sucht man überhaupt vergeblich. "Es ging mir darum, Chants zu machen und rund um stehende Töne zu singen. So arbeite ich normalerweise überhaupt nicht. Aber es war interessant zu lernen, wie viel man da mit Stimmenharmonien machen kann, wenn darunter nur so eine Art Grundton liegt."
Musikalisch treffen hier gebrochene Beats, teils fast sphärische Soundschichten und Poprudimente aufeinander. Treibende Kraft des Projekts war neben Spechtl auch Ernst - ein Aufeinanderprallen "zweier völlig verschiedener Zugänge und musikalischen Welten", wie es der Künstler beschreibt. Hier völlig losgelöste Polyrhythmen - "Es gibt auf der Platte keinen einzigen Viervierteltakt" -, da der Versuch, durch eine Gitarren- oder Gesangslinie dem Ganzen doch noch eine Art Liedcharakter zu verpassen. "Das Lustige ist: Katharina sagt, sie hat noch nie so eine zugängliche, poppige Platte gemacht, und ich sage, ich habe noch nie so eine freie, experimentelle Platte gemacht", lacht Spechtl.
Der Ja, Panik-Frontmann lebt seit drei Jahren in Argentinien. Seine vorherige Wahlheimat Berlin hat der gebürtige Burgenländer aber noch nicht ganz aufgegeben. In seinem dortigen Studio haben sich die vier Neo-Bandkolleginnen und -kollegen dann auch auf zwei Zwei-Wochen-Sessions getroffen, um "Folksongs from the www" aufzunehmen. "Es ist sehr vieles aus der Improvisation heraus entstanden. Das wurde im Nachhinein dann in Form gebracht", erzählt Spechtl. Verzerrte Instrumente, verfremdete Samples aus eigenen Jams oder Geräuschschnipsel durchziehen das Ergebnis.
Als "wohl poppigsten Song" bezeichnet der Sänger "windows95". Die Nummer ist zugleich eine Art Kristallisationspunkt beim Nachdenken über die digitale Welt. "'Windows 95' und das 'alte Internet', mit dem ich aufgewachsen bin, standen für ein Versprechen, eine Utopie, dass die Welt durchlässiger wird, eine Zukunft, die mir offener, dezentraler erschien", erinnert sich Spechtl, Jahrgang 1984. Es beschäftige ihn, was daraus geworden sei. Die Techfirmen und Plattformen von heute seien "der ultimative Verstärker von Hass und des Reaktionären". "All diese Werkzeuge werden grad von denen benutzt, gegen die man groß geworden ist. Das erschreckt mich total." Wobei er keinesfalls in einen Kulturpessimismus - "in so ein Adorno-Ding" - fallen will, er suche und glaube weiter an das Utopische im technischen Fortschritt. "Ich finde, es lohnt sich, darum zu kämpfen." Und ein Zurück gebe es sowieso nicht mehr.
Jammern bringe nichts - auch nicht in Bezug auf KI-generierte Kunst bzw. Musik. "Vielleicht brauchen wir das auch. Denn anscheinend machen wir gerade Dinge, die leicht reproduzierbar sind. Vielleicht sollten wir uns wieder ein bisschen mehr anstrengen, um nicht so leicht durchschaubar zu sein", schmunzelt Spechtl. Mit Weird & Eerie scheint der Weg dahin schon einmal eingeschlagen - und beim Debüt wird es nicht bleiben. "Ich glaube, da wird's noch mehr geben", kündigt Spechtl an. Und wie schaut es mit seiner Stammtruppe Ja, Panik aus? Da muss der Bandleader nicht lange überlegen: "Ja, Panik wird es immer geben. Da mach' ich mir keine Sorgen."
(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Weird & Eerie/Markus S Fiedler/Markus S Fiedler





