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Veronica Kaup-Hasler: „Milo Rau setzt auf Provokation durch Umarmung“

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Veronica Kaup-Hasler©Matt Observe

Nach heftiger Kritik auch vonseiten der Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zog Intendant Milo Rau die Einladung an den rechten Ideologen und Tech-Milliardär Peter Thiel zu den Wiener Festwochen zurück. Ein Gespräch mit der Kulturpolitikerin über die Zukunft des Festivals, Willkürvorwürfe und fatale Sparmaßnahmen, die auch das Theater an der Wien bedrohen.

Frau Kaup-Hasler, was hat es mit den 45,7 Millionen auf sich, um die Wiens Kulturbudget gekürzt werden soll?

Viele Zahlen schwirren zurzeit im Raum. Wir stehen erst am Beginn der Budgetverhandlungen. Aber diese Zahl ist für mich nicht der relevante Punkt, weil ich einen Schatz verteidigen muss, nämlich eine vielfältige Kulturlandschaft. In den acht Jahren meiner Amtszeit ist das Budget um rund 58 Prozent gestiegen – vor diesem Hintergrund agieren wir.

Dadurch konnte ich dem Auftrag des Bürgermeisters nachkommen, nämlich Kultur in die Bezirke zu tragen und leistbare Kultur zu ermöglichen. Das kann man jetzt in der Kinderkultur sehen: In diesem Bereich unterstützen wir beispielsweise viele Kindertheaterproduktionen, die durch die Außenbezirke touren. Das Kulturbudget beträgt 1,6 Prozent des städtischen Haushalts. Wir leisten unseren Beitrag schon seit Jahren, versuchen, Synergien herzustellen, und haben einen gemeinsamen Kostümfundus für die freie Szene geschaffen, um nur ein Beispiel zu nennen.

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Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler im News-Interview.

 © Matt Observe

Aber die Zerstörung ist voll im Gange. Das Theater an der Wien, Opernhaus des Jahres, muss seine Produktionen reduzieren. Die Kammeroper, in der exzellente Aufführungen zu sehen waren, zeigt ihre letzte Produktion. Stattdessen wird eine Musicalhalle im Prater gebaut. Es gibt aber bereits zwei Bühnen, die mit Musicals verplant sind. Wo soll das hinführen?

Um das einzuordnen: Das angesprochene Musicalhaus im Prater ist eine rein privatwirtschaftliche Unternehmung eines Musical-Tycoons, der keinen Cent von der öffentlichen Hand bekommt. Ein privates Geschäftsmodell. Die anderen Musicalhäuser verantwortet die Wien Holding.

Der Auftrag an den Geschäftsführer war klar, nämlich die Oper zu schützen. An erster Stelle steht da das Haupthaus, das die Stadt auf höchstem Niveau grundsaniert hat. Die Kammeroper ist ein von der Stadt geförderter Verein. Nach den derzeitigen Krisenjahren soll der Betrieb aber wieder aufgenommen werden.

Wann wird das sein?

Ich wäre froh, wenn ich das Budget jetzt gleichhalten könnte, aber das Ende des Tunnels sehe ich noch nicht. Meinen Fokus lege ich auf den Schutz sehr fragilen Terrains. Es geht um Arbeitsplätze, um Vielfalt.

Geschieht nicht gerade das Gegen teil? Ein Beispiel dafür ist die Ernennung von Sara Ostertag* als Leiterin des Schauspielhauses. Sie führt bereits ein Haus in der Gumpendorfer Straße. Die Branche nennt Ihre Entscheidung einen Akt der Willkür. Was entgegnen Sie da?

Was mich eher erschreckt hat, war die Reaktion von Leuten, nämlich mit unglaublichem Hass, unter anderem auf Social Media. Aber zur Ernennung: Sara Ostertag hat alle Kriterien der Ausschreibung erfüllt und ihr Konzept geht darüber hinaus. Das war ein Ausschreibungsprozess wie jeder andere. Man kann da nicht von Willkür sprechen.

Ich verfolge Saras Arbeit seit Langem und finde sie toll. Sie machte auch die Dramaturgie bei Florentina Holzingers Per formance in Venedig. Ostertag ist unum stritten eine großartige Theaterfrau. Sie wird den Fokus auf zeitgenössische Dra matik legen, in der Tradition des Hauses als Autor:innentheater. Übrigens: In den Feuilletons ist immer von Uraufführung die Rede, aber es gibt auch gute Stücke aus den letzten 30 Jahren, die man eben falls wieder aufführen sollte.

Sie sagten doch selbst, dass die Zusammenlegung dieser beiden Theater Infrastruktur einsparen würde. Geht das nicht auf Kosten von Arbeitsplätzen?

Das ist falsch. Einsparungen von Arbeitsplätzen sind nicht der Auftrag. Die beiden Häuser sollen als alliierte Theater bestehen bleiben. Das TEATA bleibt der freien Szene für Projekte und Mehrsprachigkeit, im Schauspielhaus, dem Ensembletheater, soll die Dramatik im Zentrum stehen. Amir Gudarzi, dessen Stücke Ostertag bereits inszeniert hat, ist auch in ihrem Leitungsteam. Das heißt, hier geht es um Kontinuitäten und nicht um Wegrationalisieren von Menschen.

Ich bin froh, wenn ich unverhältnismäßige Beträge abwenden kann, damit wir nicht Dimensionen beim Sparen erreichen, die einer Zerstörung gleichkommen

Veronica Kaup-Hasler

Heißt das, alle Jobs in den beiden Häusern bleiben erhalten?

Die Posten werden bleiben. Einige Synergien werden sich ergeben, wie etwa bei Marketingmaßnahmen. Aber an und für sich sind das zwei Spielstätten.

Es geht den Theatern um Planungssicherheit. Sie wissen nicht, wie viel sie einsparen sollen. Das Theater Rabenhof kann preisgekrönte Produktionen wie „Luziwuzi“ künftig nicht mehr machen.

Ich bin froh, wenn ich unverhältnismäßige Beträge abwenden kann, damit wir nicht Dimensionen beim Sparen erreichen, die einer Zerstörung gleichkommen. Daher sage ich immer, produziert weniger und spielt es länger.

Warum müssen die Festwochen nicht sparen?

Die Festwochen wurden wie viele andere Institutionen und Bühnen ebenfalls nicht gekürzt, sondern müssen mit gleichbleibenden Förderungen arbeiten. Außerdem habe ich hier etwas nachgeholt, nämlich die Festwochen auf ein angemessenes Förderniveau gehoben, damit die Stadt nicht den kulturellen Auftrag verunmöglicht, große Produktionen im Sprechtheater und in der Oper neben vielem anderen auch zu präsentieren. Ich möchte, dass neues Musiktheater wie beispielsweise die Oper „Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek hier gezeigt werden kann.

Ihr Partner Claus Philipp arbeitet immer wieder für die Festwochen. Manche meinen, die hätten dadurch einen Vorteil, wenn es um die Finanzierung geht.

Blanker Unsinn. Claus Philipp ist freier Dramaturg, der projektbezogen in Film und Theater engagiert wird. Er ist in kein einziges Projekt der jetzigen Festwochen involviert. Aber ich gehe mit solchen Gerüchten gelassen um, man muss nur genau hinsehen und merkt sofort, was daran wahr ist.

Sie kritisierten die Einladung von Peter Thiel zu den Wiener Festwochen. Milo Rau sagte die Veranstaltung ab. Auch wegen Ihrer Kritik?

Das wäre mir neu. Die Einladung von Peter Thiel zu den diesjährigen Festwochen hat aus sehr unterschiedlichen Richtungen Kritik ausgelöst – nicht zuletzt auch von der Künstler:innenschaft selbst. Ja, auch ich habe meine Bedenken formuliert.

Aber die Entscheidung lag selbstverständlich bei den Festwochen. Dass jemand eine Entscheidung nach öffentlicher Debatte überprüft und, wenn die Kritik für berechtigt erachtet wird, auch revidiert, ist keine Schwäche. Mit dieser Entscheidung haben die Festwochen durchaus Reflexionsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein bewiesen.

Thiel ist nicht der erste, den Milo Rau auslädt. Der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis durfte nicht kommen, weil sich seine ukrainische Kollegin Oksana Lyniv weigerte, im selben Festival aufzutreten wie er. Schaden solche Vorkommnisse den Festwochen?

Die Wiener Festwochen verstehen sich als Kunstfestival, das Auseinandersetzung mit den brennenden Themen unserer Zeit nicht scheut. Milo Rau setzt dabei nicht auf die sichere Bank, sondern will Herausforderungen und gegensätzliche Positionen konfrontieren – ein legitimer Anspruch.

Und zugleich ist die Idee, Menschen ins Gespräch zu bringen etwas sehr Wichtiges. Provokation durch Umarmung sozusagen. Dass das auch Anlass zu Debatte sein kann, zeigt sich gerade am genannten Beispiel, denn viele Stimmen haben diese Konzeption, die hinter der Einladung an Currentzis und Lyniv stand, gelobt und die Trennung von diesem Programmpunkt sehr bedauert.

Mit seinen umstrittenen Gästen Yanis Varoufakis*, Annie Ernaux, Omri Boehm und jetzt Peter Thiel* brachte und bringt Milo Rau die Festwochen vor allem außerkünstlerisch ins Gespräch. Sie selbst sagten, dass Sie froh wären, wenn mehr über künstlerische Produktionen gesprochen würde. Milo Raus Vertrag ist auf fünf Jahre angesetzt, soll er so lange bleiben?

Zwischen diesen Einladungen muss sehr genau differenziert werden. Es ist unseriös, die genannten Personen in eine Reihe zu stellen – zusätzlich wurden sie für verschiedene Aufgaben und in verschiedene Settings und mit unterschiedlichen Rollen eingeladen. Diese Thematik hat mit der Frage der Vertragsverlängerung zunächst einmal nichts zu tun.

Milo Rau ist als Intendant angetreten, Debatten anzustoßen und große Theater- und Musiktheaterproduktionen nach Wien zu bringen, durch Einladungen, Ko- und Eigenproduktionen. Ich habe wunderbare Vorstellungen gesehen, die diese internationale Strahlkraft bestätigen. Die Auslastung ist hervorragend, die internationale Aufmerksamkeit reicht bis nach New York. Milo Rau hat es definitiv geschafft, die Festwochen wieder in der Stadt und international zu verankern.

Wenn ja, wie groß sind seine Chancen, dass sein Vertrag verlängert wird, soll er sich wieder bewerben?

So wie ich mich zwar, um Ihre Frage von oben aufzugreifen, persönlich äußere, aber keine Entscheidungen diktiere, so kann ich weder Milo Rau noch anderen Interessierten verordnen, sich zu bewerben. Das bleibt eine persönliche Entscheidung. Aber – und darauf scheint mir die Frage abzuzielen: Milo Rau hat nach wie vor mein Vertrauen. Und jetzt freue ich mich auf den zweiten Teil der diesjährigen Festwochen mit außerordentlichen internationalen Produktionen.

Was sagen Sie jenen, die meinen, Sie würden mehr wie eine Intendantin agieren und weniger als Kulturpolitikerin?

Gott sei Dank bekomme ich so viel positiven Zuspruch, dass ich als Expertin die Sorgen der Kulturbranche teile und mittrage.

Dimitré Dinev* sagt, er hätte ohne Stipendien nie seinen großen Roman schreiben können. Was ist mit der Streichung der Literaturstipendien?

Es gab keine Kürzung der Literaturstipendien. Und die Arbeitsstipendien sind eine Corona-Maßnahme, die wir verstetigen konnten. Jetzt sind die Institutionen wieder angelaufen, daher hat eine Evaluierung und Neuaufstellung stattgefunden, sodass sie nun dem Bedarf je nach Sparte angepasst werden können.

Wie verhalten sich die 776.167 Euro für das Kippen des Lueger-Denkmals zu dem Sparkurs? Warum schiebt man das nicht auf?

Das wurde begonnen, als wir noch mehr Geld hatten. Diesen breit angelegten Partizipationsprozess jetzt abzudrehen, wäre falsch, er zeigt, wie die Stadt mit umstrittenen Denkmälern umgeht, und betont Erinnerung, Aufklärung und kritische Auseinandersetzung im öffentlichen Raum. Das nun entstandene Mahnmal wurde mit dem Projekt „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ um 3,5° nach rechts geneigt und damit in einen Lern‑ und Erinnerungsort gegen Antisemitismus, Rassismus und politischen Populismus verwandelt.

Paulus Manker will zum Jubiläum 30 Jahre „Alma“ seine Erfolgsproduktion in Schloss Neugebäude in Simmering zeigen. Wäre es nicht im Interesse der Stadt, diese legendäre Produktion, die um die Welt ging, zu unterstützen?

Eine kulturelle Nutzung des Schloss Neugebäudes wäre wünschenswert! Wir haben es diese Saison übrigens auch mit den vorhin angesprochenen Kindertheaterproduktionen, dem Jungen Theater Wien, bespielt.

Wie blicken Sie in diesen beklemmenden Zeiten den kommenden Jahren entgegen?

Ich bin zur Depression nicht begabt, sondern eine notorische Optimistin, weil ich anders nicht leben und arbeiten könnte.

© Veronica Kaup-Hasler

Steckbrief

Veronica Kaup-Hasler

Veronica Kaup-Hasler wurde 1968 als Tochter einer deutschen Sängerin und des österreichischen Schauspielers Ferdinand Kaup in Dresden geboren. Sie arbeitete für die Wiener Festwochen, leitete in Deutschland das Festival Theaterformen und übernahm 2006 das Avantgarde-Festival steirischer Herbst, das sie bis 2017 leitet. Seit 2018 ist Kaup-Hasler Kulturstadträtin in Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.

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