Vorgegebenes schafft die Ausgangslage des intuitiven Collagierens von John Petschinger. Durch malerische Intervention gehe es darum, das zunächst Nicht-Nachvollziehbare nachvollziehbar zu machen. Ein Oszillieren zwischen Digitalem und Analogem, das eines schafft: Akzeptanz.
Video: Atelierbesuch bei John Petschinger
© VGN | Osama Rasheed
„Ganz ehrlich“, setzt John Petschinger zum Verlassen ausgetretener Pfade an. Den über Generationen kultivierten Habitus Kunstschaffender legt und lehnt er ab. Und geht dabei noch einen Schritt weiter: „Eigentlich widerstrebt mir die Bezeichnung ‚Künstler‘ sogar ein wenig.“ Wie ein Stempel würde sie an einem haften. Ähnlich verhält es sich für ihn mit dem Wort „Kunstwerk“: „Jeder redet immer von Kunstwerken oder ‚art works‘ – braucht es die Kunst vorangestellt?“, fragt der 32-Jährige. Geht es nach ihm, tut es das nicht. Seine Antwort ist eine klare: „Ich male Bilder und habe darin eine Sprache gefunden, die mir dabei hilft, meinem Innersten Ausdruck zu verleihen. Kunst ist Arbeit. Eine, die ich glücklicherweise gerne mache.“
Dass dem tatsächlich so ist, zeigt seine Routine: „Morgens gehe ich ins Atelier und abends heim.“ Striktes 9-to-5 gibt es dabei keines. Überstunden werden ebenso wie Wochenendschichten hingegen gerne in Kauf genommen. Denn Petschingers Schaffen ist getrieben von persönlichem Befinden. Letzteres ist Motor seiner Malerei: „Wann immer ich male, fühle ich mich gut. Beziehungsweise male ich auch nur dann, wenn ich mich gut fühle.“ Das sei quasi die Voraussetzung seines Schaffens. „Meine Bilder entstehen also ausschließlich in den Hochphasen meines Lebens.“
Wahrscheinlich ist genau das der Schlüssel zur Lebendigkeit, die seine Arbeiten versprühen. Farbexpressive Bilder von monumentaler Größe dominieren die hohen Wände des Altbaus im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Seit rund einem halben Jahr ist die lichtdurchflutete Wohnung in einem ruhig gelegenen Gründerzeithaus neuer Zweitwohnsitz und Stadtatelier. Richtig angekommen, ist er noch nicht. Ob sich das jemals ändern wird, bleibt fraglich. Denn Petschingers Wurzeln führen etwa 125 Kilometer Richtung Süden. Ebenso die seiner Kunst.
Von der Leinwand vor die Leinwand
Nach wie vor ist die Kurgemeinde Bad Tatzmannsdorf Lebensmittelpunkt und Epizentrum seines künstlerischen Schaffens. Eingebettet in die pittoreske Hügellandschaft des Südburgenlands, befindet sich sein Atelier im ehemaligen Gastraum des großelterlichen Wirtshauses. Die große Fensterfront schafft einen unmittelbaren Naturbezug. „Der Baumbestand ist über 100 Jahre alt“, zeigt er auf dem Smartphone Bilder vom Waldblick aus seinem Atelier. Macht es im Resultat einen Unterschied, an welchem Ort er arbeitet? „Ich denke schon“, wirkt er beinahe fragend. Mit einem überzeugten „doch“ relativiert er anfängliches Zögern: „In Wien hat sich meine Kunst während der letzten zwei Jahre definitiv in eine andere Richtung entwickelt.“ Schließlich sind seine Bilder Ergebnis eines intrinsisch-intuitiven Prozesses – eine Reflexion von Gegenwärtigem. „Mein Alltag und die Menschen, die ihn formen und mich umgeben, haben unmittelbaren Einfluss auf meine Arbeit. Heute mehr denn je“, verweist er auf seine aktuelle Werkgruppe, in der Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle einnimmt. Doch dazu später mehr.
Der Ausgangspunkt seines künstlerischen Werdegangs liegt indes weit zurück. Der Weg? Ein unkonventioneller: Als Kinderschauspieler wirkt Petschinger in Filmen mit und spielt am Theater. Bereits im Alter von sechs Jahren wird er so für die Künste sensibilisiert. Er bemerkt, dass ihm etwas innewohnt, das nach draußen drängt. Die Kunst – zunächst die darstellende – ermöglicht ihm, diesem inneren Drang nachzugehen. Seine künstlerische Ausdrucksform verändert sich schließlich, als ihn Filmengagements und Werbeaufträge immer wieder nach Wien führen. In den Gassen der Stadt sind es Graffiti-Tags, die ihn begeistern. Inspiriert von diesen stilisierten Signaturen der Streetart-Künstler, wechselt er schließlich von der Leinwand vor die Leinwand.
Ausstellungsansicht
© Studio John PetschingerVon ersten Gehversuchen
Wobei Leinwand nicht ganz zutrifft: Im Atelier des Großvaters, einem gelernten Fleischhauer und passionierten Landschaftsmaler, findet Petschinger damals alles, was er für erste Gehversuch in der bildenden Kunst benötigt. „Mein Opa hatte einen Ort geschaffen, der unserer gesamten Familie, die unter einem Dach wohnte, offen stand“, erinnert sich der Künstler. „Um einen Ausgleich zum Alltag zu finden – seine Malerei hat ihm geholfen, aus dem Hamsterrad auszubrechen.“ Die vorrätigen Leinwände brachten Petschinger jedoch rasch an seine Grenzen: Sie waren schlicht zu klein. „Ich habe relativ früh bemerkt, dass ich in meiner Malerei Platz benötige, um meinen Emotionen Ausdruck verleihen zu können“, begründet er seine bis dato ungebrochene Liebe für Großformate. Blechreklametafeln des Wirtshauses der Großeltern mit über zwei Meter Länge dienen als erste Bildträger und werden Ausgangspunkt seiner Collagen. Kleinere Formate kosten nach wie vor Überwindung: „Es fällt mir einfach verdammt schwer, meine Emotionen dermaßen zu bündeln – aber du musst dich eben challengen, um weiterzukommen.“
Die künstlerische Genese Petschingers – der ursprünglich eine Tourismuslehre absolvierte und dreimal auf einem Kreuzfahrtschiff die Welt umkreiste, um sich seinen Traum von der Kunst finanziell zu ermöglichen – ist seit jeher eine autodidaktische. Eine akademische Ausbildung wäre heute zwar denkbarer als noch vor einigen Jahren, ist aber nicht Gegenstand konkreter Überlegungen: „Die technische Erweiterung wäre wohl eine schnellere als im Selbststudium“, hält Petschinger, der mit seinen Arbeiten längst am Markt reüssiert, fest. Er bleibt sich aber weiterhin treu: Seine Arbeit ist ein stetes Experiment. Ein permanentes Herantasten. Ein Ausprobieren und Scheitern. Er folgt seiner Intuition, die er über die Jahre um Erfahrung erweitert. „Ich habe in meinem Werk nie gewusst, was ich da eigentlich mache – aber immer, wohin ich wollte."
Im Hintergrund der monochromen, gestischen „Colour Panels“ schaffen externe Inhalte, etwa Texte aus Magazinen, eine zusätzliche Bildebene – den Vordergrund dominiert die für Petschinger typische Blume.
© Studio John PetschingerVielen Dank für die Blume(n)
Um in der Malerei einen Sinn zu finden, sucht er früh nach einer Symbolik, die ihm als persönlicher Anker dient. Fündig wird er, als seine Kunst noch im öffentlichen Raum stattfindet: „Inspiriert von den Graffiti-Tags in Wien, habe ich früh nach etwas gesucht, das für mich, meine Arbeit und meinen Ausdruck steht“, erinnert er sich schmunzelnd an Jugendtage. Damals „taggte“ er Blumen. Ein Motiv, das im Leben Petschingers immer schon omnipräsent war. „Meine Mutter ist Floristin“, holt er aus. „Wenn du in Straßen taggst, musst du vor allem eines: schnell sein. Ein Kreis, fünf bis sechs Blüten drum herum. Fertig.“
Als seine Arbeit zusehends malerischer wird und sich aus dem öffentlichen Raum – in den er im Sommer mit einem „Kunst am Bau“-Projekt, realisiert mit den Wiener Architekten Pichler & Traupmann, zurückkehrt – zurückzieht, hilft ihm das Symbol seiner Kindheit, sich die Malerei zu erschließen. „Die Malerei hat sich für mich zunächst nicht richtig angefühlt – sie war etwas völlig Abstraktes“, erzählt er. Mit dem Aufgreifen seines vertrauten Motivs schöpft er schließlich Vertrauen in sich und sein Tun. Ohne jeglicher ikonografischer Absicht wird die Blume, die in ihrer plakativen Ästhetik Comic-Haftes aufweist, unbeabsichtigt zum Leitmotiv. „Der Anfang einer Hass-Liebe“, lacht Petschinger. Denn Rezipierende beginnen bloß noch das Offensichtliche zu sehen. Sie streuen ihm Blumen für die Blumen: „Die Öffentlichkeit hat begonnen, mich als ‚Blumenmaler‘ – der ich nie war und nie sein wollte – wahrzunehmen. In meiner Arbeit geht es um Emotionen, nicht um irgendeinen reißerischen Blickfang.“
Ausstellungsansicht
© Studio John PetschingerKünstlerisches Dreibein
Doch Petschinger beginnt, die Blume, der er bis dato keine Symbolkraft zuschreibt, für sich zu nutzen. Sie wird zum Objekt der Auseinandersetzung – mit sich selbst, aber auch mit Betrachtenden. „Ich erinnere mich noch gut, als Leute gemeint hätten, die Blume wäre meine Signatur – das habe ich immer abgestritten, um später in einem der Blütenblätter zu signieren.“ Erste Bilder ohne sein markantes Motiv zeigt er schließlich im Rahmen seiner Ausstellung in der Landesgalerie Burgenland. Wobei die Blume nie ganz verschwunden ist: Neben der Verso-Signatur erklärt der Künstler auf der Bildrückseite das Weglassen seines „Leitmotivs“.
Eine vollständige Tabula rasa? Undenkbar. Die Blume begründet – neben der Malerei und den externen Bildwelten – seit Anbeginn eine der drei fundamentalen Säulen Petschingers hybrider Collagen. In seinen aktuellen Arbeiten bedarf es Vorkenntnis oder eines zweiten, genauen Blicks, um Florales zu erkennen: Der Künstler fragmentiert und abstrahiert, sodass die Blume bloß noch in angedeuteten Rudimenten zu erahnen ist. Weit präsenter sind indes die externen Bildwelten. In vorherigen Werkgruppen ausschließlich selbst fotografiert, sind die vermeintlichen Fotografien seit etwa drei Jahren teils Ergebnisse Künstlicher Intelligenz – die oftmals in Resonanz mit eigenem Bildmaterial treten.
In Petschingers jüngster Werkgruppe treffen KI-generierte Bilder auf eigene Fotografien. Eine Ausgangssituation, auf die später im malerischen Prozess reagiert wird.
© Studio John PetschingerZwischen Analogem und Algorithmus
Petschinger benötigt in seinem intuitiven Prozess – in dem eine Arbeit die nächste bedingt – Bezugspunkte, die eine Ausgangslage schaffen. Seine Kunst ist somit stetes Reagieren. „Das Schwierigste dabei ist das Starten – da hilft es, wenn manche Entscheidungen bereits im Außen getroffen worden sind.“ Waren es anfangs Reklametafeln, auf die er reagierte, sind es in seinen gestisch-farbexpressiven „Colour Panels“ Magazinseiten mit Texten, die eine Richtung vorgeben. „Wenn eine Magazinseite etwa Rot ist, ist diese Entscheidung getroffen.“ Die Wahl der entsprechenden Seite sei letztlich keine Entscheidung, sondern Intuition: „Farbigkeit folgt bei mir nie irgendeiner Ikonografie“, so der Künstler. „Das ist ähnlich wie beim Kochen: Du greifst immer wieder auf deine Gewürze zurück – in der Malerei eben auf deine Palette.“
Außerdem müsse der jeweilige Ausgangspunkt nicht nachvollziehbar sein: „Vielmehr geht es darum, ihn einfach als solchen zu akzeptieren.“ Gerade das mache die Arbeit erst spannend. „Bei KI-generiertem Bildmaterial – für das ich die KI als eine Art Notizbuch verwende, das ich mit meinen Gedanken zu Gesehenem, Empfundenem, Erlebtem und mit Schnappschüssen aus meiner Umgebung speise – verwende ich deshalb meist den Erstentwurf, auf den ich später reagiere. Wenn ich das vor mir nicht verstehe, ist die ideale Voraussetzung für meine Malerei gegeben.“ Es gehe darum, das Nicht-Akzeptierte zu akzeptieren und ebendieses Nicht-Nachvollziehbare durch malerische Intervention nachvollziehbar zu machen. „Die Malerei ist jener Schritt, in dem ich das Ruder rumreiße – wo ich etwas schaffe, das sich für mich richtig anfühlt. Etwas, wo für mich Akzeptanz entsteht.“
Wie lange er malerisch auf zuvor gesetzte Schritte reagiert? „Bis der nächste nicht imstande wäre, ein weiteres Gefühl zu erwecken oder eine weitere Frage aufzuwerfen.“ Schließlich müsse eine Arbeit spannend bleiben. „Da darfst da keinesfalls zu viel vorgeben.“ Das Werk müsse als reflexive Projektionsfläche für subjektiv Erlebtes offenbleiben. „Der letzte Schritt erfolgt letztlich in den Köpfen der Betrachtenden.“ Ist dieser Zustand erreicht, wird die Arbeit mit Epoxidharz versiegelt und deren Fertigstellung besiegelt. Denn ist das Harz erstmals aufgebracht, ist keine Intervention mehr möglich. Dann heißt es: Rien ne vas plus.
KUNSTTIPP
Näheres zu John Petschingers Arbeiten sowie Infos zu Projektenund Ausstellungen finden Sie unter www.john.art sowie auf Instagram.
