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Selbstwertprobleme: Wenn Feedback zur Herausforderung wird

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Moritz leidet unter Evas Hang zu Unterstellungen: Schon bei der geringsten Meinungsäußerung kommt es bei ihr zu emotionalen Ausbrüchen und Selbstzweifeln. Er zögert bereits mit jedem Feedback, das die Harmonie gefährden könnte.

Viele Paare können sich am Beginn ihrer Beziehung alles, wirklich alles sagen. Mit Leichtigkeit. Leider verglühen diese Fähigkeiten manchmal schon nach dem ersten Glückshormonrausch, also nach etwa sechs Monaten. Ab da wird in Partnerschaften meist stillschweigend vorausgesetzt, dass man gegenseitig gleichsam die Gebrauchsanleitung zu ihm oder ihr kennt. Dabei fällt nach der sogenannten „Honeymoon Phase“ der Liebe nur der Weichzeichner weg. Hier sind die wiederkehrenden Beziehungsfallen:

1. Offenheitsfalle

Während es zu Beginn der Liebe einfach erschien, hemmungslos Gefühle zu offenbaren, kann dies später geradezu schwierig und bedrohlich erscheinen. Zum Beispiel, als Moritz bei einem Theaterbesuch äußert, dass er einen Außenplatz bevorzugen würde. Sofort deutet Eva das als versteckten Hinweis, dass ihm die Loge zu teuer ist. Sie fühlt sich abgewertet, weint und behauptet, dass sie mit seinen Eltern in einer Loge waren. Langwierige Erklärungen – und selbst Moritz’ Zugeständnis, eine Loge zu buchen – ändern nichts an Evas emotionalem Zusammenbruch.

2. Vertrauensfalle

Wird einander in der Anfangsphase ein Vertrauensvorschuss schier bedingungslos gewährt, schleicht sich dann zunehmend immer mehr Argwohn in die Beziehung ein: Hat er das wirklich so gemeint? Steckt was anderes dahinter? Was ist die wahre Absicht? So oder so ähnlich treffen Giftpfeile des Argwohns die Beziehung, was mithin zu einem Verlust von Nähe – und schließlich zur Trennung – führen könnte. Hinter diesem Verhalten stecken häufiger Selbstwertprobleme als Probleme mit dem Gegenüber.

3. Konstruktive Kritik

Fühlen sich beide von konstruktiver Kritik zunächst aktiviert und bereichert, wird vieles ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch als Angriff gesehen. Wenn Moritz sagt, er würde sich freuen, wenn Eva wieder einmal Strümpfe tragen würde, deutet sie es als verdeckte Botschaft, dass er sich insgeheim andere Frauen wünscht, die immer Strümpfe tragen. Oder schlicht, dass es ihm um einen Strumpffetisch, nicht aber um sie geht. Sie droht mit Beziehungsabbruch und fühlt sich „ungenügend“.

4. Versöhnung

Entschuldigungen werden zu Beginn der Liebe akzeptiert, was sich jedoch irgendwann ändert. Paare halten einander dann häufig ganz banale Altlasten vor: „Vor zwei Jahren wollte ich Sex, da hast du dich weggedreht. Da habe ich mir geschworen, so was lasse ich nie mehr zu.“ Wann immer Moritz auf Eva zukommt und beteuert, dass diese oder jene Aussage so nicht gemeint war, steigert sie sich noch mehr in ihre Selbsthass-Tiraden hinein.

Fazit

Zeigt eine Person ein irrationales, leicht kränkbares Verhalten und stürzt er oder sie sich förmlich auf alles, was irgendwie als Kritik aufgefasst werden könnte, stecken oft ein massives Schutzbedürfnis sowie ein erschüttertes Selbstwertgefühl dahinter.

Hier ist einerseits eine Psychotherapie hilfreich. Andererseits muss sich die andere Person – bis es zu einer psychischen Stabilisierung kommt – keinesfalls rechtfertigen. Sie sollte also keine Erklärungen liefern, sondern zu akzeptieren versuchen, dass die Wunden tiefer sitzen, und offenbar aufgerissen wurden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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