Hannes und Marion sind in einer ungleichen Beziehung. Marion lässt sich von ihm seit Jahren schikanieren. Sie beklagt sich zwar bei Freundinnen, lässt sich von ihm aber weiterhin alles gefallen. Dann das Wunder: Sie gibt das toxische Opferverhalten auf.
Auf einmal kann Marion gesunde Grenzen ziehen. Das fühlt sich zunächst für sie allerdings nicht gut an, sondern lieblos. Marion sagt plötzlich zu Hannes: „Stopp, das möchte ich nicht.“ Oder, wenn Hannes wieder seinen gewohnt aggressiven Ton anschlägt und ihr vorhält, schuld zu sein, sagt sie: „So sicher nicht, Hannes.“
Schuldzuweisung
Hannes macht sie für alles verantwortlich: Im Urlaub, wenn der Kellner den Tisch anders aufgedeckt hat und sie ums Eck sitzen müssen, oder auch, wenn er seine Uhr nicht findet, wenn er Kopfschmerzen hat, ist Marion schuld. Was unternehmen Menschen wie Marion unter dem Deckmantel der Liebe nicht alles für jene, die ihnen nahe sind? Diese unterwürfige Liebe breitet sich zäh und vernichtend aus wie Lava. Nicht nur entstehen aus ihr Abhängigkeit und Selbstaufopferung: Die scheinbar opferbereite Person handelt sogar oftmals verdeckt narzisstisch.
Narzisstische Grandiosität
Marion agiert nach außen hin vollkommen selbstlos. In Wahrheit motiviert sie eine überhöhte Erwartungshaltung an sich selbst. Sie genießt in einer unterbewussten, aber umso wirksameren Nische ihres Selbstbilds das Machtgefühl, für alles verantwortlich gemacht zu werden. Sie agiert automatisiert zum Wohle der Allgemeinheit, der Großfamilie und ihres Göttergatten Hannes, als wäre sie „unkaputtbar“.
Selbstbeschneidung
Marion kann die Schuld jedoch insgeheim auf alle anderen, und besonders auf Hannes, auslagern. Die Standardaussage „Was die immer von mir wollen“ sollte sie jedoch schleunigst gegen den Glaubenssatz austauschen: „Was ich immer mit mir machen lasse.“ Menschen wie Marion wurden von Kindheit an auf grenzenlose Aufopferung trainiert. In einer frühen Rollenumkehr ging es nie um ihre Bedürfnisse, sondern einzig darum, anderen – in diesem Fall den ersten Bezugspersonen – dienlich zu sein.
Sklavinnendienst
Als wäre ihnen die Rolle auf den Leib geschnitten, verhalten sich „Opfermenschen“ selbstlos aufopfernd, grenzenlos belastbar und fast zwanghaft im Nebel ihrer Dienstbarkeit. Sie wollen glänzen, um ihre Daseinsberechtigung durch das „Prädikat wertvoll“ abzusichern.
Psychologischer Muskelkater
Eine radikale Wende in dieser Entwicklung erfolgt dann – und nur dann –, wenn ein Wandel geschieht: Marion geht auf einmal der Knopf auf.
Durch Selbstzerstörung erhält sie weder Liebe noch Respekt. Es braucht etwas ganz anderes. Eine gute – ja, da steht es – wertschätzende Beziehung zu sich selbst. Erst durch das Verständnis ihrer alten Wunden und ihrer Konditionierung zum Opfermenschen erkennen Personen wie Marion das Dilemma des Dienens – und das eigene Verhalten und Denken als giftige Quellen.
Wie kommt man aus diesen inneren Mustern heraus? Durch stetes Training neuer Möglichkeiten. Das Neinsagen erzeugt zunächst einen psychologischen Muskelkater, als dürfe man sich nicht abgrenzen und würde sich damit selbst disqualifizieren.
Dabei ist es genau anders. Selbstfürsorge und Selbstliebe fallen nicht vom Himmel. Es sind Fähigkeiten, die Sie am besten ab sofort als Düngemittel der Liebe einsetzen.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.


