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Mehr als nur ein Spiel: Die Psychologie der Fußball-WM

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Eine WM ist weitaus mehr als ein periodisches sportliches Großereignis. Sie versetzt die Welt vorübergehend in einen kollektiven Rauschzustand. Schenkt uns das in digitalen Zeiten umso kostbarer gewordene Gut ausbrechender, echter Emotionen. Sie ermöglicht Zugehörigkeitsgefühl, Orientierung, Maßstäbe, Werte und Identifikation. Und trotz all der Aufregung wirkt sie auch als ein Ventil, um die universale Spannung abzubauen.

Fußball wirkt als Parallelwelt. Vielleicht auch als psychologische Auszeit vom ganz normalen Wahnsinn. Vordergründig geht es bei einer Fußballweltmeisterschaft wohl um Tore, Siege, Macht und Geld. Hintergründig ist sie vielschichtiger. Die WM ist ein globaler Gefühlscontainer, den unsere weltweiten Gesellschaften zur psychologischen Entlastung brauchen. Man befindet sich gleichsam in einem wochenlangen Taumel, der die Welt gleichsam umhüllt und angenehm benebelt, so manche tagesaktuellen Probleme in die Ferne rückt, verschwimmen lässt.

Viele merken psychischen Stress im Kleinen wie im Großen: Sind genervt, wollen nicht angesprochen werden, denken, jeder denke nur noch an sich, wünschen sich gleichzeitig Nähe und vermeiden sie, schämen sich ihrer Gefühle. Bei der WM geht es um verlorene oder verwässerte Werte, nach denen wir alle suchen und auf die der Mensch angewiesen ist. Um Orientierung. Um Sinnsuche. Um neue junge Heilige und Götter, um Vorbilder, deren Tugendhaftigkeit für die Verlängerung einer schon nahezu verspielten globalen Hoffnung steht.

Mein Bekannter Max ist während der WM reizbar und unausgeschlafen. Max schaut sich jedes, wirklich jedes Spiel an. Und er ist damit nicht allein. Viele meinen, sie müssen das durchziehen, als ginge es um ihr Schicksal. Als würde nicht nur das eigene Nationalteam mit kollektiver moralischer Unterstützung rechnen dürfen, sondern all diese Erlöserfiguren und Helden. Das Zuschauen wirkt wie Teilhabe, Huldigung, eine kollektive Fürbitte.

Sicher geht es hier auch für die so genannte Fangemeinde um psychische Entlastung durch Zuflucht und Zugehörigkeit. Um eine Insel der Seligen, eine schillernde Bubble, wo noch Sportsgeist zählt und Regeln gelten. Auch wenn sie nicht immer eingehalten werden. Wo Hoffnung auf Gerechtigkeit, Fairness und klare Linien besteht.  „Wir haben gut gespielt.“, sagt Max über ein Spiel von Österreich. Er sagt „wir“, als ob er und ich gekickt hätten.  Und berichtet, dass er beim Nachbarn wie um sein Leben an die Tür getrommelt habe, als sein Fernseher einen Bildausfall hatte. Was den kollektiven Hype um die Fußball-WM ausmacht, lässt sich am besten mit ihren psychologischen Funktionen erklären.

Identifikation

Schauen wir genau hin: „Fans“ sind ja eigentlich schon erwachsene Personen in einer ziemlich kindlichen Haltung: Sie idealisieren Fußballer, wie in der Kindheit frühe Bezugspersonen, beispielsweise Eltern oder größere Geschwister. Heranwachsende verherrlichen in aller Regel Stars, mit denen sie sich identifizieren können. In sozialen Krisenzeiten erleben Gesellschaften eine Regression. Die Renaissance der Pubertät.

Man kann ruhig sagen: Wir erleben „unsere Mannschaft“ psychologisch als Teil unserer eigenen Identität. Wir träumen bei jedem Fußballspiel von der Verschmelzung mit dem Idealbild. Und auch wenn das präferierte Team ausscheidet, geht das WM-Fieber weiter. Superstars wie Lionel Messi sind willkommene Retter und Identifikationsfiguren: Seine eher geringe Körpergröße erleichtert den persönlichen Zugang, aber wehe man unterschätzt ihn.

Messi oder Ronaldo wirken jeder wie ein moderner Messias, der auf dem Spielfeld Wunder wirkt. Messi zeigt, dass Willenskraft und Beharrlichkeit fast alles möglich machen können. Wo Licht ist, ist auch Schatten: Äußerst erfolgreiche Persönlichkeiten polarisieren. Auf Idealisierung kann beim geringsten Fehler die Abwertung folgen.

Kollektive Identität

Sozialpsychologische Forschung zeigt das menschliche Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die Nationalmannschaft ermöglicht ihren Fans das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit und Identität. Siege werden als gemeinsame Erfolge wahrgenommen, Niederlagen als kollektive Enttäuschungen. Das Gefühl, dass alle in einem Boot sitzen, wirkt bei Erfolgen stärkend und im Fall von Misserfolgen tröstlich. Beim Public Viewing sind Fremde einander emotional verbunden.

Einer der erstaunlichsten Momente meiner Stadionerlebnisse war, als mir nach einem Tor ein unbekannter Hertha-Fan vor vielen Jahren in Berlin in die Arme fiel. Ich muss bis heute mit einem Lächeln an diesen Moment denken. Ein solches Kollektiv-Phänomen kann mithin zu der Bereitschaft führen, gemeinsam Feindbilder zu erschaffen, auf die dann die Funktion von Sündenböcken übertragen wird.

Ingroup-Outgroup-Effekt

Die Sozialpsychologie beschreibt als „Ingroup-Outgroup-Effekt“ die folgende Dynamik: Die eigene Gruppe wird von uns stets positiver bewertet als die fremde. Dadurch entsteht kollektiver Zusammenhalt, zugleich aber auch die Gefahr von Feindbildern und Polarisierung. Erfolge der eigenen Mannschaft steigern das Selbstwertgefühl der Fans. Niederlagen werden hingegen eher relativiert oder äußeren Umständen zugeschrieben.

Heroisierung

Außergewöhnliche Sportler werden zu Projektionsflächen für Hoffnungen, Sehnsüchte und Ideale. Sie verkörpern Eigenschaften, die viele selbst gern hätten: Mut, Disziplin oder Genialität. Dadurch entstehen moderne Heldengeschichten. Die Medien überfüttern uns mit märchenhaften Geschichten. Personen werden überzeichnet: Ein Dualismus der Guten und der Bösen, der Täter und der Opfer.

Erling Haaland wird medial zum Prototypen aufgebaut – Er steht für Konsequenz, Belastbarkeit und Stärke in einem Mix mit Naivität und Leichtigkeit. Damit eignet er sich als Hoffnungsträger, dass die Welt noch Zukunft hat, wird flugs zur personifizierten Wunscherfüllung einer verängstigten, emotional verwahrlosenden digitalisierten Gesellschaft. In Interviews vermittelt er Menschlichkeit und Lebensfreude.

Lamine Yamal erbringt geradezu spielend magische Leistungen und umsorgt seinen kleinen Bruder, der auch schon als Superstar gehyped wird. Yamal ist längst Symbol jugendlicher Kreativität und Gesicht einer neuen Fußballgeneration.

Personenkult

In zunehmend säkularisierten Gesellschaften übernehmen Topmodels, Popstars, Hollywoodschauspieler und Spitzensportler die Funktion von Engeln, Heiligen und Göttern. Kinder ahmen Yamal und Haaland in Look, Haarschnitt und mit ihrer Kleidung oder Sprache nach, um ihnen ähnlich zu werden.

Der Lerntheorie von Albert Bandura zufolge lernen Menschen besonders gut am Modell. Durch Role Models, die ihnen Werte und Fähigkeiten, aber auch Dresscodes und ein adäquates Auftreten vorleben.

Gerechtigkeitsempfinden

Schon Kinder reagieren äußerst empfindlich auf Ungleichbehandlung. Diese Sensibilität für Fairness und Kohärenz bleibt lebenslang bestehen. Deshalb lösen Schiedsrichterentscheidungen oft heftigere Emotionen aus als das eigentliche Spiel.

Beispiel WM 2026: Diskussionen nach umstrittenen Entscheidungen etwa im Fall von Argentinien gegen Ägypten wurden vielfach als zentrale Fragen der Gerechtigkeit und nicht nur als Frage des Regelwerks erlebt. Die WM zeigt nicht nur, wie Sport Menschen verbindet, sondern auch wie rasant sie zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte wird.

Emotionale Ansteckung

Emotionen übertragen sich in Gruppen besonders schnell. Euphorie, Angst oder Enttäuschung springen schon allein durch die Spiegelneuronen von Mensch zu Mensch über. Deshalb fühlen sich Stadien oder Public Viewings oft wie elektrisch aufgeladen an. Sport bietet einen sozial akzeptierten Raum für intensive Gefühle. Freude, Wut, Aggression, Frustration und Erleichterung können gemeinschaftlich ausgelebt werden, ohne dafür kritisiert zu werden.

Rituale

Rituale stärken das Gefühl von Zugehörigkeit. Ähnlich wie Sigmund Freud in seiner Religionskritik der christlichen Religion entgegenhält, mit ihren Ritualen zugleich Sicherheit und Halt zu bieten, aber auch, wie bei einer kollektiven Neurose, die Gläubigen in ihrem Selbstbild zu bestimmen, schaffen beim Fußball universale Rituale, Hymnen, Trikots, gemeinsame Fernsehabende und Public Viewings Erlebnisse von Halt, Sicherheit und Orientierung.

Geschichten

Das menschliche Gehirn erinnert sich an Geschichten besser als Ergebnisse. Außenseiter, Comebacks, tragische Niederlagen oder junge Talente werden zu modernen Heldensagen. Die Sozialen Medien sind längst Story-Telling-Fabrikationsstätten und dauerbeschießen uns mit Ronaldo, Messi und Haaland, die akribisch analysiert und entsprechend in Narrative eingewoben werden.

Soziale Medien verstärken Emotionen. Begeisterung, Empörung und Gerüchte verbreiten sich innerhalb von Minuten weltweit, gehen viral. So entstehen kollektive Stimmungen in Echtzeit.

Interpretation

Große Turniere sind ebenso politische Bühnen. Politiker nutzen ihre Symbolkraft, Verbände geraten unter öffentlichen Druck und sportliche Entscheidungen werden gesellschaftlich interpretiert.

Einsamkeit

Der Fall Jayden Adams, der während dieser Weltmeisterschaft dreimal zu den Helden des Spiels zählte und nun mit 25Jahren tragisch aus dem Leben schied, wird in den Sozialen Netzwerken vor allem mit Betroffenheit kommentiert. Kaum jemand erkannte geschweige denn beachtete den offenbar hoch belasteten Mann hinter dem Fußballhelden.

Fazit: Jubel für das eigene Leben

Eine von perfektionierten Heldenbildern abhängig gewordene Gesellschaft verliert den Blick für das Wesentliche. Hören wir auf, der Glotze und der WM allein zu gehören. Jubeln wir wieder unserem eigenen Leben zu: Unseren Familien, Partnerinnen und Partnern, Freundinnen und Freunden, Nachbarinnen und Nachbarn, Haustieren und allem, was uns umgibt und unsere Aufmerksamkeit verdient. Vielleicht ist genau diese unaufgeregte Umkehr der wahre weltmeisterlicher Volltreffer, der am nachhaltigsten wirkt.

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