Sie könnte 2027 mit gleich vier Rollen Oscar-Geschichte schreiben. Dabei hat Sandra Hüller erstaunlich wenig von dem getan, was eine internationale Karriere vermeintlich verlangt. Nun spielt sie in „Vaterland” Erika Mann, drehte mit Ryan Gosling und Tom Cruise. Dabei hatte sie vor neun Jahren mit Hollywood abgeschlossen: Sie wollte sich dortigen Schönheitsidealen nicht unterwerfen.
Erika Mann hat gerade erfahren, dass ihr geliebter Bruder Klaus tot ist. Die Nachricht erreicht die Schriftstellerin, Schauspielerin und Aktivistin in Weimar. Mit ihrem Vater Thomas Mann ist Erika auf einer Reise durch ein Deutschland, das sich nicht mehr als Heimat erkennen lässt.
Die dramatische Szene in Paweł Pawlikowskis Film „Vaterland“ spielt Sandra Hüller als Erika Mann, wie nur sie es vermag: Zunächst regungslos nimmt sie die Todesnachricht auf. Nach einem nächtlichen Gefühlsausbruch hat sie sich am Morgen wieder unter Kontrolle. Sie telefoniert mit ihrer Mutter Katia in Amerika. Diese spricht nur über die nötigen Formalitäten nach dem Tod des Sohnes. Und für einen Augenblick füllen sich Hüllers Augen mit Tränen. Sekundenlang blitzen Verzweiflung und Trauer in ihrem Gesicht auf. „Mama“, sagt sie im Versuch, der Mutter eine Emotion zu entlocken.
Vier Rollen, eine historische Chance
Es ist jene Szene, die von der BBC als Oscar-Clip gehandelt wird. Jene Sequenz, die beim US-Filmpreis einen möglichen Sieg rechtfertigt. Tatsächlich könnten drei weitere solcher Clips bei der Oscarverleihung 2027 Sandra Hüller zeigen. Eine Regeländerung, die mehrere Nominierungen einer Person in derselben Kategorie erlaubt, macht es möglich: Hüller könnte als erste Person überhaupt für vier Rollen nominiert werden.
Neben ihrer Erika Mann in „Vaterland“ gilt auch ihre Darstellung in „Rose“ als oscarwürdig. Darin spielt sie eine Frau, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg als Mann ausgibt, um als Teil der Dorfgemeinschaft gleichwertig leben zu können. Dazu werden Hüllers Nebenrollen in „Project Hail Mary“ an der Seite von Ryan Gosling und in Alejandro González Iñárritus „Digger“ neben Tom Cruise als Academy-Award-Anwärter gehandelt.
Jonathan Glazer, der die 48-jährige Deutsche in „The Zone of Interest“ inszenierte, schlug in Cannes eine andere Lösung vor: „Sie sollten für Sandra Hüller eine eigene Kategorie erfinden.“ Es wäre die Pointe einer ungewöhnlichen Karriere. Denn die Frau, die von der internationalen Filmwelt gefeiert wird, hat wenig von dem getan, was man gemeinhin tut, um ein internationaler Star zu werden.
Die 4 Oscar-Chancen
Sandra Hüller mit Ryan Gosling in „Der Astronaut – Project Hail Mary“
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Mit Tochter Erika (Sandra Hüller) kehrt Thomas Mann (Hanns Zischler) 1949 erstmals seit seiner Flucht nach Deutschland zurück. Zu Goethes 200. Geburtstag soll er eine Rede halten. Er wird hofiert, aber auch angefeindet, Antifaschistin Erika Mann reagiert unversöhnlich. Paweł Pawlikowskis Film erzählt so von der Rückkehr in eine Heimat, die keine mehr ist.
Kinostart: 3. September 2026
Digger
Bevor die von ihm ausgelöste Katastrophe die Welt zerstört, will der mächtigste Mann der Welt, Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise), sich als deren Retter beweisen. Sandra Hüller spielt in Alejandro G. Iñárritus schwarzer Komödie über Größenwahn und Macht Diggers Schwester Emma.
Kinostart: 1. Oktober 2026
Rose
Nach dem Dreißigjährigen Krieg gibt sich Rose (Sandra Hüller) als Soldat aus, um ein Leben zu führen, das Frauen verwehrt ist. Markus Schleinzers Drama brachte Hüller bei der Berlinale 2026 den Silbernen Bären.
Der Astronaut – Project Hail Mary
Naturwissenschaftslehrer Ryland Grace (Ryan Gosling) erwacht ohne Erinnerung in einem Raumschiff. Er ist die letzte Hoffnung der Menschheit. Sandra Hüller als kompromisslose Leiterin der Mission.
Beim Denken zusehen
Hollywood war nie Sandra Hüllers Lebensziel. Sie kultiviert ihr Privatleben nicht als Teil ihrer Marke. Sie hält am Theater fest. Sie inszeniert in Interviews keine Skandale für eine Schlagzeile. Aufmerksamkeit scheint sie eher auszuhalten als zu suchen. „Ich mag es lieber zu beobachten, als beobachtet zu werden“, sagte Hüller in Cannes der Nachrichtenagentur AP.
Sie saß in einem Garten, rauchte und überlegte, warum ihr große emotionale Ausbrüche beim Spielen eher unangenehm sind. Der Grund sei womöglich, weil sie im Zentrum der Aufmerksamkeit lande, wenn sie etwas Großes zeige, sagte sie. Dann ging sie auf Distanz: „Aber Sie sind nicht mein Therapeut, also werden wir das heute nicht herausfinden.“
Diesen Umgang mit Aufmerksamkeit sieht man in Sandra Hüllers Schauspiel. Sie zwingt die Blicke nicht mit überbordenden Emotionen auf sich. Es ist eher, als würde man ihr beim Denken zusehen. Am Theater wurde das 2019 zum Ereignis. In Johan Simons „Hamlet“ im Schauspielhaus Bochum blieb Hüller in der Titelrolle während der 20-minütigen Pause auf der Bühne stehen. Ihr Hamlet dachte nach. Und Teile des Publikums blieben sitzen, weil sie dabei zusehen wollten. Aus einer Pause machte Hüller ein Erlebnis.
Das Recht, widersprüchlich zu sein
Die Fähigkeit, abseits großer Gesten Aufmerksamkeit zu erzeugen, prägt Sandra Hüllers Spiel. In Justine Triets „Anatomie eines Falls“ (2023) spielt sie eine erfolgreiche Autorin, deren Mann tot unter dem Fenster des gemeinsamen Hauses gefunden wird. Die Frage, ob die Schriftstellerin ihn getötet hat, bestimmt den Film.
Triet hatte die Rolle für Hüller geschrieben, weil nur ihr das Publikum folge, auch wenn sie widersprüchlich, fehlerhaft und schwer durchschaubar sei, so die Regisseurin im The New Yorker-Gespräch. Dafür musste Hüller akzeptieren, dass Menschen nicht vollständig lesbar sind und diese Ungewissheit spielen: Triet ließ Hüller im Unklaren darüber, ob ihre Figur eine Mörderin war oder nach einem Unfall plötzlich Witwe. Es liege an der „selbstbewussten, unentschuldigenden Art“ ihres Spiels, die ihr einen riesigen Handlungsraum ermögliche, so Triet.
Hüller gab sich im gleichen Interview ebenso fasziniert von der Rolle. Die Weigerung der Frau, sich für das emotionale Leben ihres Mannes zuständig zu fühlen, beeindruckte sie. „Ich bin nicht verantwortlich für deinen Schmerz. Du bist für deinen Schmerz verantwortlich“, war Triets Leitidee, die Hüller als bereichernd erlebt hat. 2024 gab es für ihre Darstellung eine Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin. Im selben Jahr war sie im oscarprämierten Film „The Zone of Interest“ zu sehen.
„Dann ist es wohl vorbei mit Amerika“
Den ersten beruflichen Kontakt in die USA hatte Sandra Hüller mit dem Welterfolg „Toni Erdmann“ (2016) mit Peter Simonischek. Die Vater-Tochter-Tragikomödie erhielt eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film. Damals hatte die Schauspielerin die Weltpremiere in Cannes bereits hinter sich und einige Vorurteile bereinigt. „Ich kannte das Filmfestival nur aus der Boulevardpresse wegen dieser ganzen Sache mit dem Sich-in-Schale-Werfen. Ich dachte, es ginge nur um das Äußere, aber das stimmt nicht. Es geht um Filme. Das wusste ich wirklich nicht“, erzählte Hüller 2017 dem „Guardian“.
Auch die USA erlebte sie als zugewandter als erwartet. Eine Karriere in Hollywood hielt sie damals für unwahrscheinlich. „Wenn ich in Amerika wirklich groß rauskommen will, müsste ich an meinem Körper und meinem Gesicht eine Menge ändern. Ich würde, zumindest äußerlich, zu einer anderen Person werden“, meinte sie im gleichen Gespräch. „Das will ich nicht, also ist es wohl vorbei mit meiner Karriere in Amerika.“
Erfolg ist nicht ihr Punkt
Neun Jahre später drehte sie mit Ryan Gosling und Tom Cruise, arbeitete mit Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu und könnte mit vier Nominierungen einen Rekord einfahren. Man könnte die Geschichte einer Verweigerung daraus stricken, die mit dem späten Sieg belohnt wird. Die Wahrheit ist komplexer.
Sandra Hüller verweigert den Starbetrieb nicht. Sie läuft über rote Teppiche. Sie gibt Interviews. Sie trägt große Abendkleider. In Cannes erschien sie in Kleid und spektakulärer Federjacke von Chanel. Eine Kreation, in die laut Vogue Germany 845 Arbeitsstunden flossen. Es war ihr Arbeitsantritt als Chanel-Markenbotschafterin.
Chanel-Testimonial Sandra Hüller in großer Robe in Cannes 2026.
© APA-Images, Manon Cruz, REUTERSStatt sich nach den Erfolgen von „Anatomie eines Falls“ und „The Zone of Interest“ auf die Nische der europäischen Ausnahmeschauspielerin zu konzentrieren, drehte Hüller den Sci-Fi-Hollywood-Blockbuster „Project Hail Mary“ an der Seite von Ryan Gosling. „Ich bin bald 50 Jahre alt und es ist ein Segen, dass ich diese Erfahrungen jetzt machen darf“, sagte sie der AP über die Rollenauswahl. Für manche Kolleginnen sei dieses Alter eine Durststrecke oder das Karriereende, das sei ihr bewusst.
„Ich habe mir die Dinge angesehen, die mir angeboten wurden, und nachgedacht, ob ich Ja dazu sagen kann, ob ich bereit bin, sie anzugehen“, erklärte sie. „Es sind Erfahrungen, die ich noch nie gemacht habe, und ich wäre sehr, sehr dumm, wenn ich sie nicht nutzen würde.“ Die Erfahrung schlägt dabei den Blockbuster-Faktor: „Es geht dabei weniger um den Erfolg. Es ist eine Frage des persönlichen Wachstums. Es geht darum, andere Bereiche kennenzulernen und sich so freier in der Welt bewegen zu können. Das bereitet mir große Freude. Aber es ist auch gefährlich. Es liegt weit außerhalb meiner Komfortzone.“
„Ich singe, oder ich singe nicht“
Hüller begreift ihren Weg als Wachstum und die Ausdehnung eines Spielfelds. Dazu passt, dass sie als lustvolle Sängerin ihren Figuren diese Facette mitgibt. Sie sammelt Möglichkeiten. In „Toni Erdmann“ wurde 2016 daraus eine der berühmtesten Szenen des Films: Hüller
sollte Whitney Houstons „The Greatest Love of All“ widerwillig, verhalten singen. Sie widersprach Regisseurin Maren Arden, sie wollte all-in gehen: „Entweder ich singe, oder ich singe nicht.“ Also sang sie. Laut. Intensiv. Und schuf mit ihrer ironisch überhöhten Version die bis dahin berühmtesten zwei Minuten ihrer Karriere. Im gleichen Jahr stand sie in der Musiktheaterarbeit „Bilder deiner großen Liebe“ nach Wolfgang Herrndorf im Theater Neumarkt in Zürich singend auf der Bühne, daraus entstand 2018 ein Album mit 16 Stücken. Sieben eigenwillige, intime Songs aus eigener Feder veröffentlichte die Schauspielerin 2020 auf dem Album „Be Your Own Prince“.
Bei der Ruhrtriennale in Bochum sang Hüller 2024 in der Hauptrolle der Musiktheater-Show „I Want Absolute Beauty“ Lieder von PJ Harvey. Dort legte sie den Grundstein für die legendäre Szene in „Project Hail Mary“. Sie stand ursprünglich nicht im Drehbuch, doch als die Regisseure Phil Lord und Chris Miller von Hüllers Musiktheatershow in Bochum erfuhren, änderten sie das Drehbuch: „Wir mussten ihr diese Szene geben, in der sie die ganze Bandbreite ihres Könnens zeigen kann“, erzählte Lord dem Magazin GOC. So singt Hüllers hoch disziplinierte Raumfahrtdirektorin plötzlich Karaoke und wird dadurch so viel mehr als nur die kontrollierte, kühle Welt-Retterin. Es war Hüller, die für die Szene Harry Styles „Sign of the Times“ ausgewählt hat.
Die Verantwortung in ihren Bildern
Dass Wachstum der Gradmesser für die Wahl ihrer Rollen ist, lässt sich an Hüllers Weg ablesen. So hatte sie die Rolle der Hedwig Höß in „The Zone of Interest“ ursprünglich abgelehnt, weil sie generell keine Nazis spielt. Doch Regisseur Jonathan Glazers Konzept setzte die üblichen Mechanismen des Schauspielens außer Kraft. Das reizte sie. Statt sich der Figur – wie sie es sonst pflegt – mit Empathie zu nähern und sie zu verstehen, durfte sie das Gegenteil probieren. „Ich wollte meine Kraft als Schauspielerin nutzen, um der Figur jegliche Fähigkeit zu nehmen, Liebe, Freude, Erfüllung und Verbundenheit zu empfinden“, so Hüller im The New Yorker-Interview.
Kunst ist für Hüller auch moralischer Raum. „Ich kann mich als Künstlerin entscheiden, was ich zeige und was nicht“, führte sie aus. Das Argument, Gewalt stehe nun mal im Drehbuch, lässt sie als Ausrede nicht gelten. Wer Bilder produziere, trage Verantwortung dafür, welche Welt er damit herstelle, so Hüller. Im Spiegel-Gespräch präzisierte sie diesen Blick auf ihre Rollenwahl: „Ich habe körperliche Schwierigkeiten damit, in meinen Rollen Erzählungen zu reproduzieren, die anderen Menschen schaden oder nicht mehr zeitgemäß sind. Mich interessiert tatsächlich immer ein anderer Blickwinkel. Einer, der es schafft, die Welt nicht dual in Gut und Böse einzuteilen.“
In ihren Ansichten steckt große Entschiedenheit. Es wäre falsch, Sandra Hüllers mediale Zurückhaltung als Unsicherheit zu deuten. Wenn sie in die Öffentlichkeit tritt, weiß sie genau, welchen Part von sich sie teilen will.
Die Sehnsucht nach dem „Wir“
Eine Spur zu Hüllers Faible für die Vielschichtigkeit in ihren Stoffen führt nach Thüringen. Sandra Hüller wurde 1978 in Suhl geboren und wuchs in Friedrichroda auf. Ihre Eltern arbeiteten im Bildungsbereich und ihre erste Fremdsprache war Russisch. Als Kind in der DDR führten die Ferien in die Tschechoslowakei oder andere sozialistische Nachbarländer. Als sicher und egalitär habe sie die DDR damals erlebt, erzählte sie im The New Yorker.
Schließlich habe es auch Vorteile, statt Dutzender Entscheidungsmöglichkeiten nur eine Sorte Milch und Brot zu haben. In dieser Kindheit habe sie vor allem die Kraft der Gemeinschaft gelernt, erinnert sie sich: „Jeder trägt Verantwortung für die Gemeinschaft und hat seinen Beitrag dazu zu leisten, und gemeinsam sind wir stärker.“ Dieser Gedanke lebt in Hüllers Karriere, wenn sie sich bis heute als Theaterschauspielerin bezeichnet. Teil des Kollektivs FARN zu sein, ist ihr immens wichtig. So wichtig, dass sie heute hinter den Kulissen Teil davon ist, weil sie auf der Bühne zu viel Aufmerksamkeit auf sich und weg von der Gruppe ziehen würde.
Wenn man absolut davon überzeugt ist, dass die eigene Sichtweise richtig ist, ist das gefährlich
„Ich habe noch keinen Weg gefunden, mit der neu dazugekommenen Aufmerksamkeit, diesem Ausgestelltsein, gut umzugehen. Weil es zuletzt so war, dass ich gar nicht mehr als Teil eines Ensembles auf der Bühne wahrgenommen wurde, sondern als Einzelperson. Das ist nicht der Grund, warum ich Theater mache“, führte sie im Spiegel aus. Es ist der Preis des Erfolgs. Denn Sandra Hüller vermisst das Theater, „wie jemand, dem das Herz gebrochen wurde“, so Hüller zur AP in Cannes, „Ich könnte heulen, wenn ich mit Ihnen darüber spreche.“
Es ist kompliziert. Gut so!
Wie maßgeschneidert für Sandra Hüller erscheint nun Paweł Pawlikowskis unbequemes Drama über Erinnerung, Verdrängung und den Heimatbegriff „Vaterland“. Es erzählt von Thomas und Erika Manns Rückkehr nach Deutschland 1949, wo es plötzlich West und Ost gab, ehemalige Täter und jene, die nichts gewusst haben wollen. Und eine Heimat, die plötzlich fremd ist. Diese Heimat braucht ein komplexes Verständnis, das auch gegenwärtig Dringlichkeit hat.
„Das Nachkriegstrauma ist etwas, das meiner Meinung nach noch immer in uns steckt, als Folge der Zerstörungen, die im Zweiten Weltkrieg stattfanden. Das wird einem bewusst, wenn man diesen Film sieht“, sagte Hüller bei der Pressekonferenz in Cannes. „Ich versuche zu zeigen, wie kompliziert das alles ist und ich halte es für sehr sinnvoll, das den Menschen heute zu vermitteln. Wenn man absolut davon überzeugt ist, dass die eigene Sichtweise richtig ist, ist das gefährlich.“
Als das Kino bereit für sie war
Das Misstrauen gegenüber einfachen Erzählungen ist ein Grundmotiv von Sandra Hüllers Figuren. Für sie wird es interessant, wo Gewissheiten aufhören. Die Erzählung von dieser Qualität, die sich am Ende durchsetzt, ist dennoch nur ein Teil der US-Erfolgserzählung. Die Schauspielerin trifft auf einen Moment des Wandels in der amerikanischen Filmbranche. Die Academy ist internationaler geworden und fremdsprachige Filme sind neben dem US-Prestigekino schon längst keine Außenseiter mehr.
Dass Sandra Hüller mit 48 Jahren Erika Mann spielen kann, eine als Mann lebende Frau im 17. Jahrhundert, eine mächtige Raumfahrtdirektorin und die Schwester eines größenwahnsinnigen Ölmagnaten, erzählt auch von einem Wandel. Das internationale Autorenkino und zunehmend auch Hollywood haben den Markt für einen Typus Star entdeckt, dessen Wert nicht auf Jugend, Gefälligkeit oder einer wiedererkennbaren Glamour-Persona beruht. Auf ihre vierfachen Oscar-Chancen angesprochen, blieb Sandra Hüller zur Deutschen Presse-Agentur nüchtern: „Ja, das ist doch interessant. Ob das passieren kann, da ich bin gespannt.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.
