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Marie Kreutzer: „Da wurde mir bewusst, dass ich nicht nur Opfer, sondern auch Täter kennen muss“

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Marie Kreutzer©Lukas Beck

Der Schutz von Kindern ist für die österreichische Filmemacherin Marie Kreutzer das Wichtigste. In „Gentle Monster" schildert sie, wie ein Kameramann wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material angeklagt wird. Der Fall erinnert an den des österreichischen Schauspielers Florian Teichtmeister.

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Als Marie Kreutzer in der Hamburger Wochenzeitschrift Die Zeit von der Aufdeckung eines Pädokriminellen-Rings in Deutschland las, wusste sie: Das müsse sie auf der Leinwand schildern. Das war im Sommer 2020. Das Ergebnis ist ab 17. September im Kino unter dem Titel „Gentle Monster“ zu sehen.

Bestätigung der Statistik

In dessen Zentrum steht Lucy, eine französische Pianistin, die sich mit ihrem Ehemann und dem kleinen gemeinsamen Sohn aufs Land zurückgezogen hat. In der Einöde soll sich der Familienvater nach einem Burnout erholen. Als eines Morgens die Münchner Kriminalpolizei das Paar aus dem Schlaf läutet, ist für Philip klar: Widerstand ist zwecklos. Er händigt den Beamten seinen Computer samt Smartphone aus und lässt sich abführen. Seine Frau erfährt erst auf dem Kommissariat Ausmaß und Beschaffenheit der Verheerung: Der Vater ihres Sohnes wird in der Abteilung für sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verhört.

Die Recherchen für „Gentle Monster“ machten Kreutzer Grundsätzliches klar: „Mir wurde bewusst, dass ich statistisch gesehen nicht nur Opfer, sondern auch Täter kennen muss“, sagt sie im Interview, für das an einem Vormittag das Filmcasino seine leeren Räume zur Verfügung stellte. Die bittere Realität sollte Kreutzer bestätigen.

Bis es dazu kam, vergingen einige Jahre. Zuvor musste sie ihr cineastisches Meisterwerk „Corsage“ über die österreichische Kaiserin Elisabeth finalisieren. Die Monarchin wurde von der international gefragten Schauspielerin Vicky Krieps verkörpert. Ihr Franz Joseph war nur eine Randfigur mit geringer Leinwandpräsenz. Dass sich ausgerechnet in dieser Figur der Albtraum eines Regisseurs manifestieren sollte, konnte sie naturgemäß nicht wissen.

„Corsage“ war längst im Kino angelaufen und als österreichischer Beitrag für den Auslands-Oscar eingeschickt, als Franz-Joseph-Darsteller Florian Teichtmeister* wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material angeklagt wurde.

Frau Kreutzer, der Fall Ihrer Täterfigur im Film erinnert an den von Florian Teichtmeister. In beiden Fällen ist von Drogenkonsum und Kinderpornos die Rede. Haben Sie Ihre Figur an diesen realen Fall angepasst?

Nein, das war alles schon so im Treatment für den Film angelegt. Auch der Konsum solcher Materialien im Internet ist eine Sucht. Damit will ich das jetzt nicht schönreden, aber dass jemand Drogen konsumiert, vielleicht auch, um mit einer Neigung umzugehen, die er sich nicht eingestehen will, ist in meiner Recherche auch immer wieder vorgekommen. Mein Film ist keine exklusive Teichmeister-Geschichte. Für mich hat Philip im Film gar nichts mit Florian Teichmeister zu tun. Außerdem ist Philip viel bodenständiger, er ist ein Familienvater, der voll im Leben steht und auch ein sehr herzlicher Typ.

Deshalb ist wohl der Titel „Gentle Monster“, eine Figur mit zwei Gesichtern, wie in „Jekyll & Hyde“, bezeichnend?

Dieser Titel war bekanntlich schon vergeben!

Hatten Sie jemals daran gedacht, Teichtmeister aus „Corsage“ herauszuschneiden?

Sein Fall wurde dafür zu spät bekannt. Als die Vorwürfe konkret an die Öffentlichkeit kamen, war der Film schon lang im Kino. Ich stand in keinem Naheverhältnis zu Florian Teichtmeister, sondern hatte nur beruflich mit ihm zu tun, aber man will so etwas natürlich nicht glauben.

Haben Sie ihn seither wieder getroffen? Was würden sie tun, wenn Sie ihm auf der Straße begegnen?

Als der Fall aktuell war, hatte ich tatsächlich Albträume, dass ich ihn irgendwo zufällig treffe, aber das ist nie passiert. Jetzt würde ich Hallo sagen und weitergehen. Ich grüße auch Menschen, mit denen ich nicht mehr spreche, wenn ich sie zufällig treffe, weil ich gut erzogen bin, aber that’s it.

Kinder sind im Moment die am meisten gefährdeten Wesen unserer Zeit. Sie zitieren am Ende des Films eine Statistik, derzufolge jedes fünfte Kind Opfer von Missbrauch ist. Ist das neu in Österreich, in Deutschland?

Das ist eine europäische Zahl und bezieht sich auf jegliche Form von sexualisierter Gewalt. Das heißt, nicht jedes Kind in dieser Statistik erlebt schweren sexuellen Missbrauch. Aber es ist eine extrem erschütternde Zahl und überhaupt nicht neu. Wir wissen heute nur mehr darüber. Sehr viele Fälle bleiben auch im Dunkeln und werden nie entdeckt. Es muss ja immer erst etwas passieren, damit so ein Fall öffentlich wird.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder gab es immer. Was mir aber vor der Recherche nicht so klar war, ist, wo die Gefahren liegen. Wir sehen Kinderschänder immer irgendwo da draußen und sagen unseren Kindern, steig nicht in ein fremdes Auto und nimm kein Zuckerl von Fremden. Aber das sind Einzelfälle, wie man sie vom Fall Natascha Kampusch kennt, und das ist eine absolute Seltenheit. Was allerdings wirklich jeden Tag passiert, ist, dass Kinder im nächsten Umfeld sexualisierte Gewalt erfahren. Ermittler:innen erklärten mir, zu Hause, im engsten Umfeld und im Internet sind Kinder den größten Bedrohungen ausgesetzt.

Eine pädophile Neigung kann man nicht loswerden, aber man kann lernen, damit zu leben, ohne zum Täter zu werden

Marie Kreutzer

Warum geschehen derzeit aber so viele Morde an Kindern, die ausgerechnet die Mütter begehen?

Auch das hat es immer gegeben. Wir sprechen nur jetzt mehr darüber.

Was kann man gegen Gewalt an Kindern tun?

Man redet man immer ganz schnell von höheren Strafen für Sexualstraftäter, aber die folgen erst auf die Tat. Die Frage ist doch, wie können wir verhindern, dass diese Fälle überhaupt passieren? Und da gäbe es schon sehr viel mehr, was wir in der Prävention tun können. Männer müssten eine pädophile Neigung an sich früher erkennen bzw. sich eingestehen, die Angebote in Therapie und Behandlung zu gehen, müsste es niederschwellig und flächendeckend geben. Denn diese Störung kann man nicht loswerden, aber man kann lernen, damit zu leben, ohne zum Täter zu werden. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die das schaffen. Pädophil heißt nämlich nicht gleich Straftäter und Straftäter heißt auch nicht gleich pädophil. Manche Täter haben gar keine oder keine exklusive pädophile Neigung, denen geht es um Macht oder Lust an der Gewalt. Was wir gesellschaftlich und auch politisch viel mehr verankern sollten, ist, dass Kinder viel früher lernen sollten, wo die Grenzen sind, was Erwachsene dürfen.

Geschieht da genug?

Auf keinen Fall. In skandinavischen Ländern sind diese Konzepte in allen Institutionen, wo Kinder mit Erwachsenen zu tun haben, implementiert. Ein Erwachsener, also ein Lehrer oder ein Coach oder Erzieher, darf da zum Beispiel nie mit einem Kind allein sein. Man könnte überall viel mehr tun. Man könnte auch schon für ganz kleine Kinder Videos in Kindergärten anbieten, wo sie spielerisch lernen, wo ihre Grenzen sind und wie Erwachsene mit ihnen umgehen dürfen. Also Prävention ist das Wichtigste. Und noch einmal, da geschieht natürlich nicht genug.

Lucy, die Frau des Täters im Film, trennt sich von ihm. Am Ende zeigen Sie sie, wie sie sich den Pullover ihres Mannes überzieht. Signalisiert das Verständnis oder Versöhnung?

Das hat nichts damit zu tun. Die Antwort gibt Lucy im Film. Sie sagt, „es gibt für Liebe keinen Off-Button“. Wir sind alle schon von Menschen enttäuscht worden. Trotzdem ist es im Leben oft nicht so, dass wir uns umdrehen und weggehen und nie wieder an die Person denken. Jemanden loszulassen, ist ein Prozess, und gerade jemanden, mit dem man einen Lebensentwurf hatte, mit dem man ein Kind hat. Was mich aber bei der Recherche überrascht hat, ist, dass manche Partnerinnen bei den Tätern bleiben oder auch zu ihnen zurückkehren. Ich will das nicht werten. Aber es ist die Realität. Das kennt man auch von Beziehungen mit Suchtkranken oder mit Gewalttätern. Diese leben von der Hoffnung, dass es besser wird. Das ist ein bekanntes Muster.

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Laurence Rupp als Philip und Léa Seydoux als Lucy in „Gentle Monster“.

 © Film AG

Zum Film „Gentle Monster“

Und was ist mit den Kindern?

Frauen, die in solche Beziehungen zurückkehren, wollen natürlich nicht darüber sprechen, aber wir können uns darüber einig sein, dass das fragwürdig ist.

Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf Täterinnen gestoßen?

Man kann es sich kaum vorstellen, aber es gibt Frauen, die helfen Männern bei deren Taten. Aber Frauen mit pädophilen Neigungen sind sehr selten. Interessant ist jedoch, dass es Frauen gibt, die aus der Angst, pädophil zu sein, einen Psychiater aufsuchen. Meistens stellt sich dann aber heraus, dass das Ängste davor sind, dem eigenen Kind etwas anzutun.

Das führt wieder zurück zum Thema Macht und Gewalt. Frauen ängstigen sich, Macht auszuleben. Männer sind es offensichtlich gewöhnt, täuscht mich mein Eindruck?

Jegliche Form von Gewalt kommt doch aus dieser Lust oder diesem Drang nach Macht. Es wird schon kleinen Buben bewusst und unterbewusst vermittelt, dass es das Tollste für einen Jungen ist, stärker als andere zu sein, also Macht über andere zu haben.

Kurzer Exkurs in die Filmbranche zum Thema, hat sich diesbezüglich etwas verbessert?

Es gibt natürlich mehr Bewusstsein, Maßnahmen während der Dreharbeiten. Auch was den Kinderschutz betrifft, das hat jetzt eine ganz andere Dimension und auch ein anderes, ein besseres System. Bei jedem Dreh in Österreich gibt es Ansprechpersonen, wenn es zu Übergriffen oder fragwürdigen Situationen kommt. Aber wie gut das Angebot angenommen wird oder ob viele Betroffene noch immer nichts sagen, weil sie die Folgen fürchten, ist die Frage.

Kommen wir zu Ihren Film zurück. Auf einem Video, das die Polizei überprüft, ist der Sohn des Täters nackt zu sehen. Wo sind für Sie die Grenzen des Darstellbaren?

Das täuscht durch die Unschärfe. Natürlich trägt der Bub eine Badehose. Wir haben ihn im Film bewusst auch immer eher distanziert betrachtet, damit das Publikum gar nicht auf die Idee kommen könnte, Assoziationen zu wecken.

Gibt es auch für Eltern Grenzen? Das Paar in Ihrem Film hat kein Problem damit, vor dem fast sechsjährigen Kind nackt herumzulaufen. Macht es das nicht für ein Kind noch schwerer, im Ernstfall Grenzen zu erkennen?

Es war mir wichtig, solche Situationen zu zeigen und diese Frage zu stellen: Wo ist die Grenze? Das habe ich auch beim Dreh bemerkt. Es war sehr interessant, wie unterschiedlich die Erfahrungen meiner Teammitglieder waren, was sie als Kind als normal empfunden haben oder auch jetzt noch als normal empfinden. Bei manchen waren die Eltern oft nackt, bei anderen nie. Die Frage ist, wo beginnt es problematisch zu werden? Wann sollte man auch aufhören, vor seinem Kind nackt herumzulaufen? Das sollte man sich fragen, ist das noch okay oder trete ich meinem Kind hier schon zu nahe?

Als ich den Film gemacht habe, dachte ich, Marie, du entscheidest dich jetzt dafür, einen Film zu machen, den vielleicht niemand sehen will, weil niemand von diesem Thema etwas wissen will

Marie Kreutzer

In einer zentralen Szene im Film steht die Ermittlerin Elsa. Sie ist auch zu Hause mit ihrem übergriffigen, dementen Vater konfrontiert und muss ohne Hilfe auskommen. Ihr Bruder nimmt ihr nicht einmal eine Fahrt zum Ikea ab. Darf man das als eine Art von Appell verstehen, einmal darauf zu schauen, wie überbelastet Frauen oft sind?

Es freut mich, dass Sie das so sehen. Interessant waren die Reaktionen in der Schnittphase. Einige Kollegen im Team hinterfragten die Notwendigkeit dieser Szene, Kolleginnen haben sich dafür bedankt. Diese Männer haben gar nicht verstanden, worum es darin geht, nämlich um diese, wie wir es heute nennen, mental load und emotionale Arbeit, die viele Frauen ständig leisten.

Sie zitieren im Film den Song „Boys Don’t Cry“. Ist das ein Hinweis darauf, das Verhalten von Kindern genauer zu betrachten, weil Buben leichter verdrängen können, wenn ihnen etwas angetan worden ist?

Ob das so ist, weiß ich nicht. Deshalb habe ich den Song nicht gewählt, sondern weil er das Stereotyp hinterfragt, dass Buben oder Männer immer stark sein müssen. Es geht vor allem darum, das Bewusstsein bei Erwachsenen zu schärfen, welche Verantwortung wir haben und was wir tun können.

Die Mutter des Täters scheint das Unglück irgendwie gelassen aufzunehmen. Wie kommt das?

Philips Mutter überträgt den Fall den Anwälten, Lucys Mutter wiederum übergibt das Problem einem Psychiater. Das zeigt für mich diese Sprachlosigkeit oder dieses Unwissen, wie wir mit so einem Trauma und mit so einer Tat umgehen, die so tabuisiert ist, und deswegen haben wir auch keine Sprache dafür.

Kindesmissbrauch gibt es auf der ganzen Welt. Ärgert oder schmerzt es Sie denn nicht, dass dieser Film nicht für den Auslands-Oscar eingereicht worden ist?

Ich muss ehrlich sagen, als ich den Film gemacht habe, dachte ich, Marie, du entscheidest dich jetzt dafür, einen Film zu machen, den vielleicht niemand sehen will, weil niemand von diesem Thema etwas wissen will. Das hätte auch passieren können. Aber der Film lief nicht nur in Cannes, sondern wurde in den USA groß an Netflix verkauft und, soweit mein Letztstand, an über 40 weitere Territorien. Aber bei diesem Film denke ich nicht an Preise oder in Karriereschritten, sondern, wie kann ich damit möglichst viele Menschen erreichen und deren Blick für dieses Thema schärfen?

Das heißt, der Film ist auch ein Versuch, Kinder zu schützen?

Das ist mir gerade das Wichtigste.

Verhalten Sie sich seit Ihren Recherchen zum Film anders zu Kindern?

Ich habe aufgehört, Kinder anderer Leute, auch die guter Freunde, einfach zu berühren. Ich gebe ein Beispiel: Früher fuhr ich immer wieder dem einen oder anderen Kind durch die Haare, wie man es eben so macht. Das mach’ ich jetzt nicht mehr. Jetzt warte ich, bis sie von selbst zu mir kommen. Wenn jeder einem Kind auf den Kopf greift, dann glaubt es am Ende, es dürfe sich von jedem angreifen lassen. Aber, ich bin zu Kindern so höflich wie zu Erwachsenen.

Steckbrief

Marie Kreutzer

geboren
25.08.1977

Marie Kreutzer wurde 1977 in Graz geboren. Sie studierte Drehbuch und Dramaturgie an der Filmakademie in Wien. 2011 kam in Berlin ihr Spielfilmdebüt „Die Vaterlosen" beim internationalen Filmfestival Berlinale zur Premiere. Mit dem Film „Corsage" verschaffte Kreutzer ihrer Hauptdarstellerin Vicky Krieps Auszeichnungen bei den Filmfestspielen in Cannes, Sarajevo und beim europäischen Filmpreis in der Kategorie beste Darstellerin. Kreutzer lebt mit ihrer Familie in Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.

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