ABO

Nenda: „Es ist schade, dass Kunst auf solche blöden Zahlen reduziert wird“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
13 min
Artikelbild

Nenda

©suna.films

Nenda Neururer über Selbstbewusstsein, Ausgrenzung und ihre Musik zwischen verschiedenen Genres und Sprachen. Die Musikerin spricht über Klicks als Währung, KI im Musikgeschäft und mehrere Heimaten.

News auf Google bevorzugen

Nenda Neururer stieg 2021 mit ihrem gesellschaftskritischen Rap-Song „Mixed feelings“ binnen kürzester Zeit auf die Spitze der FM4-Charts. Im Herbst letzten Jahres legte sie mit  ihrem Album „KRRRA“ nach. Das Debüt ist ein aus den  unterschiedlichsten Genres, Stimmungen, Themen und Sprachen zusammengesetztes Gesamtkunstwerk, für das ihr im März der FM4 Amadeus Award verliehen wurde. Die Musikerin, Schauspielerin und Filmemacherin wuchs in Tirol auf, lebte über ein Jahrzehnt in London und zieht momentan nach Wien. Über Zoom spricht sie mit mir über den Krampus im Ötztal, Selbstbewusstsein, Ausgrenzung, Klicks, KI und Heimat.

Der Krampus nimmt der Legende nach Kinder in seinem Korb mit, schlägt sie oder verbannt sie in die Hölle. Hattest du als Kind Angst vor dem Krampus?

Ja, ich hatte sehr große Angst vor dem Krampus. Es ging weniger darum, dass meine Familie mir gedroht hat, sondern darum, dass dort, wo ich aufgewachsen bin als Krampus verkleidete Männer am Abend durch das Dorf laufen. Die haben ihre Ruten und laufen damit den Leuten hinterher und da kann es auch schon mal vorkommen, dass man da was abkriegt. Ich hatte immer große Angst im Dunklen heimzugehen, wenn ich gewusst habe, dass auf diesem Weg Krampusse sind, weil man so winzig ist und das sind so riesige Gestalten mit Haaren und Fell.

In dem Titelsong von deinem Debütalbum holst du dir die Figur des Krampus wieder zurück, was steckt da dahinter?

Erstens weil man sich seinen Ängsten stellen muss und ja auch selbst zu diesem Monster werden kann. Zweitens weil es ein sehr männlicher Brauch ist, also viele Vereine nehmen keine Frauen auf. In meiner Schulzeit hatte ich eine Freundin, die heimlich eine von den Krampussen war und sie hat gesagt, wenn die Jungs rausfinden, dass da ein Mädchen darunter steckt, dann wird sie verprügelt. Das habe ich damals sehr mutig von ihr gefunden. Vor allem weil, sich seitdem auch wenig getan hat dachte ich mir, da könnte sich doch mal was ändern.

Du wirkst in Situationen wie die Eröffnung der Wiener Festwochen oder bei den Amadeus Awards absolut authentisch selbstbewusst. War dieses Selbstbewusstsein schon immer da?

Ich habe mir das auf jeden Fall erkämpft. Ich war ein sehr schüchternes Kind und immer sehr leise, wenn fremde Menschen da waren. Irgendwann habe ich dann bewusst entschieden, dass ich das ändern möchte, weil es einfach mehr Spaß macht, offener zu sein und so habe ich das dann auch irgendwie geschafft. Ich nehme an, meine Freundschaften in der Schulzeit haben da auch viel bewirkt. Das ist dann aber gekippt und ich war auf einmal sehr vorlaut und frech, aber wahrscheinlich wollte ich einfach kompensieren, dass ich früher so schüchtern war.

Was würdest du Menschen, die zum Beispiel aufgrund von ihrer Hautfarbe ausgegrenzt werden mitgeben, um auch selbstbewusst zu werden?

Heutzutage kann man glücklicherweise im Internet viele Menschen finden, wenn es im Umfeld niemanden gibt, mit denen man sich über diese Erfahrungen austauschen kann. Dieser Austausch mit Leuten ist sehr wichtig und ich würde allen empfehlen nach Gruppen zu suchen, in denen man frei über so etwas reden und sich inspirieren lassen kann. Wenn man zum Beispiel sieht, wie die Person ihre Haare macht, dann kann ich das vielleicht auch so machen. Es geht darum zu versuchen, ein Umfeld zu schaffen von Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Obwohl man an diesen Klicks nicht wirklich etwas verdient, sind sie trotzdem viel wert.

NendaMusikerin und Schauspielerin

Dein im Herbst 2025 erschienenes Debütalbum „KRRRA“ ist eine 37-minütige Fahrt durch verschiedene Genres und Themen, hauptsächlich auf Englisch, aber auch Deutsch und sogar Spanisch. War es dir wichtig dich nicht auf einen Sound oder eine Sprache festzulegen, und wenn ja warum?

Das ist ganz organisch passiert, ich höre selbst sehr viel unterschiedliche Musik und mein Produzent Femi Temowo, mit dem ich dieses Album gemacht habe, ist  sehr ermutigend gewesen, dass man sich nicht nur auf ein Genre versteifen sollte, sondern einfach alles veröffentlicht. Er hätte sich gewünscht, dass er früher selbst einfach alles, was ihm gefallen hat veröffentlicht hätte und nicht nur das, was vermeintlich in seine Schiene passt. Das Album kommt ja vom Herzen und so ist auch hoffentlich für alle etwas dabei.

Du stehst sehr hinter deinem Album wie man merkt, wie wichtig sind dir Hörerzahlen, Klicks und Reichweite?

Ich würde gerne sagen, dass es total unwichtig ist, aber Klicks sind die Währung in dieser Industrie und wenn man über eine Million Aufrufe bei einen Song hat, dann bringt einen das auf jeden Fall weiter. Es ist schade, dass Kunst auf solche blöden Zahlen reduziert wird. Und obwohl man an diesen Klicks nicht wirklich etwas verdient, ist es trotzdem viel wert.

Aber du würdest nicht etwas extra dafür kreieren, um viele Menschen zu erreichen?

Nein, niemals. Ich glaube, das funktioniert auch gar nicht. Das ist dann unauthentisch und die Leute können das immer raushören. Auch KI-Musik kommt einfach von keinem Herzen. Oder in Hollywood, wo sie immer wieder das gleiche noch einmal produzieren, weil es doch schon einmal funktioniert hat. Das ist doch einfach Blödsinn, wenn man immer nur in die Vergangenheit schaut. Man muss in die Zukunft schauen!

In Zeiten, in denen KI auch im Musikbusiness angekommen ist, siehst du darin eine Konkurrenz?

Im Moment noch nicht, weil es wie gesagt sehr unauthentisch klingt. Meiner Meinung nach ist es momentan schon recht gut erkennbar, wenn Musik nicht von echten Menschen gemacht ist. Und ich glaube sobald die Leute wissen, dass keine echte Person dahinter steckt, wollen sie es sich gar nicht mehr anhören. Das ist im Moment mein Gedanke. Aber es entwickelt sich natürlich so schnell in irgendwelche Richtungen die einem wirklich Angst machen. Ich mache mir auf jeden Fall schon Gedanken darüber.

Blurred image background

Cover des Debütalbums „KRRRA“

Merkst du ob die Schauspielerei oder das Filmemachen  mehr oder weniger davon betroffen sind?

Es ist überall ähnlich. Es gibt ja auch schon KI Schauspielerinnen. Da sehe ich genau das Gleiche, also man merkt immer noch, dass es keine echte Person ist und unauthentisch wirkt. Ich glaube sehr an das Gute in den Menschen und hoffe, dass wir irgendwann erkennen, dass wird das eigentlich nicht wollen und irgendwo einen Schlussstrich ziehen. Weil dazu kommt auch die ganze Klimadebatte. Die Erde brennt, literally. Und diese KI-Modelle verbrauchen so viel Wasser, Ressourcen und Platz. Also das ist auf keinen Fall sustainable.

Im Song „mountain goat“ geht es um das Aufwachsen im Ötztal. Du singst „I don’t know where to go/ This goat hardly goes on mountains/ I’m a city goat“: Bist du jetzt eine mountain goat oder eine city goat?

Ich bin in den Bergen in einem kleinen Dorf in Tirol aufgewachsen. Das heißt ich war von Haus aus eine Mountain Goat. Aber ich bin schon immer in die größeren Orte geflüchtet. Einfach aus der Erfahrung heraus, ausgegrenzt zu werden wegen meiner Hautfarbe. Und ich habe immer schon gewusst, dass man in größeren Städten weniger auffällt und ein bisschen mehr untergehen kann. Deshalb bin ich nach Innsbruck und dann direkt nach London gegangen. In London sammeln sich Menschen mit den verschiedensten Hintergründen und es ist schön so viele unterschiedliche Kulturen zu erleben und von ihnen lernen zu dürfen.

Das heißt es zieht dich nicht wieder zurück in deine Heimat?

Nein.

Aber du nennst das Ötztal auf jeden Fall deine Heimat?

Ja. Es ist der Ort, in dem ich aufgewachsen bin und 18 Jahre meines Lebens verbracht habe. Aber ich finde, man kann sich Heimat auch aussuchen und man kann auch mehrere Heimaten haben.

Eine letzte offene Frage zum Schluss: Wie geht’s weiter mit Nenda?

Ich habe im Dezember meine Tour, auf die ich mich schon sehr freue. Für nächstes Jahr ist auch wieder neue Musik geplant und mit der Schauspielerei läuft es gerade auch nicht schlecht. Also es geht einfach immer so weiter.

Heißt neue Musik ein neues Album?

Im Moment sind es Singles, die nächstes Jahr kommen. Aber ein Album ist auch schon irgendwo im Hinterkopf am Brodeln.

Das Musikvideo zum Song „Mountain Goat“.

Das heißt es zieht dich nicht wieder zurück in deine Heimat?

Nein.

Aber du nennst das Ötztal auf jeden Fall deine Heimat?

Ja. Es ist der Ort, in dem ich aufgewachsen bin und 18 Jahre meines Lebens verbracht habe. Aber ich finde, man kann sich Heimat auch aussuchen und man kann auch mehrere Heimaten haben.

Eine letzte offene Frage zum Schluss: Wie geht’s weiter mit Nenda?

Ich habe im Dezember meine Tour, auf die ich mich schon sehr freue. Für nächstes Jahr ist auch wieder neue Musik geplant und mit der Schauspielerei läuft es gerade auch nicht schlecht. Also es geht einfach immer so weiter.

Heißt neue Musik ein neues Album?

Im Moment sind es Singles, die nächstes Jahr kommen. Aber ein Album ist auch schon irgendwo im Hinterkopf am Brodeln.

Steckbrief

Nenda

Beruf
Musikerin und Schauspielerin

Nenda Neururer ist eine Künstlerin aus den Tiroler Alpen. Als Schauspielerin ist sie aus Serien wie „The Rising“ (Sky) und „Belgravia: The Next Chapter“ (MGM+, Amazon) bekannt. Als Musikerin hat sie den FM4 Amadeus Award 2026 und diverse Auszeichnungen für ihre selbstproduzierten Musikvideos gewonnen. Sie war ein Featured Artist auf „BBC Introducing London“ (Juni 2026) und ihre Debutsingle „Mixed Feelings“ toppte die FM4 Jahrescharts 2021.

Nendas Debutalbum „KRRRA“ wurde im Herbst 2025 veröffentlicht, darauf bespricht sie wie gewohnt Themen wie Identität und gesellschaftspolitische Fragen. Das Album bringt Einsicht in ihre Lebenswelt – als Tirolerin sowie Londonerin, als Mauerblümchen sowie „Boss-Bitch“.

Wie geht's weiter?

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER