Im Wiener Aktionismus Museum braucht niemand Vitrinenscheiben zu zertrümmern, um überregionale Aufmerksamkeit zu erzeugen: Die Debatte um ein bedeutendes Werk und persönliche Verfehlungen heizt die sehenswerte Personale des Aktionisten Otto Muehl an. Ab 10. September in der Weihburggasse 26 beim Stephansplatz.
Um sich zwischen diese Konfliktparteien zu stellen, bedarf es einer Art Unerschrockenheit, deren Mobilisierung andere unter Verweis auf ein prallvolles Lebenswerk gar nicht erst angestrebt hätten. Auf der einen Seite ist Klaus Albrecht Schröder jetzt hauptzuständig für die Dokumentation und Bewertung eines Werks, dessen kaum bestrittene künstlerische Qualität gegen die persönlichen Verfehlungen seines Schöpfers beschützt werden muss: eine Aufgabe, groß genug für eine Fußnote in der Kunstgeschichte. Auf der anderen Seite gibt es Opfer, die von medialer Seite nicht immer uneigennützig beraten werden.
Und am 8. September 2026 eröffnet im privaten Wiener Aktionismusmuseum, das der frühere Albertina-Direktor seit einem Jahr leitet, eine Ausstellung, die den Konflikt schon im Titel trägt: „Otto Muehl. Kunst am Abgrund“ bringt das Dilemma auf die Formel. Als Mitbegründer des kulturhistorisch relevanten Wiener Aktionismus wollte Muehl Kunst und Lebensrealität ineinander aufgehen lassen, doch das Unternehmen misslang ihm grausam.
Das pervertierte Paradies
Die in den frühen Siebzigerjahren begründete Kommune Friedrichshof in der burgenländischen Parndorfer Heide legitimierte sich aus den Theorien des österreichischen Sexualforschers Wilhelm Reich und dem kommunistischen Ideal der Zerstörung der Kleinfamilie. Heute ist derlei auf dem Schuttabladeplatz der Zeit gelandet, wie Schröder festhält. Aber damals stand Reichs Ansatz der „freien Sexualität“ schon im Kindheitsalter bei der Linken hoch im Kurs, provozierte er doch die Kirche.
Das Modell pervertierte sich bald. Die Kommune erkannte die Zeichen der anbrechenden Yuppie-Zeit, von Reaganomics und Thatcherismus. Man betrieb Außenstellen bis in die USA und stieg mit Millionenprofit ins Versicherungsgeschäft ein. Das Geld wurde an die burgenländische Zentrale Friedrichshof überwiesen, um einer scheinbaren Elite das Leben in vorgeblicher Freiheit zu finanzieren.
Dort aber bahnte sich bald deren Gegenteil an. Ende der Achtzigerjahre begannen die Behörden, wegen Kindesmissbrauchs zu ermitteln.
Schröder: „Muehl wurde dafür zu Recht schwer bestraft, denn er wusste, dass das Schutzalter für Unmündige bei 14 Jahren lag, ob das bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, auch den deutschen Grünen, recht war oder nicht. Aber seine Idee der Grenzüberschreitung, die ihn in der Kunst zu größten Höhen führen konnte, hat er auch im sozialen Leben verwirklicht.“ 1991 wurde Muehl zu sieben Jahren Kerker verurteilt, die er – atypisch – trotz guter Führung bis zum letzten Tag absaß.
Seine letzten Jahre verbrachte er, als Künstler unbestritten, in einer portugiesischen Kommune. Er starb, schwer an Parkinson erkrankt, im Mai 2013.
Kunst im Fadenkreuz
Mittlerweile aber hat sich der Umgang mit Kunst und ihrer Abgrenzung gegen die privaten Umstände ihres Schöpfers verändert. Und so tobt um die nun vor der Eröffnung stehende Ausstellung ein medial befeuerter Konflikt, der mit dem 2024 begründeten Museum nur mittelbar zu tun hat.
Die Bestände des Museums sind die verbliebenen der nach wie vor bestehenden Genossenschaft Friedrichshof, die mit Muehls Verhaftung einen steilen Weg abwärts nahm. Seinem Werk drohte der Notverkauf in Gott weiß welche Himmelsrichtungen. Da erwarb eine Gruppe wohlhabender privater Kunstenthusiasten das gesamte Konvolut und begründete das Aktionismusmuseum. Die Genossenschaft lukrierte bei dieser Gelegenheit mehrere Millionen, um deren Verteilung nun Prozesse ohne absehbares Ende geführt werden. Man habe sich mit nicht näher bezeichneten Opfern auf 2,5 Millionen geeinigt, las man zuletzt, doch es gibt unter den Betroffenen auch Einsprüche.
Die Cancel Culture, die hier versucht, einen Künstler mundtot zu machen, dessen Geld man haben will, verurteile ich als das Gegenteil dessen, was die Wissenschaft braucht
Zentrale Bedeutung kommt dabei der „Gruppe Mathilda“ zu, die sich aus sechs Kindern der allerletzten Kommunengeneration rekrutiert. Sie wurden unbestrittenerweise nie Opfer sexueller Übergriffe und waren maximal neun Jahre alt, als die Kommune nach Muehls Verurteilung detonierte.
Aber was sie zu erdulden hatten, reicht für tiefe Blessuren in den Kinderseelen. „Sektenähnliche Züge, die abscheulich sind“, räumt auch Schröder ein. Man pflog – die Perversion des Freiheitsideals der Gründerzeit – das pädagogische Ideal strenger Hierarchisierung. Tag für Tag wurde jeder Kommunenbewohner aufs Neue „bewertet“. Wer heute als schick gekleidete Prinzessin von sechs Jahren die Nummer eins war und von der Gruppe adoriert wurde, konnte morgen, abgewählt und gedemütigt, hinter den anderen hertrotten und das Essen im Stehen einnehmen.
„Es ist mir heute unverständlich, dass hier Hunderte Erwachsene mitgetan haben“, ergänzt Schröder. „Die wurden aber nicht angezeigt, daher auch nicht verurteilt, meist, weil die Kinder ihre Eltern nicht verlieren wollten. Nur Otto Muehl und seine Frau Claudia wurden zu harten Strafen verurteilt.“ Er verstehe die Position der „Gruppe Mathilda“, wobei sich deren finanzielle Forderungen gegen die Genossenschaft richteten und mit dem Museum nichts zu tun hätten.
Das will die Gruppe Mathilda
Die Gruppe formierte sich 2019 angesichts einer Ausstellung auf dem Friedrichshof mit folgenden Worten:
Die unter dem Deckmantel der Kunst ausgeübte und zelebrierte sexuelle, physische und psychische Gewalt, welche nicht nur Entstehungsbedingung, sondern auch zentraler Inhalt des gesamten Werkes Otto Muehls ist, wurde nicht thematisiert. Angesichts dieser Verkaufsausstellung am Täterort konnten und wollten wir nicht mehr in der Betroffenenecke sitzen und schweigend beiwohnen, wenn im Namen der Freiheit der Kunst durch Otto Muehls unkommentiertes Œuvre weiterhin Gewalt zum Mittel von kunstbewegter Gesellschaftsreform stilisiert wird.
Als Reaktion haben wir, einige ehemalige Kinder der Kommune Friedrichshof, die Gruppe Mathilda gegründet und sehen sie als eine offene Plattform, um alternative Perspektiven auf das Werk von Otto Muehl einzubringen. Uns ist es ein Anliegen, dass der Entstehungskontext seiner Kunst nicht ausgeblendet, sondern transparent gemacht wird.
Offensiv gegen das Werk
Aber jetzt gehe es offensiv gegen die Verbreitung von Muehls Werk, ein Vorgang, den er als Wissenschafter zu bekämpfen habe. „Heute versucht eine Gruppe von Kindern der zweiten, jüngsten Generation, jegliche Forschung zu unterdrücken, jede Publikation, jede andere Perspektive als deren eigene zu verbieten. Das macht mir große Sorgen, dass manche heute keine unterschiedlichen Diskussionen zulassen wollen. Ich kann es nur auf meine Kappe nehmen, dass ich in dem einen oder anderen Fall aus eigener Entscheidung dem Problem aus dem Weg gehe und zensuriere.“
In der Ausstellung habe kein Objekt Platz gefunden, auf dem ein Opfer zu sehen sei (in einem Fall gibt es Auffassungsunterschiede). „Das ist schlicht und ergreifend eine Zensur, die ich selber vornehme. Ich finde es in manchen Fällen nicht richtig, aber ich sehe keinen anderen Ausweg.“
Kaum noch handelbar
Muehls Werk sei heute kaum noch handelbar, sagt Schröder, seit es von Laien für künstlerisch wertlos erklärt wurde. Während der Kunstmarkt floriere, verharre man bei Muehl bisweilen unter 10.000 Euro. Purer Widersinn also, den Museumsbetreibern Profitgier mit Täterkunst vorzuwerfen: „Erst sollte der Verkauf so teuer wie möglich stattfinden, und als er tatsächlich um einige Millionen getätigt war, hat die Gruppe Mathilda das Werk für künstlerisch wertlos erklärt. Für ,Täterkunst‘, die nicht ästhetisch interpretiert werden darf.“
Ob er sein Engagement beim Museum jemals bereut habe? „Nein, nicht eine Sekunde. Es geht hier darum, die Wissenschaft zu zensurieren, und da halte ich dagegen. Die Gegenpublikationen haben mit Wissenschaft nichts zu tun, hier bemühen sich Laien, den Diskurs und die Interpretation von Quellen zu monopolisieren. Das ist das Gegenteil dessen, was offene Wissenschaft braucht. Daher verurteile ich das. Die Cancel Culture, die hier versucht, einen Künstler mundtot zu machen, dessen Geld man haben will, verurteile ich. Die Regierung hätte sich überlegen sollen, ihnen eine Wissenschaftsförderung zukommen zu lassen.“
Die Ausstellung
Man möge, kommt er endlich zum Relevanten, das Werk in seiner Größe sprechen lassen.
Die Ausstellung beginnt bei der aktionistischen Malerei der frühen Sechzigerjahre, Riesenformate aus braunem Schlamm, zerwühlt und zerfetzt. Das zugehörige Menschenbild musste sich Muehl, der die Ardennenschlacht überlebt hatte, im Krieg aneignen: beschmutzt, besudelt, zerstört, um seine Identität betrogen. Dazu sieht man Fotografien der Aktionen, die denen des großen Hermann Nitsch an Radikalität voraus sind – dort konsequente Ästhetisierung, hier der Mensch in kreatürlicher Ausgesetztheit.
Kapitel zwei betrifft die mittleren Siebzigerjahre, als die Kommune formiert war und der Gründer wieder zu malen begann. Die Bilder aus dem Geist der „neuen Wilden“ sind aus der „Raserei“ (Muehl) entstanden, heftig, spontan, farbenschreiend,
Aus der „wilden" Zeit: „Ohne Titel", 1983 Öl aufLeinwand, 140 x 130 cm
© Bildrecht, Manuel Carreon Lopez, WIENER AKTIONISMUS MUSEUMDie Ausstellung endet in den Achtzigerjahren, ehe alles detonierte. Die „Erdbeben“-Serie, entstanden teils zu Benefizzwecken nach der Apokalypse anno 1980 in Süditalien, wird hier mit scheinbar Konträrem verschnitten: Die Serie „Unfälle im Haushalt“ erheitert sich über Zeitungsberichte, die zu Zeiten des west-östlichen Wettrüstens mit Atomraketen nicht müde wurden, vor den Schrecken instabiler Stehleitern und stromführender Haushaltsgeräte in Badewannennähe zu warnen.
Die Zeit im Gefängnis und nachher ist nicht mehr Gegenstand der Ausstellung. Als es sich über ihm schon zusammenzog, schuf Muehl meditative, fast monochrome Riesenformate, die Parndorfer Heide darstellend. „Darin artikuliert sich die Sehnsucht nach Stabilität, Sicherheit und Ruhe“, schließt Schröder. „Paradoxerweise entstehen diese Bilder der Sehnsucht in einer Zeit, in der Muehls eigenes Leben zerfällt und er in seinem Größenwahn, seiner Empathielosigkeit Mädchen in das Sexualleben der Kommune eingeführt hat: mit verheerenden Folgen für diese, für ihn, für die utopische Gemeinschaft.“
Wie immer also, wenn es um große Kunst geht: Alle Fragen offen.
Steckbrief
Otto Muehl
Otto Muehl, geboren am 16. Juni 1925 in Grodnau, Burgenland, wurde er von den Nazis in den Krieg geschickt, studierte dann in Wien Kunst und begründete mit Nitsch, Brus und Schwarzkogler den einflussreichen Wiener Aktionismus. Die von ihm begründete Kommune Friedrichshof pervertierte sich ins Gegenteil des Beabsichtigten. Muehl saß ab 1991 sieben Jahre im Gefängnis. Er starb am 26. Mai 2013 am portugiesischen Altersruhesitz.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.
